Narrative Science, der Autorenschreck?

Schreiben Bücher sich in Zukunft von allein?Vor einiger Zeit gab es in unserem Blog eine lebhafte Diskussion darüber, ob das Aufkommen interaktiver E-Books auf lange Sicht den Tod des klassischen Buches bedeuten könnte. Viele Leserinnen und Leser fühlten sich sehr angesprochen und haben mit viel Herzblut Ihre Meinung vertreten: Die klare Mehrheit zeigte sich überzeugt, dass das klassische Buch niemals aussterben könne und dass interaktive E-Books keine ernsthafte Gefahr darstelle. Gerade aus Autorensicht – also aus der Perspektive von Menschen, die hobbymäßig oder haupt- oder nebenberuflich mit der Qualität von Texten zu tun haben – kommt man nicht darum herum, sich zu diesem Thema eine entschiedene Meinung zu bilden.

Nun gibt es eine neue Entwicklung, die in eine ähnliche Richtung geht und eine noch viel größere Gefahr darzustellen scheint. Diesmal nicht für das Buch, sondern für die ganze Autorenzunft. Das Stichwort lautet: Narrative Science. Dabei handelt es sich um eine Firma, die vor zwei Jahren in Chicago gegründet wurde und einen einzigartigen Service anbietet: Mittels eines eigens entwickelten Programms können voll automatisiert Gebrauchstexte über zuvor eingegebene Daten erstellt werden. Solange eine gepflegte Datenbank besteht, können die darin enthaltenen Informationen durch das Programm in einen Text umgewandelt werden. Vor der Erstellung ist es möglich, die Länge, das Format und sogar die Tonalität des Artikels zu bestimmen.

Was kann Narrative Science leisten?

Nun muss man sich fragen, wie viel „narrative“ überhaupt tatsächlich in den von Narrative Science erstellten Texten steckt! Wird in den Texten gut erzählt, können sie den Leser packen und fesseln? Verfügt der Schreibroboter über breitgefächerte Ausdrucksfähigkeiten oder geht es bloß um die kurze und prägnante Wiedergabe von Informationen? Nicht nur aus SEO-Perspektive kann auch ein Text durchaus wertvoll sein, der ohne rhetorische Mittel und hübsche Umschreibungen auskommt. Doch dabei soll es laut Kris Hammond, dem technischen Leiter der Firma, nicht bleiben: In einem Bericht der New York Times im letzten Jahr behauptete er, dass schon in fünf Jahren damit zu rechnen sei, dass ein auf der Narrative Science-Technologie basierendes Programm den Pulitzer-Preis gewinnen wird.

Narrative Science und SEO

Wer so selbstbewusst von seinem Schreibdienst sprechen kann, der muss ein paar sehr überzeugende Vorzüge des Programms im Hinterkopf haben. Und tatsächlich gibt es einige Punkte, die Narrative Science wie eine gute Idee erscheinen lassen. Direkt zu Beginn schicken die Entwickler voraus, dass Narrative Science keine Bedrohung für menschliche Journalisten darstellt. Die Idee sei es bisher, durch Narrative Science den ‘Kleinkram’ abzuhandeln, damit den Schreiberlingen mehr Zeit für authentischen Journalismus bleibt. Auf diesen Punkt werde ich später noch einmal zu sprechen kommen.

Nicht nur kurze journalistische Texte, beispielsweise über aktuelle Sportergebnisse, Aktienkurse oder Unternehmerzahlen, sondern auch suchmaschinenoptimierte Texte könnten schön bald automatisiert erstellt werden. Bei der Bewertung derselben muss bedacht werden, ob das Programm genau so gut über aktuelle SEO-Vorgaben ‘bescheid weiß’ wie SEO-Agenturen oder Content-Anbieter, die Ihre Kunden in diesen Belangen beraten. Werden Neuerungen in der SEO-Szene, beispielsweise durch zukünftige Google-Updates, automatisch in den Programm-Algorithmus aufgenommen oder müssen immer noch die Programmierer die Neuerungen ins System einpflegen? Hier wird man die Entwicklung abwarten müssen.

Die Vorzüge von Narrative Science

Fest steht, dass die Textbeschaffung über Narrative Science und andere ähnliche Anbieter – wenn denn die Textqualität überzeugen kann – eine sehr unkomplizierte und möglicherweise auch kostengünstige Möglichkeit darstellen könnte, um beispielsweise regelmäßig Content für einen Blog nachzuliefern. Die Kommunikation mit den Agenturen und Autoren würde größtenteils entfallen. Gerade Webseiten, die in irgendeiner Form mit Zahlen und anderen leicht zu verarbeitenden Daten zu tun haben, könnten so stets zeitnah frisches Updates schalten – und das auch noch vollautomatisch!

Viele Content-Kunden befürchten vor dem Textkauf, dass die Schwankungen und Ungleichheiten im Stil und in der Qualität der gekauften Texte zu groß sein könnten, wenn mehrere verschiedene Autoren beteiligt sind. Die unterschiedlichen Texte verhindern, dass ein einheitliches Bild des Contents der betreffenden Seite entstehen kann, so die Befürchtung. Zwar gibt es bei den meisten größeren Content-Anbietern zahlreiche Mittel und Wege, dem entgegen zu wirken. Dennoch scheint Narrative Science hier auf den ersten Blick eine einfachere Lösung bieten zu können: Wenn alle Texte aus einer virtuellen Feder stammen, dürften auch die Texte über einen einheitlichen Stil verfügen. Doch hier könnte sich auch ein Problem verbergen…

Wann stößt Narrative Science an seine Grenzen?

Wenn alle Texte zu sehr wie aus einem Guss wirken, könnten die Texte die Leserinnen und Leser schnell langweilen und auch aus SEO-Sicht als Duplicate Content zu einer Abwertung der betreffenden Seite führen. Hier müsste man also beobachten, ob und wie sich die SEO-Wirksamkeit der Texte entwickelt. Jeder SEO-Autor weiß, wie schwierig es teilweise sein kann, sich immer wieder um einen neuen Wortlaut zu bemühen, wenn man mehrere Artikel zu fast identischen Briefings bearbeitet. Wie Narrative Science mit diesem Problem umgehen würde, muss sich erst noch zeigen.

Das größte Bedenken zu diesem Thema dürfte aber wohl sein, dass ein automatisiert erstellter Text niemals an die Ausdrucksfähigkeit eines menschlichen Autors herankommen kann. Sämtliche Ideen und Mittel, die das Lesen eines Textes zum Genuss machen, verlieren Ihre Wirkung, wenn sie von einer Maschine formuliert werden: Wortwitz, Metaphern, Allegorien… All dies stammt vom Menschen und müsste somit wenigstens einmal von einem Menschen eingepflegt werden. Wenn sich der Schreibroboter nun der zur Verfügung gestellten Mittel bedient, muss doch die Flexibilität und Spontanität fehlen, die ein Autor aus Fleisch und Blut in einen Text einfließen lassen kann… Oder?

Mensch gegen MaschineMensch gegen Maschine

Hier der Punkt, weshalb das Thema Narrative Science gerade uns von content.de besonders interessiert: Oben wurde der „authentische Journalismus“ bereits angesprochen – hinter diesem Begriff verbirgt sich offenbar die Verbindung von zielsicherer, professioneller Recherche und einer interessanten und ansprechenden Aufarbeitung von gesammelten Informationen. Das impliziert, dass sich Narrative Science bisher besonders dafür anbietet, kürzere Texte über leicht zu verarbeitende Daten anfertigen zu lassen. Die Gefahr: Solange das Programm stetig weiterentwickelt wird, ist nicht auszuschließen, dass auch das Verfassen von kurzen SEO-Texten, Produktbeschreibungen etc. schon bald automatisiert werden kann. Gerade hier liegt aber das hauptsächliche Tätigkeitsgebiet von Freelancer-Autoren wie euch! Stellen wir uns vor, in fünf Jahren geht der Pulitzer Preis an Narrative Science und auch die SEO-Szene ist auf den Zug aufgesprungen. Stellt das Programm eine ernstzunehmende Bedrohung für die Zunft der SEO-Autoren dar? Oder gibt es Aufgaben und Anforderungen, die an Autoren gestellt werden, die von einer Maschine niemals erfüllt werden können?

Eine abschließende Bemerkung…

Das US-amerikanische Businessmagazin „Forbes“ betreibt seit einiger Zeit einen Blog, der ausschließlich mit Texten aktualisiert wird, die durch Narrative Science verfasst werden. Wer einen Blick in den Blog wagt, kann sich ein eigenes Urteil bilden: Merkt man, dass die Beiträge automatisch erstellt wurden?

 

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8 Antworten auf Narrative Science, der Autorenschreck?

  1. Bernd Hupperich sagt:

    Schade, habe mich schon so an die schöne Autorentätigkeit im Internet bei Content.de gewöhnt, aber wenn die bösen Maschinen und Roboter im Anmarsch sind, lässt sich dieser Zug wohl nicht mehr aufhalten….

    Liebe Grüße an alle Mitautoren und das Team von Content.de

  2. David B. sagt:

    Aus Autorensicht ist diese Entwicklung natürlich bitter allerdings war ja vorhersehbar, dass es früher oder später so kommen würde. Aus Sicht des Kunden ist dieses Programm sicher ein Highlight. Je nachdem wie schnell und vor allem, wie gut es realisiert wird. Die Automatisierung von Arbeitsprozessen ist grundsätzlich ja eine feine Sache und hat ja auch schon immer in Produktion und Handel stattgefunden. Die Menschen die durch Maschinen, oder in diesem Fall Programme ersetzt werden sollten den Sand jedoch nicht in den Kopf stecken. Wer die Entwicklung verfolgt und bereit ist sich anzupassen, wird neue Handlungsfelder für sich entdecken. Stillstand ist Rückschritt, also los Texter entdeckt eure kreative Seite.

  3. Katharina sagt:

    Das “Ding” schreibt für 0,02 Dollar/1,5 Cent pro Wort. (Quelle: http://www.taz.de/!89370/)
    Beachtet man seine Entwicklungskosten von sechs Millionen Dollar, ist es also nach nur 400.000.000 Wörtern “bezahlt”.

    Wenn Narrative Science wirklich funktioniert und genau die Qualität abliefert, die stetig verlangt und gewollt ist, muss ich den Entwicklern meinen tiefsten Respekt aussprechen.

    Bis dahin schreibe ich einfach gutgelaunt weiter.
    Da habe ich mehr von, als in Entsetzen zu erstarren und Trübsal zu blasen.

    So ist es nunmal. Wie in jeder Branche.

    Sonnige Grüße an all’ meine “menschlichen Kollegen” ;-)
    Katharina

  4. Katharina sagt:

    300.000.000 Wörter – kleiner Umrechnungsfehler. ;-)

  5. Marina Schott sagt:

    Egal, welche “Schreibmaschinen” in der Zukunft noch entwickelt werden: gegen Mutterwitz, einfühlsame Schilderungen und gekonnte Wortspiele wird eine noch so ausgeklügelte Technik auch in Zukunft nicht mithalten können.
    Der Literaturnobelpreis an “Narrative Science”? Unvorstellbar!

    Liebe Grüße an alle nicht roboterisierten Autorinnen und Autoren von content.de!
    Marina

  6. Juliane Polak sagt:

    Also irgendwie finde ich diese Maschine schon bemerkenswert. Was jedoch viel bemerkenswerter ist, das wir Mensch immer rumjammern es gibt keine Arbeitsplätze und sooooo viieeeellle Arbeitslose.
    Geht ja nicht anders, wenn wir überall Maschinen einsetzen. Um Informationen zusammeln finde ich diese “Dinger” ja richtig gut. Trotzdem sollten Texte oder Artikel einen Menschlichen tatsch haben.

    Unsere Persönlichkeit macht die Texte zu dem, was Sie sind!

  7. Birgit Brüggehofe sagt:

    Narrative Science – für mich die letzte Phase eines seit mehreren Jahren laufenden Prozesses. Denn es stellt sich die Frage: Brauchen wir Texte? Und wenn ja, welche Art von Texten? Schon jetzt treffe ich bei meinen Recherchen immer weniger auf reine Textinhalte, sondern mehr und mehr auf reine Bildinhalte und Videos …

    Meine Prognose: Mehr oder weniger austauschbare Gebrauchstexte (im weitesten Sinn) ohne Not durch Roboter schreiben lassen. Echte Literatur dagegen wird sich nicht derart durchrationalisieren lassen – das ist zumindest meine Hoffnung ;-)!

    Frohes Schaffen :-)
    Birgit Brüggehofe

  8. Janine sagt:

    Birgit Brüggehofe, ich sehe es genauso :)

    Ich habe mir den Forbes-Blog mal genauer angeschaut – was “Narrative Science” dabei leistet, ist zunächst mal die Verwortung respektive leserfreundliche Aufbereitung einer Datensammlung, was ich für Medien/Firmen, die das leisten müssen (von Bloggen über Journalisten bis zu Marktforschern) ebenso wie für Autoren tatsächlich als Entlastung sehe. Eine komplexere Analyse und vor allem eine Bewertung dieser Daten schafft die Maschine jedenfalls bei diesen Beispielen nicht – und selbst wenn das Programm irgendwann selbst so komplex wird, dass es auch werten kann, ginge es dabei um einen Standard, der keine (immer auch subjektiv motivierten und/oder unterlegten) Erkenntnisse, sondern andere Daten zueinander in Beziehung setzt – kann u. U. ebenfalls hilfreich sein und eine Grundlage für weitere – menschliche – Arbeit schaffen, aber aus meiner Sicht eben auch nicht mehr als das.

    Den Pulitzer-Preis wird “Narrative Science” mit Sicherheit nicht schaffen – ein Drehbuch für ein B- oder C-Movie mit Standard-Plot möglicherweise irgendwann. Bei Online-Medien (incl. SEO) trennt sich vermutlich spätestens zu diesem Zeitpunkt die Spreu vom Weizen – was für Online-Texter keine Katastrophe sein muss, sondern vielleicht – aus meiner Sicht sogar sehr wahrscheinlich – eine Chance ist, den Beruf (endlich) auf eine anerkannt professionelle Ebene zu bringen. Letztlich klafft da derzeit eine sehr weite Schere – klassische Werbetexter auf der einen, Online-Texte auf der anderen Seite (und zwar unabhängig von erforderter und erbrachter Leistung, Qualifikation und ähnlichem). Aber – das ist Zukunftsmusik – bisher verarbeitet “die Maschine” simple Daten.

    Liebe Grüße an die Mitautoren und das content.de-Team
    Janine (jelsag)