Journalistisches Genre: das Interview als Darstellungsform des Journalismus

Interview im Journalismus

Teil 3: Textredaktion und Autorisierung des Inhalts

Das Journalistische Interview kennt viele Formen der Realisierung. Ob Radio-, Fernseh- oder Presseinterview – sie alle besitzen entsprechend ihrer medialen Umsetzung besondere Eigenheiten, die den gesamten Prozess der Interviewführung (inklusive Vor- und Nachbereitung) bestimmen.

Presseinterviews unterscheiden sich in einem Punkt wesentlich von Interviews in den elektronischen Medien (Fernsehen und Radio): Sie sind verschriftlicht und benutzen somit einen anderen sprachlichen Code. Während wir in Fernsehen und Radio dem O-Ton des Sprechers lauschen, verlagert sich die Rezeption beim Presseinterview vom auditiven in den rein visuellen Kanal. Wir lesen das Interview, statt es zu hören.

Mit der Verlagerung der Wahrnehmung wird die Produktion, d.h. die Verschriftlichung des Gesagten, zu einem zusätzlichen Arbeitsschritt auf dem Weg zum fertigen Interview. Die Textredaktion ist dabei eine Herausforderung, die grundlegende Textstrategien und sprachliches Feingefühl verlangt.

Gesagt vs. Geschrieben – Konzept und Realisierung

Mündlichkeit und Schriftlichkeit sind Sprachkonzepte, für die jeweils unterschiedliche Regeln gelten. Da sie (typischerweise) in unterschiedlichen Kommunikationssituationen angewendet werden, unterscheiden sich auch die Bedingungen der Kommunikation. Wer gesprochene Sprache verschriftlichen möchte, sollte sich den jeweiligen Eigenschaften und Funktionsweisen mündlicher und schriftlicher Sprache bewusst sein:

Das gesprochene Wort…

 …ist spontan.
Beim Sprechen folgt die Sprachproduktion beinahe unmittelbar auf den Gedanken, den wir beabsichtigen zu versprachlichen. In der Regel reden wir sogar schon, bevor wir den Gedanken überhaupt ganz zu Ende gedacht haben. Die Spontaneität zeigt sich unweigerlich in Phänomenen wie ungrammatische, abgebrochene oder unvollständige Sätze, Denkpausen und Füllwörter.

…ist flüchtig.
Gesagtes kann nicht „zurückgenommen“ oder gestrichen werden. Es ist gesagt und kann lediglich durch weitere Aussagen relativiert, widerlegt oder präzisiert werden. Die Flüchtigkeit gesprochener Sprache führt dazu, dass wir uns beim Sprechen ständig selbst korrigieren, unsere eigenen Aussagen bewerten und sie, anders verpackt, wiederholen.

…unterliegt den Regeln der Rhetorik
Auch wenn uns die vielen unvollständigen Sätze und all die ähms und hmms womöglich als sprachliche Unzulänglichkeiten vorkommen mögen, sind sie in   Wirklichkeit genau das Gegenteil, nämlich rhetorische Strategien, ohne die ein       einfaches Face-to-face Gespräch kaum möglich wäre. Man stelle sich nur einmal vor, wir müssten jeden einzelnen Gedanken erst in einen wohlgeformten Satz bringen, bevor wir ihn äußerten. Jede noch so triviale Plauderei würde zur zeitlichen Herausforderung. Auch sind Sprechpausen und Füllwörter keineswegs nur als    Verzögerungsstrategie für den Sprecher zu betrachten. Ebenso wichtig sind sie für die Rezeption des Gesagten, denn auch der Zuhörer nutzt die „Auszeiten“ für die Verarbeitung und Bewertung des Gehörten.

Das geschriebene Wort…

 …ist geplant.
Schreiben und denken laufen nicht synchron. Wer schreibt, formuliert seine Gedanken, bevor er sie verschriftlicht. Das geht, weil die Kommunikationssituation in der Regel eine andere ist, als bei mündlicher Kommunikation. Produktion und Rezeption sind dabei typischerweise zwei (räumlich und zeitlich) voneinander getrennte Vorgänge. Dies ermöglicht einen erhöhten Planungsgrad, der es uns           erlaubt, unsere Gedanken zu strukturieren, zu präzisieren, zu komprimieren und sie gemäß der grammatischen Regeln der Schriftsprache anzupassen.

…unterliegt den Regeln der Grammatik.
Die Schriftsprache ermöglicht einen analytischen Umgang mit Sprache. Schriftliche Texte vermögen unsere Gedanken und Ideen festzuhalten, nachdem sie bereits intensiv reflektiert wurden. Sie können auf den Punkt formuliert werden. Die Konsequenz sind komplexe Inhalte in kompakter Form. Um die Komplexität der Inhalte präzise zu strukturieren und allgemein verständlich zu formulieren, brauchen      wir feste Regeln: die Grammatik.

Verschränkung von Konzeption und Realisierung

Die Konzeption und die Art der Realisierung sind nicht zwangsläufig aneinander geknüpft, d.h. Mündlichkeit (Konzept) kann zu einem gewissen Grad auch schriftlich (Art der Realisierung), Schriftlichkeit zu einem gewissen Grad auch mündlich realisiert werden. Beispielsweise können wir davon ausgehen, dass die Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin im Vorfeld schriftlich konzipiert und dann lediglich mündlich vorgetragen wurde. Die Konzeption wird in den bedächtig gewählten Worten, den wohlgeformten Sätzen sowie der erkennbaren Dramaturgie der Ansprache deutlich. Andererseits können natürlich auch typische Merkmale der Sprechsprache verschriftlicht werden. Das extremste Beispiel für letzteres wären wohl sprachwissenschaftliche Transkriptionen, die sogar paraverbale Merkmale wie Intonation und Sprechgeschwindigkeit vermerken. Aber auch in der Literatur und den audiovisuellen Medien finden wir eine fingierte Mündlichkeit.
In der Regel sind solche Verschränkungen von Konzeption und Realisierung allerdings auf konkrete Kommunikationssituationen und bestimmte, etablierte Textsorten oder -gattungen beschränkt (Reden, sprachwissenschaftliche Transkription, literarische Texte, etc.).

Das Presseinterview – Transformation der Interviewsituation

Eine der Textsorten, in denen man die erwähnte Verschränkung ebenfalls erwartet, ist das Presseinterview. Die Aufgabe des Redakteurs bzw. Journalisten, der das Interview geführt hat, besteht darin, die mündliche Gesprächssituation in eine Textfassung zu transformieren. Diese Aufgabe birgt allerdings Probleme, die es zu lösen gilt.

Bedeutungsverlust verschriftlichter Texte

Die Transformation der Interviewsituation ist eine Herausforderung, denn es besteht ein gewaltiger Bedeutungsunterschied zwischen der tatsächlichen Interviewsituation und ihrer verschriftlichten Form. Die originäre Kommunikationssituation bietet eine Reihe von Bedeutungsebenen, die ganz unabhängig vom Wortlaut aktiv sind. Gestik, Mimik, Körperhaltung, Intonation und Kontext sind kommunikative Aspekte, welche die Deutung und Bedeutung des Gesagten massiv beeinflussen.
Im schriftlichen Text fallen nun all diese bedeutungstragenden Dimensionen weg. Selbst (oder gerade dann), wenn der Wortlaut des Interviews 1:1 übernommen würde, wäre die Bedeutung abgeflacht und in vieler Hinsicht sicherlich unzureichend bis verfälscht.

Erschwertes Verständnis durch fehlende Grammatik

Von einer 1:1-Übernahme des Wortlautes ist aber auch aus einem ganz offensichtlichen Grund abzuraten. Die rhetorischen Strategien, die in der Face-to-face-Situation wunderbar funktionierten und das Interview nachvollziehbar und verständlich klingen ließen, verwirren dagegen, sobald sie verschriftlicht sind und gelesen werden sollen. Was uns das Verständnis beim Hören erleichtert, erschwert uns die Verarbeitung umso mehr beim Lesen.

Geltende Grundsätze der Textredaktion

Für ein gelungenes und verständliches Interview muss der Journalist bei der Transformation folgende Grundsätze beachten:

Die Sprechsituation kann nicht rekonstruiert werden!

Der Versuch, durch eine 1:1-Übernahme des Wortlautes eine authentische Sprechsituation zu rekonstruieren, hat in den meisten Fällen vielmehr das Gegenteil  zur Folge. Verschriftlicht und in seiner Bedeutung verknappt, wirkt der Wortlaut aufgesetzt, nicht selten sogar entstellt.

Für die Verschriftlichung gelten die Regeln der Schriftsprache!

Die Transformation von Gesagtem in eine Textfassung ist ein Übersetzungsprozess, bei dem die Strategien der Rhetorik durch solche der Grammatik ersetzt werden. Das     ist nicht immer ganz einfach. Die Herausforderung besteht darin, den Gedankengang im Gesagten zu erkennen, die wichtigen Kernaspekte herauszukristallisieren und   diese präzise und vor allem sinngemäß wiederzugeben. Dafür müssen Sätze umgestellt, Formulierungen geändert und Sätze verkürzt werden.

Der Sinn der Aussagen muss erhalten bleiben!

Egal, wie viele Eingriffe in den Text notwendig sind, sie sind gerechtfertigt, sofern die Bedeutung der Aussagen unberührt bleibt. So sind häufig Hintergrundinformationen,    Beispiele oder Herleitungen Opfer des Rotstiftes, da sie zwar das Gesagte einordnen oder veranschaulichen (können), für den Kern der Aussage aber weitgehend unbedeutend sind. Dennoch ist besonders beim Kürzen Vorsicht angebracht. Schon das Weglassen eines Wortes oder Teilsatzes kann die Wirkung einer Aussage verfälschen, etwa wenn der gestrichene Part eine Einschränkung der im Text übernommenen Information beinhaltet. Der Journalist muss bei jeder Kürzung und             Umformulierung prüfen, ob der Inhalt sinngemäß vermittelt wird.

Strategien für ein authentisches Interview in Textform

Trotz der Erkenntnis, dass sich die tatsächliche Sprechsituation nicht rekonstruieren lässt, bedeutet das nicht zwangsläufig den vollkommenen Verlust von Authentizität. Auch innerhalb der Regeln der Schriftsprache bieten sich dem Journalisten Möglichkeiten, die lebendige Stimmung der Sprechsituation und den Gestus des Sprechers zu vermitteln.

Dramatisierung des Dialogs

Möchte der Journalist, dass die lebendige Stimmung einer kontroversen und vielleicht sogar hitzigen Argumentation auch in Textform erhalten bleibt, kann er beispielsweise den raschen Wortwechsel durch einen knappen Frage-Antwort-Wechsel signalisieren. Auch ein gegenseitiges „ins-Wort-fallen“ lässt sich durch wohl dosierte und gezielt platzierte Halbsätze vermitteln. Durch abwechselnd kurze und ausführliche Passagen lassen sich weiter auch Standpunkte und Einstellungen zu den thematisierten Aspekten verdeutlichen. Ein   knappes „Ja, was denn sonst?“ kann in dem entsprechenden Kontext sowohl der Bedeutung als auch dem Duktus des Wortlautes „Naja, also…ich finde, also dazu gibt es ja nun nichts weiteres zu sagen als – ja – …alles andere wäre Blödsinn, meinen Sie   nicht?“ zugeordnet werden.

Charakterisierende Wortwahl wohl dosiert

Auch durch die Wortwahl kann entscheidend zur Erzeugung eines charakteristischen Duktus beigetragen werden. Ist die Redeweise des Interviewpartners auf bestimmte Weise hervorstechend, etwa durch einen besonders saloppen oder derben Ton, so können punktuell gesetzte Ausdrücke der Alltags- bzw. Umgangssprache diesen Stil vermitteln, ohne dabei das Textverständnis zu behindern.

Regionale und soziale Färbungen

Schwieriger wird es, wenn es darum geht, Dialekte oder ein bestimmtes Sprachmilieu im Interview zu skizzieren. Dies sollte sowie nur dann passieren, wenn die regionale oder soziale Herkunft für das Thema des Interviews von Bedeutung ist. Andernfalls könnte eine fingierte Einfärbung schnell zu Irritationen oder gar zur Belustigung des Lesers führen. Ist die Identifizierbarkeit des Dialekts oder des Jargons allerdings ein bedeutungstragender Aspekt, muss er einen Weg finden, den Text einzufärben, ohne dabei die allgemeine Verständlichkeit einzubüßen. Wie bei der individuell- charakteristischen Wortwahl bieten sich auch hier vereinzelte Signalwörter oder     typische Redewendungen an. Ihr Einsatz ist in der Regel viel effektiver, als der Versuch, den Dialekt oder den Jargon mit all seinen Eigenheiten zu verschriftlichen.

Wie ausgeprägt der Journalist die Sprechsituation „nachempfinden“ möchte und welche Strategien er für die Verschriftlichung anwendet, ist ihm selbst überlassen. Seine Entscheidung hängt meist auch vom Typ des Interviews selbst ab.
Bei gegenstandsbezogenen Interviews (Sachinterviews) stehen vor allem die Verständlichkeit der Inhalte und die Genauigkeit der Darlegungen im Vordergrund. Bei verschränkten Interviews (Meinungsinterviews) geht es darum, die Einstellung des Sprechers zu einem Thema auf den Punkt zu bringen und die Argumentation spannend zu gestalten. Bei der Textredaktion sollte deshalb der Fokus auf die Zuspitzung der Argumente gelegt werden.

Personenzentrierte Interviews haben das Ziel, den Sprecher zu charakterisieren. Hier sollten Gestus und Ausdrucksweise, etwa Vorlieben in der Wortwahl, berücksichtigt und mit den geeigneten Strategien vermittelt werden.

Autorisierung von Interviewinhalten – eine Sache der Fairness

Die Verlagerung der Interview-Inhalte vom mündlichen ins schriftliche Medium und die damit einhergehenden redaktionellen Eingriffe in den Text lassen die Frage nach einer Autorisierungspflicht aufkommen. Wenn die getroffenen Aussagen des Interviewten verändert werden, liegt dann nicht das letzte Wort beim ihm, wenn es um die Veröffentlichung geht? Diese Frage ist berechtig und hat auch in vielen Fällen schon für Konflikte gesorgt. Sie ist jedoch nicht immer einfach zu beantworten, denn das Urteil über gerechtfertigte und ungerechtfertigte Änderungen ist meist subjektiv und von persönlichen Empfindungen beeinflusst.

Eine Autorisierung ermöglicht dem Interviewten das Gegenlesen vor Veröffentlichung und teilweise sogar nachträgliche Eingriffe in den Text. Leider sind solche Eingriffe nur selten förderlich für das Ziel und die Authentizität des Interviews. Missliebige Formulierungen werden gestrichen, verfängliche Aussagen umformuliert und „weichgespült“. Die Autorisierung birgt somit stets die Gefahr, dass der eigentliche Reiz des Interviews, nämlich Spontaneität und Aussagekraft, verloren geht.

Autorisierung: ja oder nein?

Mit der Frage nach Autorisierung gehen Redaktionen ganz unterschiedlich um. Manche lehnen die Autorisierung prinzipiell ab, andere meiden den Konflikt und lassen sich stets widerstandlos auf die Änderungswünsche ein. Dabei sollte weder das eine noch das andere Extrem zum Grundsatz werden. Ersteres birgt nicht nur die Gefahr, spannende Interviewpartner zu verlieren, sondern kann auch unangenehme rechtliche und finanzielle Konsequenzen nach sich ziehen. Letzteres wiederum führt auf Dauer zu einer Abflachung und Qualitätsminderung der Interviews.

Interviewpartner als Miturheber des Interviews

In den meisten Fällen geformter Interviews besitzt der Interviewpartner eine Miturheberschaft am Interview, schließlich war maßgeblich an seiner Erstellung beteiligt und hat den Inhalt durch die individuelle Prägung seiner Wortbeiträge mitbestimmt. Grundsätzlich gilt dann selbstverständlich: Werden nun im Zuge der Textredaktion die Aussagen nicht nur im Wortlaut, sondern auch inhaltlich bzw. sinngemäß (wenn auch leicht) verändert, muss eine Autorisierung der Neufassung durch den Interviewten stattfinden bzw. ihm die Möglichkeit der Gegenlese angeboten werden.

Alles eine Frage der Verhandlung – meistens!

Wie so oft, lässt sich dem Konflikt mit Vernunft und Verhandlungsgeschick entgegenwirken. In vielen Fällen lassen sich im Gespräch Kompromisse finden, mit denen beide Parteien zufrieden sind. Nicht jede Änderung seitens des Interviewpartners muss widerstandslos übernommen werden, schon gar nicht, wenn sie nicht der tatsächlichen Interviewsituation entspricht. Die Autorisierung gilt ausschließlich der sachlichen Korrektheit, der Sinnwahrung und der sprachlichen Klarheit. Ist weder die strittige Formulierung des Journalisten noch die Neufassung des Interviewpartners zutreffend, kann sich der Journalist noch immer auf das gesprochene Wort berufen. Allein deshalb ist das Aufzeichnen von Interviews ratsam. Lässt sich absolut kein Konsens schaffen, muss sich der Journalist, bzw. die Redaktion überlegen, ob das Interview tatsächlich veröffentlicht werden sollte. Manchmal ist der Verzicht auf eine Veröffentlichung im Sinne der journalistischen Arbeit noch immer die vertretbarste Lösung des Konflikts.

One thought on “Journalistisches Genre: das Interview als Darstellungsform des Journalismus

  • 31. Januar 2016 at 09:21
    Permalink

    Gut, Frau Einheuser,

    ich bin mit allem einverstanden, was Sie schreiben – weise aber dennoch auf die „Niederungen“ des Lokaljournalismus hin. In Lokalzeitungen stehen Interviews, die so gar nicht stattgefunden haben.

    Ein Thema, zu dem der Bürgermeister sich äußern möchte und das der Redakteur haben will, weil es sich um eine wichtige Sache von öffentlicher Bedeutung handelt, steht als Interview in der Zeitung. Das Gespräch fand aber mit der Vorzimmerdame des Bürgermeisters statt, weil der Chef selbst im Moment gar keine Zeit hat. Er weiß jedoch: Der Redakteur war bei allen Ortsterminen, Bürgeranhörungen, Ausschuss- und Ratssitzungen zu diesem Thema und kennt sich aus. Außerdem hat er noch nie dummes Zeug geschrieben und kommt mit dem Chef der Kommunalverwaltung weitgehend problemlos klar. Dann telefonieren Sie tatsächlich nur mit der Bürgermeister-Sekretärin, die liest das Gespräch gegen, sagt hier und da bei einigen Kleinigkeiten „das würde der Chef so nicht formulieren“, womit Sie problemlos einverstanden sind. Dann steht in der Samstagausgabe ein Bürgermeister-Interview mit Archivfoto, das so nie stattfand. Und glauben Sie mir eines, Frau Einheuser: So etwas gibt es auch der in der großen Politik zwischen Berlin und Washington.

    Nach dem gleichen Muster laufen übrigens Grußworte im Programmheft öffentlicher Veranstaltungen ab, über die Lokalzeitungen schon im Vorfeld groß berichten. Da die örtlichen Zeitungsverleger häufig Mitveranstalter sind, produzieren sie auch das Programmheft. Das Grußwort des Chefredakteurs oder Verlegers dazu schreiben die Lokalredakteure nach Absprache mit der Vorzimmerdame ihres obersten Chefs. Der liest es erst, wenn er zu der Veranstaltung kommt und dann zum Beispiel breit grinsend zu Ihnen -falls Sie das Grußwort geschrieben haben – sagt: „Ich wusste gar nicht, wie viel Sachkenntnis ich von dem habe, was heute hier stattfindet.“

    Gefährlich wird es, wenn Sie nach langen Jahren als Redakteur*in für ein Themenfeld mit wichtigen Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung „per du“ sind. Ich habe um dieses Problem immer gewusst und das „du“ unbedingt vermieden – konnte es aber einmal nicht verhindern: Der Landrat und Kreisverwaltungschef war im gleichen Fitness-Studio Mitglied wie ich. Wenn Sie nebeneinander auf dem Indoor-Bike sitzen und anschließend unter der Dusche stehen, wird das berufliche Verhältnis schwierig. Thomas und ich hatten zwar weder während der „Sie“- noch zu den „du“-Zeiten Probleme damit, uns auch zu kontroversen Interview-Themen zusammenzuraufen, aber die „Schere im Kopf“ ist da. Duzen Sie sich niemals mit dem obersten Chef einer Behörde von 1200-Mitarbeitern oder ähnlich wichtigen Personen, Frau Einheuser, falls Sie mal in den Journalismus gehen!

    Und dieses Problem gibt es auch in der großen Politik, wo Medien und Mächtige eine zu große Nähe haben. Das führt dann zum Beispiel zu Interviews, bei denen formal alles stimmt – die aber weichgespült und substanzlos sind. Die Medien sind die natürlichen Feinde der Mächtigen – dazu gehört auf Seiten der Journalist*innen äußere Distanz und innere Unabhängigkeit – auch und gerade bei Interviews.

    So viel mit Gruß an die content-community von
    Peter Umlauf

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