Das kleine Mädchen und Weihnachten

Diese Kurzgeschichte wurde von Autorin Dalal eingereicht:

Es war einmal ein kleines Mädchen. Sie lebt mit ihrer Mutter in einer Großstadt, zwischen hochgewachsenen Bäumen, die ganz in der Nähe der Wohnhäuser stehen. Rings herum befindet sich ein Park, der fast das ganze Jahr mit grünen Wiesen bedeckt ist. Versteckt in einem kleinen Tannenwäldchen befindet sich ein kleiner Teich, der von sechs Enten bewohnt wird. Ringsherum wachsen im Frühling viele rote Tulpen, gelbe Winterblüher, deren Name das kleine Mädchen nicht kennt, viele Farne, denen sie oft über die Blätter streicht und hohes, im Wind raschelndes Bambusgras. Oft geht sie hier mit ihrer Mutter spazieren. Beide genießen Hand in Hand gehend die traute Zweisamkeit und beobachten mit wachen Sinnen die Natur.

Im Winter laufen sie über den gefrorenen Teich und füttern die Enten mit Brot. Als sich mit hellen Sonnenstrahlen der Frühling ankündigte, haben sie heimlich ein paar schöne Farne für ihren Garten ausgebuddelt. Oft sind sie an den vielen grünen Pflanzen vorbeigeschlendert und haben die Blätter nur mit ihren Händen gestreift. Sie geht gern mit ihrer Mutter spazieren. Oft sieht sie im Park andere Kinder, die mit ihren Vätern hierher kommen. Sie spielen zusammen oder sind auf dem Weg nach Hause. Der Vater des Mädchens jedoch ist nicht bei ihnen, nicht bei ihr und ihrer Mutter. Er ist nicht einmal in der Stadt, ja nicht einmal in Deutschland. Er ist weit weg und zu keiner Zeit wird er von der Familie gesehen. Dass ihr Vater nicht bei ihr ist, macht das kleine Mädchen oft sehr traurig. Er konnte sich gar nicht vorstellen, wie sehr sie ihn vermisste!! Manchmal konnte sie sogar in der Schule ihrer Lehrerin nicht zuhören, weil sie immer nur an ihren Vater dachte. Was er jetzt wohl gerade machte? War er am Strand und ging tauchen? War er arbeiten? Und was arbeitete er eigentlich?
Hat er eine neue Frau? Wie sieht sein Tannenbaum aus? Und wie feiert er Weihnachten? Das kleine Mädchen wusste nichts von all dem. Sie lernte, mit der Sehnsucht zu leben. Das machte den Schmerz ein wenig kleiner.

Heute fiel es ihr leichter, nicht an ihren Vater zu denken. Sie und ihre Mutter hatten geplant, am Nachmittag ihre Lieblingsweihnachtskekse
zu backen – Zitronenhaselnusskekse. Sie planten viele Kekse backen,
denn jedes Jahr verschenkten sie die selbst gebackenen Kekse an die Nachbarin im Haus, an den Briefträger, die Lehrerin und an die Oma, die in einer anderen Stadt wohnt. Dann gab es noch die andere Oma – aber sie bekam ihre Kekse immer persönlich am Heiligen Abend, in einer grossen Kekstüte mit einer hübschen Schleife geschmückt.
Also musste sich das kleine Mädchen beeilen, um von der Schule nach Hause zu kommen. Heute wollte sie wirklich ganz pünktlich zu Hause sein. Ihre Mama sollte sich freuen.
Sie wusste, welche Zutaten sie für die Kekse brauchten, und in Gedanken bereitete sie schon die Kekse zu. In diesem Jahr mussten sie noch viele Haselnüsse knacken. Im Herbst hatten beide eine große Tüte genau für diese Kekse gesammelt. Mama hatte gesagt: „Komm, lass uns Haselnüsse für unsere Lieblingsweihnachtskekse sammeln. Dann können wir uns im Winter daran erinnern, wie schön der Sommer und wie warm der Herbst war.“ Und so sammelten sie, eine nach der anderen wunderschönen braunen Haselnuss in die große Tüte.

Diese Nüsse mussten also geknackt werden. Das kleine Mädchen wollte dies gerne tun und freute sich bereits darauf. Aber am meisten freute sie sich darauf, die Puderzuckerglasur auf die Kekse zu verteilen, sie in kleine Stücke zu schneiden und dann – einen nach dem anderen in ihrem Mund verschwinden zu lassen. Mmmhhh, köstlich!

Zu Hause angekommen, schloss sie die Tür auf. Weihnachtslieder erhellten mit einer fröhlichen Atmosphäre den Raum. Es duftete nach Weihrauch. Ihre Mutter war zu Hause. Sie umarmten sich beide und jeder bekam einen dicken liebevollen Kuss. Ihre Mutter strich ihr über das Haar und sagte: „Zieh dich schnell aus und wasche dir die Hände. Ich habe schon alle Zutaten bereitgestellt.“ Das Mädchen zog sich Schuhe und Mantel aus und brachte ihre Schulmappe in ihr Zimmer. Beim Rausgehen klopfte sie vorsichtig an die Scheibe ihres Aquariums und grüßte ihre kleinen Fische. Nur in ihrer Fantasie schwammen dann alle Fische schnell an die Scheibe, wackelten mit den Köpfen und winkten ihr mit ihren Flossen zurück.
So begrüßten sich das kleine Mädchen und ihre Fische jeden Tag – wie gesagt in ihrer Fantasie. Sie wusch sich die Hände, trocknete sie nur halbherzig ab. Das dauerte einfach zu lange!! Sie wollte zu den Zitronenhaselnusskeksen, die darauf warteten, von ihr geknetet zu werden.

In der Küche stand alles bereit. Die Nüsse, der Nussknacker, die Zitronen, ein paar Eier und der Puderzucker. Mehr brauchten sie für die leckeren Kekse nicht.
Zuerst knackten sie die Haselnüsse. Sie teilten sich die Arbeit. Ihre Mutter knackte die Nüsse und das kleine Mädchen pulte sie aus der Schale und entfernte Kleinteile. Die geknackten Nüsse kamen in eine große Schüssel.
Eine Nuss nach der anderen nahm sie in die Hand. Die Mutter knackte ­-knack-, Schalen fielen klirrend auf den Tisch, sie nahm die Nuss und ab in die Schüssel. Knack – Nussschale – Nuss – Schüssel. – Nussschale – Nuss – Schüssel. – Schale – Nuss – Schüssel. – Nuss – Schüssel. Dem kleinen Mädchen fielen die Augen zu. Dann schreckte sie hoch. Die Musik hatte schnell gewechselt und das nächste Weihnachtslied begann: Jingel Bells – Jingle Bells – la la lal la la….

Sie rieb sich die Augen denn sie traute ihnen plötzlich nicht mehr. Mitten im Zimmer stand ein Engel!! Tatsächlich, ein wunderschöner Engel in einem weißen Kleid, Flügeln und Gold schimmernden Haaren stand direkt vor ihr und lächelte sie an. „Wer bist du und wie kommst du hierher? Und was machst du hier? Warum bist du bei mir? Und wo ist der Weihnachtsmann? Sie hielt den Atem an, ihre Augen groß zum Engel schauend und überlegte, wie es möglich sei, dass ein Engel mitten in ihrem Wohnzimmer stand.
Der Engel lächelte ihr zu, streifte ihr sanft über die Wangen und sprach: „Ich kenne dich schon sehr lange. Du bist ein sehr liebes Mädchen. Aus der Ferne sehen wir dich jeden Tag.“

„Ihr seht mich jeden Tag? Wer seid ihr?“ – fragte das Mädchen.
„Gott natürlich – und ich, ich bin der Weihnachtsengel. Gott sieht jeden Menschen auf der Welt, er ist immer und überall da. Nicht nur in der Weihnachtszeit sprechen wir über die vielen Kinder auf der Welt und besuchen sie. Heute bin ich zu dir gekommen, um dir eine Nachricht zu bringen.“
„Ooooohhhh, jaaa, mh, – das Mädchen stand da, starrte mit großen Augen den wunderschönen Engel an. „Was für eine Nachricht bringst du mir denn?“
„Wir möchten dir sagen, dass du ein ganz besonderes Kind bist. Du bist voller Liebe in deinem Herzen, hast eine herausragend wunderbare Fantasie,
und hast einen sehr klugen Kopf. Gott sieht das und bewundert dich dafür. Ich bringe dir heute ein Geschenk.“

Das Mädchen stand wie angewurzelt noch immer an der gleichen Stelle im Zimmer, hing mit den Augen an den Lippen des Engels und verschlang jedes einzelne Wort. „Jaaaaaaaaaaaa.“
Der Engel sprach weiter. „Jedes einzelne Kind auf der Welt erleben wir als einen besonderen Menschen, so wie du einer bist. Wir wissen aber auch, dass dir dein Papa sehr fehlt und du oft traurig bist. Wir möchten dich wissen lassen, dass dein Papa mit seinem Herzen immer bei dir ist, dass er dich lieb hat und gerade jetzt in der Weihnachtszeit an dich denkt. Ich schenke dir heute den Moment der Liebe. Es ist ein kleiner Augenblick, in dem du spürst, wie lieb dich dein Papa und deine Mama haben. All deine Traurigkeit wird verfliegen, und dein Gesicht erstrahlt voll von Glück.“
Mmh, mh – Glück, Papa, lieb haben, Engel, Geschenk …
Das kleine Mädchen öffnete verschlafen die Augen und gähnte.
„Na, du hast wohl gut geschlafen und noch besser geträumt!!“, rief Mama und lachte. Das Mädchen rieb sich noch einmal die Augen und überlegte. Dann ging sie ins Wohnzimmer. „Mama, hast du auch den Engel gesehen?“ „Einen Engel? – Nein, ich habe keinen Engel gesehen. Aber du hast dich im Schlaf bei jemandem für das Geschenk bedankt.“ Sie schmunzelte. „Was hast du für ein Geschenk bekommen und von wem?“
Ach, dass Mütter immer so neugierig sein müssen!!!!

Das Mädchen überlegte. In ihrer Erinnerung sah sie den Weihnachtsengel ganz deutlich vor sich. Der Engel musste hier gewesen sein!!! Sie schaute sich um, doch im Zimmer war kein Engel mehr da. Gerade wollte sie wieder in die Küche gehen, da entdeckte sie in der Ecke vor dem Tannenbaum ein kleines Päckchen. Es war mit glitzerndem weißen Papier eingewickelt und war mit einer goldenen Schleife gebunden.
Das musste das Geschenk des Engels sein, der sie besucht hatte! Was hatte der Engel noch gesagt?

„Mama, hier, schau!! Der Weihnachtsengel war hier, du hast ihn nicht gesehen?? Aber hier ist doch das Geschenk von ihm!!!! Schau, hier ist ein kleines Kärtchen dran. „Vom Weihnachtsengel für dich“ stand darauf geschrieben. Auf der anderen Seite stand: „Der Moment der Liebe – immer gültig, nicht nur in der Weihnachtszeit“. Sie drehte und wendete das Paket, überlegte, starrte Löcher in die Luft. Dann erinnerte sie sich. Der Engel war da und brachte ihr eine Nachricht von Gott, und ein Geschenk – den Moment der Liebe – der sie die Liebe ihres Papas spüren ließ. Jetzt fühlte sie es, sie fühlte ganz deutlich, dass ihr Papa sie lieb hatte, obwohl er gar nicht da war. Aber das war dem kleinen Mädchen jetzt gar nicht mehr wichtig. Wichtig war nur: Sie wusste, er hatte sie lieb und dachte an sie. Jetzt konnte Weihnachten kommen!!!! Das Fest der Liebe. Sie lief zu ihrer Mutter in die Küche und wollte sie umarmen. Sie wollte ihr ganzes Glück teilen, mit ihrer Mutter und am liebsten mit dem Rest der Welt! Ihre Mutter erwartete sie bereits mit frischen Zitronenhaselnusskeksen, Tee und einem Adventskranz auf dem Tisch. Sie setzten sich, strahlten sich an und blieben so lange am Tisch sitzen, bis alle Zitronenhaselnusskekse aufgegessen waren.

Jetzt wünsche ich allen kleinen und großen Mädchen und Jungen ein besinnliches Weihnachtsfest! Und wenn ein jeder von euch morgen Abend die Augen schließt, kommt der Weihnachtsengel vielleicht auch zu euch.

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