Auf dem Weg zum authentischen Text

Wenn zu viel Recherche den Textcharakter vernebelt

RechercheSchon in der Schule haben wir die Bedeutung sorgfältiger Informationsbeschaffung nahegelegt bekommen. Spätestens aber im Studium haben wir uns dann vollständig der Regentschaft von Fußnoten, Verweisen, Zitaten, usw. beugen müssen und haben irgendwie versucht, anhand der von Lehrkraft zu Lehrkraft stets unterschiedlichen Reglements halbwegs Ordnung in unser provisorisch zusammengeschustertes Quellen-Chaos zu bringen. Das war zwar unglaublich mühsam, andererseits aber war man am Ende auch stolz darauf, wenn man es tatsächlich geschafft hatte, ein umfangreiches, gut sortiertes und wasserdichtes Literaturverzeichnis anzulegen,…so stolz, dass der eigentliche Textinhalt – und somit das „Eigene“ – kaum noch zählte. Irgendwie hatte man auch tatsächlich das Gefühl, dass jede einzelne der zahlreichen Fußnoten, die manchmal mehr Raum einzunehmen schienen als der tatsächliche Fließtext, das Werk nicht nur überprüfbar, sondern schlicht besser, vielleicht sogar wertvoller machte. Je mehr Quellen, desto besser – vorausgesetzt natürlich, man hatte die Quellen auch tatsächlich alle gelesen und sinnvoll im Text untergebracht.

Zum Glück ist das Tätigkeitsfeld eines Autors vielfältig und erstreckt sich auch diesseits der Pflicht wissenschaftlicher Überprüfbarkeit. Trotzdem stellt sich dem einen oder anderen Autor sicherlich zu recht die Frage: Müssen die Informationen, die ich verarbeite, nicht immer sorgfältig recherchiert sein, um am Ende zu einem guten und glaubwürdigen Text werden zu können?

Die Antwort lautet: Nein, nicht immer. Längst nicht immer ist eine groß angelegte Recherche zielführend auf dem Weg zu einem guten und authentischen Text. Tatsächlich kann eine ausufernde Recherche sogar kontraproduktiv sein, beispielsweise dann,…

…wenn sie die Kontrolle über Ihren Text einnimmt.

Recherche kann eine Eigendynamik entwickeln. Wer beim Verfassen eines Textes hauptsächlich damit beschäftigt ist, fanatisch verschiedenste Quellen zu durchleuchten und Referenztexte aufzuspüren, läuft Gefahr, die eigene Textstrategie aus dem Auge zu verlieren und sich zu stark von den Konzepten anderer beeinflussen zu lassen. Ehe man sich versieht erfasst einen die Welle fremder Texte und man treibt ohnmächtig der eigenen Textautorität davon. Das gestrandete Ergebnis ist dann im schlimmsten Fall ein weichgespülter, unpersönlicher und formloser Text ohne erkennbares Konzept.

Tipp: Eine erfolgreiche Erstellung eines persönlichen, eigenen Textes erfordert Disziplin. Lassen Sie das Textkonzept nicht von fremden Quellen bestimmen. Lassen Sie nicht konzipieren, sondern konzipieren Sie selbst und bleiben Sie dabei.

…wenn sie der Versuch ist, Nicht-Wissen zu kompensieren.

Generell ist es für Autoren – besonders für Auftragsschreiber – sinnvoll, Texte zu den Themen zu schreiben, von denen sie Ahnung haben. Denn wer bereits Wissen mitbringt, der erspart sich das mühsame Nachschlagen jedes Details und die aufwendige Analyse der willkürlich gesammelten Informationen. Ein themenerfahrener Schreiber erblickt sofort die relevanten Aspekte und kann sich aufs Wesentliche konzentrieren. Wer hingegen nicht auf eigene Erfahrungen zurückgreifen kann, erkennt unter Umständen erst gar nicht, was das tatsächlich Relevante ist. Er muss stattdessen auf fremde Quellen vertrauen und riskiert damit eine Enttarnung seitens der Leserschaft.

Tipp: Sicherlich gibt es Themen, in die Sie sich relativ leicht einlesen können, auch ohne umfassende Vorkenntnisse zu besitzen. Versuchen Sie unbedingt im Vorfeld abzuwägen, ob Ihnen das Thema des zu schreibenden Textes eine solche Einarbeitung ermöglicht. Wenn Sie willkürlich Aspekte aus dem Informationsdschungel ziehen müssen, in der Hoffnung, zufällig den Kern des Themas zu erfassen, ersparen Sie sich die Schmach und wenden Sie sich Themen zu, zu denen Sie tatsächlich etwas zu sagen haben.

…wenn sie zu einem unverhältnismäßigen Zeitaufwand wird.

Besonders für Autoren, die mit dem Schreiben Geld verdienen, ist vor allem ein Faktor wichtig: Zeit. Recherche verlangt Zeit. Deswegen ist es sinnvoll, sie so effizient wie möglich zu gestalten. Ein großer Vorteil ist auch hier wieder die Erfahrung und die Vorkenntnis im zu behandelnden Themenfeld. Wer sich auskennt, erspart sich nicht nur die Zeit, Grundlegendes in Erfahrung zu bringen, er weiß in der Regel auch, wie und wo er sich bei Bedarf die richtigen Informationen schnellstmöglich beschaffen kann. Wenn Sie sich aber erst in jedes Detail „hineinrecherchieren“ müssen, kostet das nicht nur unglaublich viel Zeit und Geld, es macht das Schreiben auch zu einer frustrierenden Sisyphos-Arbeit, an der man schnell den Spaß verliert.

Tipp: Es ist nicht immer leicht, den Zeitaufwand eines Textes richtig einzuschätzen. Und sicherlich möchte man auch als Berufsschreiber die eine oder andere kleine Herausforderung annehmen. Wenn es aber darum geht Zeit zu sparen, gilt: Je besser ich mich auskenne, desto  schneller kann ich einen guten Text verfassen.

…wenn sie zu Fehlinformationen führt.

Gerade im Internet finden wir eine schier unendliche Menge an Informationen zu quasi jedem beliebigen Thema. Wer gutgläubig – oder aus Bequemlichkeit – jeder Quelle Vertrauen schenkt – und erscheint sie noch so seriös –, muss beinahe damit rechnen, früher oder später das Russische Roulette der Informationsbeschaffung zu verlieren. Wer sich durch die Verwendung vieler verschiedener Quellen abzusichern versucht, der muss zusätzlichen Rechercheaufwand in die Überprüfung der Glaubwürdigkeit dieser Quellen investieren, um selbige nicht zu verlieren.

Tipp: Wenn Sie  mit Fakten und Referenztexten punkten möchten, dann schauen Sie ganz genau hin. Wenn Sie sich nicht sicher sind, lassen Sie die Finger davon und vertrauen Sie lieber sich selbst. Die eigene Meinung lässt sich am Ende immer noch am besten vertreten.

…wenn aus ihr nichts Neues hervorgeht.

Viele Köche verderben den Brei, viele Meinungen werden zu einem. Wer sich vor dem Verfassen eines Textes erst einmal intensiv mit den Meinungen anderer befasst, riskiert den Verlust seiner eigenen. Vielmehr kämpft man sich durch die verschiedenen Artikel von Autoren mit einer bestimmten Meinung zum Thema, die auf weitere Artikel von anderen Autoren mit einer anderen Meinung zum Thema verlinken, die wiederum auf weitere Artikel von wieder anderen Autoren mit einer dritten Meinung verlinken,… und so weiter, bis man selbst völlig meinungslos ist. Was man jetzt noch tun kann – oder vielleicht sogar unbewusst ganz automatisch tut –  ist, die Meinungen, die man wie ein Schwamm aufgesaugt hat, zusammenzutragen und neu zu verpacken. Im Idealfall entsteht daraus dann sogar ein sorgfältig recherchierter und leserlicher “Meinungsbrei“. Aber so fundiert der Text auch sein mag, so wenig innovativ ist er leider auch.

Tipp: Schreiben Sie über das, was Sie bewegt, nicht andere. Von Themen, zu denen Sie gar keine eigene Meinung haben, sollten Sie ablassen. Schreiben Sie auch nicht über Dinge, über die schon Hunderte vor Ihnen geschrieben haben. Finden Sie stattdessen die Nischen, die andere übersehen oder ignorieren.

Fazit

Dieser Blogartikel soll keinesfalls die Bedeutung oder gar die Notwendigkeit der Recherche unter den Scheffel stellen. Ganz und gar nicht. Recherche ist für eine Reihe von Texten und Textsorten eine unabdingbare Methode, um Fakten zu belegen und Argumente zu untermauern. Und auch längst nicht jeder Autor kann sich stets genau den Themenfeldern zuwenden, in denen er mit besonders viel Erfahrung glänzen kann. Das wäre auf Dauer nicht nur ein ziemlich langweiliges Unterfangen, es würde ebenso wenig zu neuen Sichtweisen und Ideen führen. Was vielmehr deutlich gemacht werden soll, sind die Grenzen, an denen gute und effektive Recherche in einen zeitverschlingenden und unfruchtbaren Automatismus übergeht. Vertrauen Sie ruhig auf Ihr Gespür für das Lesenswerte, bevor Sie sich aus Unsicherheit in das Quellen-Chaos schmeißen. Schreiben Sie Ihren eigenen Text und bleiben Sie authentisch. Warum sollte Ihre Meinung – vielleicht gerade, weil sie sich von der Masse abhebt – nicht sogar von besonderem Interesse des Lesers sein?

Bildnachweis: © Picture-Factory – Fotolia.com

4 thoughts on “Auf dem Weg zum authentischen Text

  • 15. August 2014 at 16:57
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    Wie Recht Sie haben! Wie könnte es auch anders sein?

    In einem Blog trotzdem nicht unproblematisch: Was mögen Auftraggeber,
    die hier mitlesen, wohl denken, was sie an Ergebnissen erwartet?
    Dass Content.de eine Schreibwerkstatt blutiger Amateure ist, die
    nicht einmal die Basics ihres Handwerks verstehen? Auftraggeber erwarten
    zu Recht professionelle, lesenswerte Qualität mit Mehrwert.

    Beste Grüße :-)!
    Birgit Brüggehofe

  • 18. August 2014 at 15:11
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    Unprofessionalität soll unseren Auftragsschreibern auf keinen Fall unterstellt werden. Vielmehr begrüßen es Auftraggeber in der Regel sogar, wenn Sie sehen, dass content.de seine Autoren fördert und ihnen – u.a. über den Blog – wertvolle Tipps mit auf dem Weg gibt.

  • 19. August 2014 at 13:59
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    Wie gesagt – Sie haben völlig Recht mit Ihrer Einschätzung!

    All diese Dinge, die Sie als optimierungsbedürftig benennen, gibt es. Und warum sollten es Auftraggeber nicht begrüßen, wenn sich Autoren weiterqualifizieren?

    Vielleicht stellt sich die Frage des Wie. Wie lässt sich das eleganter lösen? Denn dass Tipps gegeben werden, bedeutet nicht, dass sie befolgt werden. Sondern dass zunächst ein Defizit besteht.

    Wie wäre es mit einer Art regelmäßigem Newsletter zu speziellen Themen wie diesen? Oder man unterfüttert die Tipps mit externen Quellen, was journalistische Distanz schafft – und Lust darauf macht, sich im Detail weiter schlau zu machen :-).

  • 20. August 2014 at 15:32
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    Hallo!

    Es hat mich ein wenig befremdet, dass ein umfangreicher und auch originell formulierter Beitrag, der – wie diverse andere zuvor – in die Rubrik „Tipps für Autoren“ passt, so kritisiert wurde. Natürlich weiß jeder Kunde (schon, weil es mehrere Stufen gibt), dass hier sowohl altgediente als auch neue Autoren arbeiten. Letztere freuen sich sicher über gezielte Tipps, und die Anderen können ihre eigene Arbeitsweise daran messen. Schadet in keinem Fall, finde ich.

    Gruß, Bea

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