Recap Lektorentage Bonn 2015

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(Foto von links: Martina Lunecke, Marieke Einheuser, Jana Brüggemann-Schmidt, Sonja Klein)

 

Am vergangenen Samstag machten sich vier Mitarbeiterinnen der Abteilung Qualitätssicherung des content.de-Teams auf den Weg nach Bonn. Meine Kolleginnen und ich nahmen dort an ausgewählten Workshops der Lektorentage des Verbands der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) teil. Thema dieses Jahr: Qualität im (Self-)Publishing. Die anderen Teilnehmer der Tagung und der einzelnen Seminare kamen aus den verschiedensten Bereichen. Sie arbeiten z. B. für Schulbuchverlage, im Werbelektorat oder in der Unternehmenskommunikation.

Bei einer Podiumsdiskussion am Samstagmorgen, die unter dem Oberthema der gesamten Tagung stand, drehte sich zunächst alles rund um den Trend Self-Publishing und die neuen Herausforderungen für Lektorinnen und Lektoren, die damit verbunden sind.

Unter reger Beteiligung des anwesenden Fachpublikums informierten und diskutierten Vertreter von Agenturen, Online-Verlagen (epubli) sowie Mitglieder von Qindie (Autorenkorrektiv) und literaturcafe.de darüber, welche Auswirkungen die Tatsache, dass heute jeder überall und ohne großen Kostenaufwand sein eigenes E-Book veröffentlichen kann, auf den Literaturmarkt und das Lektorat hat.

Schnell wurde anhand der Schilderung persönlicher Erfahrungen klar, dass vor allem freie Lektorinnen und Lektoren sich in der Zusammenarbeit mit Autoren (Self-Publishern) heute zunehmend damit konfrontiert sehen, dass immer mehr zusätzliche – über das Lektorat hinausgehende – Dienstleistungen bei Ihnen angefragt werden. Autoren erwarten oft Full-Service-Pakete aus einer Hand. Stark nachgefragt ist beispielsweise Hilfe bei der Cover-Gestaltung (Vermittlung von Grafikern) und der Erstellung aussagekräftiger Klappentexte.

 

Trend Self-Publishing: neue Herausforderungen für Lektorinnen und Lektoren

Im Gegensatz zu Verlagsautoren sind Self-Publisher verstärkt auf die Insiderkenntnisse der Lektoren und Lektorinnen angewiesen, beispielsweise hinsichtlich der Strukturierung eines Textes – optimiert für mobile Endgeräte wie Smartphones und E-Book-Reader (keine Seitenzahlen, kein Blocksatz).

Trotz des Schwerpunkts auf E-Publishing wurde klar herausgestellt, dass Self-Publishing sich nicht auf diesen Bereich beschränkt (Marktanteil etwa 30 %). So gibt es gerade bei Hobby-Autoren, die beispielsweise Ihre Familiengeschichte niedergeschrieben haben, oft den Wunsch, das Ergebnis Ihrer Arbeit in Printform (zum Beispiel bei epubli.de) zu publizieren. Dabei handelt es sich meist um Bücher, die nur in sehr geringer Auflage produziert werden. Self-Publisher als (neue) Zielgruppe müssen erst selbstständig erschlossen und geworben werden, da viele von Ihnen nicht unbedingt von Anfang an ein qualifiziertes Lektorat mit einplanen.

Darauf sollte jedoch im Arbeitsprozess keinesfalls verzichtet werden, um nach teilweise jahrelanger Schreibarbeit nicht die Qualität des Werks dadurch zu mindern, dass auf der Zielgeraden am falschen Ende gespart wird.

Insbesondere aufgrund der großen Konkurrenz auf dem Buchmarkt und der Preisgestaltung von E-Books (hoher Verdienst nur bei vielen Downloads möglich) kommt es aber für Autoren sehr darauf an, überhaupt genügend Aufmerksamkeit zu erlangen und potentielle Leser zu erreichen.

Lektorinnen und Lektoren müssen dann auch mal Starthilfe leisten und Autorinnen/Autoren beispielsweise aktiv anbieten, gemeinsam an einem guten Klappentext bzw. einer Meta-Description für die Internet-Suchmaschinen zu feilen. Außerdem gilt es, Netzwerke und soziale Medien zu nutzen, da Autoren untereinander Lektoren, mit denen sie zusammenarbeiten, weiterempfehlen.

 

Kollegiales Coaching: knifflige Sätze und Texte aus der Praxis

Nachmittags bot sich die für viele Freie eher seltene Chance, sich mit fachlich versierten Kolleginnen und Kollegen anhand zuvor gesammelter Textbeispiele gemeinsam der Verbesserung unterschiedlichster Texte zu widmen. Die Texte – allesamt anonymisierte Manuskripte aus dem realen Arbeitsalltag – wurden dann auch bis ins kleinste Detail gnadenlos zerpflückt, korrigiert und optimiert. Vom Flyer eines mittelständischen Unternehmens, über das Grußwort, das in einem Ausstellungskatalog erscheint, bis zum Sachbuch-Exzerpt nahmen die (überwiegend weiblichen) Text-Jongleure alles auseinander und diskutierten leidenschaftlich über knifflige Sätze. Selbst Nuancen und Kleinigkeiten können über die Qualität einer Aussage entscheiden.

Beispiele:

Ist der Pulli gelborange oder orangegelb? Antwort: Das hängt vom subjektiven Farb- und Sprachempfinden ab – und wie man es letztendlich formuliert im Zweifelsfall davon, ob der Unterschied wichtig ist oder nicht.

Sollen als Zutaten für einen Kuchen „geschälte, gemahlene Mandeln“ verwendet werden oder kann man das trennende Komma zwischen den beiden Adjektiven weglassen? Antwort: Kann man schon, aber dann dauert die Zubereitung – je nach Auslegung – ggf. sehr lange, denn ohne Komma handelt es sich um gleichwertige, in der Reihenfolge beliebig austauschbare Eigenschaften. Und das bedeutet in diesem Fall missverständlicherweise: Die Mandeln könnten auch erst gemahlen und dann geschält werden – freilich eine sehr aufwendige Arbeit.

Apropos Arbeitsaufwand: Bei allem Spaß unterhielten wir uns jeweils auch darüber, wie der Aufwand für das Lektorat verschiedener Texte realistisch kalkuliert werden muss.

Vergleiche, eine Menge konstruktive Kritik in ungezwungener Atmosphäre und wertvolle Tipps der Kolleginnen und Kollegen waren durchweg bereichernd – ebenso die beruhigende Feststellung, dass auch langjährig im Lektorat Tätige noch die ein oder andere Kommafrage haben. Am Ende konnten alle Teilnehmer des Textcoachings neue Erkenntnisse und Anregungen mit nach Hause nehmen. Der Duden wird zwar gemeinhin als „Bibel der Lektoren“ angesehen und ist in puncto Rechtschreibung das Maß der Dinge, aber Einzelfälle sind schwer zu entscheiden. Änderungen und Aktualisierungen finden ständig statt, da Sprache lebendig ist und sich weiterentwickelt – so wie wir.

In weiteren Workshops ging es um die rechtliche Seite der Lektorentätigkeit, wie Fragen der Haftung bei der Vertragsgestaltung, die Weiterentwicklung des eigenen Profils und Aspekte des Lektorats in der Unternehmenskommunikation.

Die Veranstalter haben in Bonn ein vielfältiges Programm mit ausreichend Zeit für intensive Gespräche auf die Beine gestellt.

Als „Exotinnen“ der Branche hatten wir die Gelegenheit, uns mit Kolleginnen und Kollegen des Printbereichs auszutauschen – und lenkten nebenbei das Interesse auf ein ganz neues Berufsfeld, nämlich die Qualitätssicherung von Webtexten.

Die weitere Reflexion darüber ist nur eine mögliche themengebende Idee für einen zukünftigen Workshop im Denkwerk in Herford.

3 thoughts on “Recap Lektorentage Bonn 2015

  • 23. September 2015 at 12:48
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    Vielen Dank für die gelungene Zusammenfassung der Lektorentage in Bonn, vor allem der spannenden und abwechslungsreichen Podiumsdiskussion. Ich selbst fand die verschiedenen Herangehensweisen an das Thema Publishing äußerst interessant, zumal alle Teilnehmer letztlich auf den gleichen Nenner kamen: Qualität ist wichtig und zahlt sich aus. Und die Qualitätssicherung bei Webtexten gehört ganz sicher dazu. Ich bin gespannt, welche Fortbildungen es dazu in Herford geben wird. Sind das öffentliche Veranstaltungen? Vielleicht kommen ja dann einige Lektoren mal auf Gegenbesuch?
    Beste Grüße
    Cordula Natusch
    Freie Lektorin, Mitglied im VFLL

  • 23. September 2015 at 13:28
    Permalink

    Vielen Dank für das nette Feedback! Ein konkreter Workshop ist derzeit nicht in Planung, da im Denkwerk momentan noch fleißig gebaut wird. Währenddessen sammeln wir weiter Ideen hinsichtlich möglicher Fortbildungsangebote für Autoren und Mitarbeiter. Wenn es soweit ist, wird es eine entsprechende Ankündigung geben – interessierte Externe sind auf Anfrage herzlich willkommen, das behalten wir im Hinterkopf!

  • 2. Oktober 2015 at 07:40
    Permalink

    Das hört sich gut an. Über eine entsprechende Mitteilung würde ich mich sehr freuen, ich gebe das dann auch gern VFLL-intern an meine Kolleginnen und Kollegen weiter.
    Beste Grüße
    Cordula Natusch

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