Ein anderes Wort für … Dräut das kleine Delta-Blatt?

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Bei Google häufen sich die Anfragen nach Synonymen derart, dass – wieder einmal – der Verfall der deutschen Sprache und der Untergang des Abendlandes prognostiziert wird. Werden Visionen aus düsteren Zukunftsromanen nun Realität? Gehen uns Dichtern und Denkern die Worte aus? 

Das kleine Delta-Blatt kennen viele Sience-fiction-Fans noch aus dem Zukunftsroman schöne, neue Welt. Aldous Huxley entwirft darin eine höchst pessimistische Prognose: Die Menschen werden künstlich in ihrer Intelligenz reduziert und in Klassen aufgeteilt. Die Unterste ist des Lesens überhaupt nicht mehr mächtig, für die zweitdümmsten, die so genannten Deltas, gibt es statt einer Tageszeitung das kleine Delta-Blatt – verfasst ausschließlich in kurzen Hauptsätzen. In dem nicht minder düsteren Roman 1984 arbeiten die Menschen beständig an der Erweiterung des Neusprache-Wörterbuchs. Hauptziel des Neusprech ist die Reduktion des Wortschatzes, was sich nicht nur auf SEO-Texte auswirkt. Was soll sich der moderne Mensch auch mit Komparativen belasten? Wir sagen nun einfach gut, plusgut und doppelplusgut – alles andere wäre Verbrechdenk.

Schwarzseher und Bedenkenträger sehen diese beklemmende Version nun endlich bestätigt. Die sprachliche Verprimitivisierung des Deutschen Volkes schreitet scheinbar unaufhaltsam voran. Mir tun zu viel Hilfsverben nehmen. Bei der Wahl der richtigen Erzählzeit war so mancher nicht ganz sattelfest gewesen. Bei der lösungsorientierten Anwendung sprachlicher Kompetenzen fallen dem Anwender immer nur dieselben Lösungen ein. Dem Satzbau fehlt der Pepp. Und dann wird es öde. Und dann will das keiner mehr lesen. Und dann lesen wir noch weniger. Und dann wird es noch öder …

Ein anderes Wort für… sprachlose Dichter und Denker

Als Beweis für den verhängnisvollen Trend gilt die Google-Nutzung. Diese moderne Bibliothek von Alexandria wird mit höchst trivialen Anfragen überhäuft: „Gibt es vielleicht auch noch ein anderes Wort für Lösung? Wie sagt man gleich noch anderst für Anwender?“

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Da haben wir’s! Den Dichtern und Denkern fällt kein anderes Wort mehr ein. Dafür gilt der König der Suchmaschinen, ja das Internet allgemein, nicht nur als Indikator, sondern quasi als Verursacher. Dort tummeln sich Content-Plattformen, die – wenn auch nicht gerade üppig – für Content bezahlen, in denen bestimmter Content nach bestimmten vorgegebenen Prozentwerten vorkommt. „Schreiben Sie doch mal irgendwas über Klima- und Kältetechnik und verwenden Sie dabei die Begriffe: Kachelofen, Wärmewellenheizgerät – und Phenylbrenztraubensäure-Schwachsinn“.

Wie tief sind wir Texter doch gesunken, möchte man da ausrufen: Wir suchen über Google nach Arbeit und erhalten Aufträge für Texte, die dann wieder nur von Google gelesen werden: der Literat, eingezwängt in die Maschinenwelt, eine lästige, aber leider zurzeit noch notwendige Biokomponente im Prozesszyklus.

Da passt es auch ganz hervorragend ins Bild der vollmechanisierten Sprachverkümmerung, dass Texte von Maschinen nach ihrer Lesbarkeit für den Menschen beurteilt werden. Beispiel gefällig?

FRE = 206,835 -(1,015 ASL) – (84,6 ASW)

mit:

  • ASL. Die durchschnittliche Satzlänge (Average Sentence Length) ergibt sich, indem die Anzahl der Wörter im Text durch die Anzahl der Sätze des Textes dividiert wird.
  • ASW. Die durchschnittliche Silbenanzahl pro Wort (Average Number of Syllables per Word) ergibt sich, indem die Silbenanzahl des gesamten Textes durch die Anzahl der Wörter im Text dividiert wird.

Quelle: Wikipedia, eh klar, oder?

Ermittelt der so genannte Flesh-Algorithmus einen Wert von 60 bis 70, weiß Wikipedia, ist der Text gut lesbar. Der Hauptsatz gilt nicht selten als Allzweckwaffe im Kampf gegen das Unverstehen, kurze Wörter, bitteschön, und bloß nicht zu viele Fremdwörter – besonders wenn man die selber nicht konfekt beherrschen tut.

flesh-reading-index-deutsch

Tabelle: Wikipedia

Dräut nun also das kleine Delta-Blatt? Läutet die Totenglocke des Neologismus?

Ich denke nein.

Wer, wie ich, schon ein wenig länger auf der Welt ist, weiß, dass der Niedergang des Abendlandes bei weitem öfter prognostiziert wurde, als er letztlich eingetreten ist. Bereits mit der Einführung des Fernsprechers wurde weiland eine völlige sprachliche Dadaisierung herbeigeunkt. Konnte die Konversation doch nun auf primitiv-verbaler, gesprochener Ebene vonstatten gehen, anstatt in der akademisch wertvolleren Sphäre von Briefpapier und Tinte. Wer sucht schon beim unverbindlichen Geplapper ein anderes Wort, ein besseres Wort?

Nun scheint uns also die permanente Verfügbarkeit schier omnipotenter digitaler Nachschlagewerke in den Abgrund des Vergessens zu reißen: Der Texter – der faule Sack – schlägt ein anderes Wort einfach im Internet nach, anstatt es auswendig zu lernen, er lässt sich seine Räch …. Rechtschreibfehler von Word ausmerzen, er sucht einfach gezielt die passende Literatur-Stelle per Google.

Und dort wird er schnell fündig: Auch wer des Mittelhochdeutschen nicht so mächtig ist, erfährt bei Wiktionary, dass „dräuen“ eben eine veraltete Schreibweise, ein anderes Wort für „drohen“ ist. Wikipedia erklärt den Begriff Neologismus als Wortneuschöpfung. Sogar wer Aldous Huxley nicht gelesen hat, wird bei www.sprachnudel.de über das kleine Delta-Blatt aufgeklärt.

Der Trend ist klar: Wir tragen generell nicht mehr so viel Faktenwissen mit uns herum, weil wir wissen, wo’s steht. Wenn also das ganze Internet und alle Computer auf einmal kaputt gingen, dann stünden wir ganz schön auf dem Schlauch. Dort stünden wir aber auch, wenn alle Benzin- und Dieselmotoren auf der Welt auf einmal ausfielen – schließlich hat ja auch keiner mehr von der Pike auf gelernt, wie man ein Pferd vernünftig vor ein Fuhrwerk spannt.

Der Mensch tendiert zur Effizienz, sonst hätte ihn die Evolution längst aussortiert. Der Generation Stabi fällt es schwer, zu akzeptieren, dass sich auch unser ganz persönliches Gedächtnis mehr und mehr ins Netz verlagert. Und ich muss zugeben, auch mir ist nicht wohl dabei. Aber machen wir uns doch nichts vor: Allein die schiere Masse der verfügbaren Information zwingt uns zur Reduktion, dessen, was wir davon noch auswendig lernen können.

Ja, ja, im Mittelalter, da hatte man es doch noch einfacher. Seinerzeit galt durchaus noch als sehr gebildet, wer etwa den Umfang einer Wochenendausgabe der „Zeit“ gelesen hatte. Ein Buch hatte damals umgerechnet in etwa den Wert eines Kleinwagens und war in der Regel nur an ganz bestimmten Orten verfügbar. Eine einfache Recherche konnte da schon viele Monate in Anspruch nehmen – mehr als genug Zeit, ein anderes Wort zu finden. Da muss es heutzutage dann doch ein wenig schneller gehen. Und da ist uns jedes Mittel recht.

Das Handy, die Bibliothek der Gegenwart

Auch wenn sich so mancher altgediente Pädagoge nun schreiend zu Boden wirft: Der Trend zum Outsourcing, zum Beispiel von Texten an eine Textagentur oder Texter-Plattform kann auch bei der deutschen Sprache nicht Halt machen. Das exponentiell ansteigende Wissen unserer Zeit haben wir eher in der Hosentasche als im Kopf. Das Smartphone ist das Schweizer Taschenmesser des neuen Jahrtausends – wenn ich ein anderes Wort suche, oder Eindruck schinden will. Sogar der Schlagzeuger meiner Band – Generation 70+ – zeigte sich neulich höchst beeindruckt, als ich ihm nach wenigen Sekunden sagen konnte, dass John Bonham der Drummer von Led Zeppelin war.

john-bonham

Nein, das kleine Delta-Blatt droht uns nicht, zumindest nicht mehr als früher. Primitive Umgangsformen, auch auf sprachlicher Ebene, es gab sie schon immer, und es wird sie immer geben. Aber das Streben, ein anderes Wort zu finden, zeugt doch geradezu von der grundsätzlichen Neigung des gebildeten Menschen, aus der Routine des ewig Gleichen auszubrechen.

Wortwiederholungen machen einen Text langweilig, das gilt auch noch im Zeitalter der Emoticons. Das dürfte wohl der Grund dafür sein, dass sich das Neusprech auch nach 1984 nicht so recht durchsetzen konnte. Ein anderes Wort, eine passende Redewendung und die richtige Schreibweise hat man früher in sehr dicken Büchern nachgeschlagen, da ist es eben keinem aufgefallen. Heute geht es dank Google schneller, das macht uns nicht dümmer, sondern schafft allenfalls neue Freiräume. Nie war es einfacher, ein anderes Wort zu finden, das richtige Wort für den richtigen Leserkreis.

Wir gut oder wie schlecht ein Text ist, lässt sich eben nicht so einfach vollmechanisch ermitteln – weil eben nicht jeder Text für jede Zielgruppe gleich gut geeignet ist. Ein Artikel, der sich an ein Fachpublikum richtet, muss auch dessen Tonalität treffen. Er muss die einschlägigen Spezialbegriffe enthalten, sonst wirkt der Text schnell vereinfachend und inkompetent. Derselbe Text kann aber einem Laien schnell wie reinrassiges Fachchinesisch anmuten. Ein anders Wort zu suchen, dient also bei weitem nicht nur der Vermeidung von Wiederholungen. Diese Recherche – analog oder digital – ist und bleibt essentielles Werkzeug bei der Kernaufgabe des Journalismus: Inhalte zielgruppengerecht zu vermitteln.

Nicht nur, wenn wir ein anderes Wort suchen, leisten und Wikipedia, Google & Co uns Textern oft unschätzbare Hilfen. Nie war es einfacher, sich in nur wenigen Stunden in eine Thematik einzuarbeiten. Nie zuvor wurde uns die branchenübliche Ausdrucksweise so auf dem digitalen Silbertablett serviert. Nie zuvor konnten wir komplizierte Fachausdrücke so einfach nachschlagen und dann für ein breites Publikum verfügbar machen. Damit können wir nun auch Aufträge annehmen und umsetzen, die noch vor 30 Jahren schon allein wegen des immensen Recherche-Aufwandes nicht kostendeckend realisierbar gewesen wären.

Deshalb kann ich nur allen Textern Mut machen. Auch scheinbar recht komplizierte Briefings erweisen sich nicht selten als durchaus ausführbar, wenn man ein anderes Wort sucht, wenn man nur ein paar Fachbegriffe nachschlägt und durch gängige Synonyme ersetzt. Auch Fachleute kochen eben nur mit Wasser, respektive schreiben nur mit Buchstaben, und um einen guten Text zu verfassen, muss man meist nur einen Teilbereich eines Teilbereichs verstanden haben.

Wer nun die obligatorische „Liste der zehn besten Links zum Nachschlagen“ erwartet, den muss ich enttäuschen. Die schlechte Nachricht: Es gibt unzählige gute Texte und Quellen – aber die sind halt kreuz und quer übers gesamte Netz verstreut. Die gute Nachricht: Suchmaschinen wie Google fördern oft erstaunliche Schätze zutage – insbesondere, wenn man die erweiterten Suchfunktionen zu nutzen weiß und sich auch mal auf die zweite oder dritte Ergebnisseite vorwagt. So ist denn auch weniger das Suchen eine entscheidende Schlüsselqualifikation, als vielmehr das Einschränken, Filtern und Auswählen.

Bleibt am Schluss noch die Frage: Was müssen wir in Zukunft noch selbst im Kopf haben? Was kann uns das Netz nicht abnehmen? Ein anderes Wort kann uns das Web fast immer liefern. Methoden und Fertigkeiten werden wir auf absehbare Zeit noch nicht googeln können. Auch im SEO-Zeitalter sollte man als Texter – und vor allem als Auftraggeber – nicht übersehen, dass Texte eben letztlich nicht von den Robots der Suchmaschinen gelesen werden, sondern von richtigen Menschen. Und die sind entgegen der landläufigen Meinung in aller Regel keine Deltas. Sie schätzen hie und da ein anderes Wort. Sie haben ganz gerne einen abwechslungsreichen Satzbau – mal kurz und auffordernd, mal mit eleganter Nebensatzstruktur. Hier gelten Regeln, die sich der mathematischen Beurteilung entziehen. Der menschliche Geist will Verständliches, er will aber auch gefordert werden, er will im nächsten Satz ein anderes Wort. Sonst wendet er sich nach wenigen Zeilen ab, mit Grausen, und das registriert auch das so begehrte Google-Ranking. Sprachliche Eleganz ist und bleibt gefragt. Und welche Eleganz ein Schreiber erreicht, hängt von seiner Begabung ab, ist aber auch und vor allem Übungssache.

Daher mein kleiner Ratgeber für alle Texter und solche, die es werden wollen:

  • Schreiben Sie, üben Sie! Gelegenheit dazu gibt es en masse. Auf content.de finden Sie mehr als reichlich Aufträge – und von zufriedenen oder unzufriedenen Kunden bekommen Sie auch mehr als genügend Feedback.
  • Nutzen Sie ungeniert das Internet, wenn Sie ein anderes Wort suchen! Lassen Sie sich von Texten aus dem Netz inspirieren. Was schreiben andere Autoren? Wie schreiben sie es?
  • Lassen Sie sich nicht den Bären aufbinden, auswendig gelerntes oder dicken Nachschlagewerken entnommenes Wissen sei irgendwie wertvoller! Ich kannte noch viele Redakteure, die der festen Überzeugung waren, wirklich gute Texte seien ausschließlich handschriftlich zu produzieren. Digitale Quellen enthalten nicht mehr und nicht weniger Fehler als traditionelle. Was zählt, gerade beim professionellen Texten, ist das Ergebnis.
  • Recherchieren Sie, lesen Sie, lernen Sie! Gibt es ein besseres anderes Wort? Wie kann ich zum Beispiel das ewige Passiv durch aktive Formulierungen ersetzen?
  • Seien Sie präzise! Auch wenn vielen so genannten Text-Profis nicht anders einfällt als Anwender, Lösung oder Lösungsanwender. Suchen Sie ein anderes Wort, fahnden Sie nach dem treffenden Begriff hinter dem Allgemeinplatz.
  • Erweitern Sie Ihren Wortschatz! Und das passiert ganz zwangläufig, wenn Sie zeitgemäße Medien nutzen, um ein anderes Wort, ein besseres, zu finden. Faustregel: 20 Prozent bleiben immer hängen.

Nein, nein, das kleine Delta-Blatt droht uns nicht! Der Mensch ist nach wie vor auf der Suche nach dem richtigen Wort.

Und nie standen die Chancen besser, dass er es auch findet!

Autor: siebler kreativ

4 thoughts on “Ein anderes Wort für … Dräut das kleine Delta-Blatt?

  • 13. Oktober 2015 at 13:30
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    „Herrlich, richtig was zum Lachen – gehe beschwingt in die späte Mittagspause – und glaube nach wie vor daran, dass es so etwas wie ein Sprachgefühl gibt, das auch die Maschinen nicht ersetzen kann.

    Viel Freude allerseits! Bea“

  • 13. Oktober 2015 at 15:07
    Permalink

    Volle Zustimmung zu dem Artikel! Die Prognosen über den Untergang des Abendlandes (des Morgenlandes, des Christentums, der Kultur, des Geistes, der Sprache – die Liste lässt sich beliebig erweitern) sind so alt wie die Menschheit. Sprache ist nicht statisch sondern dynamisch: Sie entwickelt sich und zwar so, wie es dem Stand des menschlichen Bewusstseins, der Technik und der gesellschaftlichen Verhältnisse entspricht.

    Natürlich gehen mit jeder Veränderung bislang wichtige Bestandteile von Sprache verloren – aber dafür bilden sich andere, neue, kreative, den Zeitgeist genauer widerspiegelnde Schöpfungen in Wort, Satzbau und Gestaltung von Texten. Ein Beispiel: Mit der Erfindung und Verbreitung der Buchdruckerkunst ging die Tradition der mündlichen Überlieferung verloren. Aber dafür begann in vielen Kulturkreisen die flächendeckende Alphabetisierung der Menschen, das Bildungsmonopol wurde den weltlichen und religiösen Herrschern aus den Händen genommen.

    Nätürlich geht mir (Jahrgang 1954) das „Handiotentum“ total auf den Zeiger. Aber ich sehe immer noch im Café, im Zug oder im Bus genügend Leute – auch junge! – die lesen. Sie lesen nicht mehr Gedrucktes, sondern über ihre Zeitungsapp oder im E-Book. Na und? Hauptsache sie lesen – und zwar nicht nur Emails und SMS. Das Rezipieren über digitale Medien schont noch die Umwelt: Wir holzen keine Wälder für die Papierherstellung ab und benötigen weniger Chemie – in Papier und Druckerschwärze stecken viele schädliche Bestandteile. Außerdem entsteht weniger Verkehr, weil die Druckerzeugnisse nicht verteilt werden müssen.

    Und eines merke ich als Content-Autor immer wieder: Bringst du bei allen Briefing-Vorgaben etwas Persönliches, Individuelles in deine Texte, bekommst du die besten Rückmeldungen.

    Gruß in die Runde von
    Peter Umlauf

  • 17. Oktober 2015 at 04:36
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    nett … und unterhaltsam allemal.

    Viele Grüße, Claudia Göpel

  • 25. Oktober 2015 at 00:09
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    Ja, schön aufbereitet! 🙂

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