Interview mit Christian Brauer

Texte sind für Webseitenbetreiber genauso wichtig wie für Musiker. Fehlt es einer Webseite an Text, bedeutet dies, dass es kein Ergebnis in der Suchmaschine für diese Webseite geben wird und dem Leser über die Webseite nichts mitgeteilt werden kann. Ein Hip-Hop-Künstler ohne einen Text? Unmöglich, denn ohne einen Text gibt es auch keinen Rap! Dass wir uns beide tagtäglich mit Texten beschäftigen ist ein guter Grund, mich mal wieder mit meinem alten Klassenkameraden und Hip-Hop-Produzenten Christian Brauer darüber zu unterhalten.

Christian Brauer: Produzent deutschen Hip-Hops

 

 

Christian Brauer

Jahrgang 1973

Produzent für deutschen Hip-Hop. Aktuelle Künstler: Comar und MC Sendo aus Bielefeld und Minden.
Aktuell arbeitet Christian an seinem ersten Album, das voraussichtlich 2017 auf Vinyl erscheinen wird.

 

 

Marius Ahlers:

Hallo Christian, wir haben vor 25 Jahren gemeinsam die Schulbank gedrückt. Mit Musik, insbesondere dem deutschen Hip-Hop, hast Du Dich bereits zu Schulzeiten intensiv auseinandergesetzt und selber Musik gemacht und Texte verfasst. „Damals“ war die Zeit noch nicht reif für deutschen Hip-Hop. Wie sieht das heute aus? Was hat sich Deiner Ansicht nach in den letzten 25 Jahren verändert?

 

Christian Brauer:

Mit Blick auf die Charts kann man durchaus sagen, dass sich deutscher Hip-Hop mittlerweile gut etabliert hat. Neben den klischeebeladenen Acts wie Sido, Kollegah, Bushido oder Farid Bang etc. sind hier u.a. Marteria, Casper , Motrip , Megaloh oder Veteranen wie Max Herre, Afrob oder Samy Deluxe zu erwähnen, die nicht nur Hip-Hop für die Kids machen, sondern auch Erwachsene ansprechen. Trotz allem ist der Untergrund leider noch viel zu wenig vertreten und Hip-Hop wird immer wieder auf die in den Charts vertretenen Stars reduziert, was schade ist. Das Positive ist, dass der kommerzielle Hip-Hop bei manchen das Interesse nach mehr weckt und den Blick in die Tiefe öffnet, um festzustellen, dass es in der Hip-Hop Kultur auch weniger gewaltverherrlichenden, frauenfeindlichen oder „ghettoinspirierten“ Rap gibt, der genauso gut oder besser ist, weil er das Lebensgefühl der Hip-Hop-Künstler authentisch rüberbringt. In den Medien wird oft bewusst ein falsches Bild gezeichnet, gerade hier in OWL gibt es eine aktive Szene, in der sich Künstler untereinander unterstützen und mit den Vorurteilen, die manche von unserer Musik haben, nicht im Geringsten etwas zu tun haben. Aber das ist schwer aus den Köpfen rauszukriegen, da auch diese Schiene von Gewalt, Drogen und Frauenverachtung von einigen Hip-Hop-Künstlern als Publicity gerne benutzt wird, um zu schockieren. Da gilt es, zu differenzieren und nicht alles über einen Kamm zu scheren.

 

Marius Ahlers:

Sind die Chancen für einen deutschen Nachwuchsmusiker besser geworden oder muss heutzutage auch im Bereich Musik von „Reizüberflutung“ oder gar inflationären Tendenzen gesprochen werden? „Damals“ gab es mit MTV und einige Jahre später mit VIVA zwei Fernsehsender für Musik. Daneben gab es eine Handvoll Musiksendungen, wie zum Beispiel „Formel EINS“, aus den öffentlich rechtlichen Sendeanstalten, über die ein Musiker reichweitenstark promotet werden konnte.

 

Christian Brauer:

deutscher-hip-hopyoutube-hip-hopDa ist das Internet Fluch und Segen zugleich. Nie war es einfacher, über soziale Medien das Publikum zu erreichen, was es aber gleichzeitig auch schwieriger macht, da das Angebot unüberschaubar ist und in der Masse unterzugehen droht. Klickzahlen auf Youtube oder ähnlichen Angeboten haben die klassischen Musiksender längst abgelöst, die ja den größten Teil ihres Programms mittlerweile weniger mit Musikvideos denn mit Reality- und Datingshows sowie Lifestylemagazinen füllen. Auch durch das illegale Runterladen von Songs ist es heutzutage für Künstler schwer, mit Musik Geld zu verdienen, wenn sie nicht ein Major-Label im Rücken haben, das die Kosten für Marketing und Werbung vorab schultert.

 

Marius Ahlers:

Wie viel gibt ein Musiker beim Texten von sich persönlich preis? Schreibt ein Musiker Deiner Erfahrung nach die Texte eher selbst oder lässt man lieber schreiben, und falls selbst geschrieben wird, lassen sich diesbezüglich Musiker in unterschiedliche Textergruppen unterteilen?

 

Christian Brauer:

In meinen Fall schreibe ich generell alles selber, ich kann mir das nicht vorstellen, mit Texten von anderen aufzutreten bzw. mir Texte von anderen schreiben zu lassen. Texten ist für mich eine Form von Therapie, in der ich persönliche Ansichten und Gefühle verarbeiten kann. Ich gebe zu, dass es auf mich befremdlich wirkt, wenn Menschen auf mich zukommen und mir erzählen, was die Texte für sie bedeuten oder dass sie sich damit identifizieren können. Dennoch freut mich der Zuspruch, denn der bestärkt mich darin weiterzumachen.

Zum Thema, dass Musiker sich von Dritten Texte schreiben lassen, kann ich aus meiner Erfahrung als Songschreiber, der auch schon für andere geschrieben hat, sagen, dass ich das okay finde. Ich weiß, wie schwer es sein kann, wenn man eine Schreibblockade hat oder lyrisch nicht den erwarteten Output liefern kann, jedoch unter den Druck steht, veröffentlichen zu müssen.

Für mich bestand die Aufgabe darin, mir den Stil des Interpreten anzueignen und dementsprechend zu schreiben – was definitiv nicht einfach ist. Wie es sonst abläuft, kann ich nicht beurteilen. Das muss jeder Künstler mit sich selbst ausmachen.

 

Marius Ahlers:

Wie lange schreibst Du an einem Text? Wie oft wird ein Text von Dir überarbeitet, bis er final zum Einsatz kommt? Welche Kriterien spielen bei der Bewertung eines Songtextes bei Dir eine Rolle und aus welchem Blickwinkel nimmst Du die Musik, insbesondere die Texte, Deiner deutschen Hip-Hop-Kollegen wahr? 

 

Christian Brauer:

Es kommt vor, dass ich für Texte eine halbe Stunde brauche, an manchen Texten arbeite ich Monate, bis ich damit im Reinen bin. Ich versuche, einen gewissen Anspruch zu erfüllen, das macht es mir manchmal schwer, einen Abschluss zu finden. Eine Überarbeitung ist deswegen oft unvermeidbar, um ein Endprodukt zu schaffen, das meinen Ansprüchen entspricht.

Themen, die ich verarbeite, sind oft sehr persönlich, aber es kommt auch vor, dass ich mich von einem Wort oder Umstand inspirieren lasse und den Text dann drum herum schreibe. Meine Themen hängen also davon ab, was mich persönlich oder mein direktes Umfeld aktuell bewegt. In der heutigen Zeit ist es – dem Handy sei Dank – überall möglich, seine Ideen und spontanen Inspirationen an jedem Ort der Welt festzuhalten.

 

Marius Ahlers:

Wieviele Staffeln DSDS wird es Deiner Meinung nach noch geben? Ist das Thema nicht bald aufgebraucht und ganz Deutschland „durchgecastet“?

 

Christian Brauer: 

Ich war noch nie ein großer Fan von Castingshows. Deshalb verfolge ich diese auch kaum, wodurch ich – dieses Thema betreffend – nicht wahrhaftig im Bild bin.

Quelle: Gala.de

Quelle: Gala.de

Ich glaube, dass solche Formate an Reiz für die Zuschauer verloren haben. Die aktuellen Einschaltquoten bestätigen meine Einschätzung sicherlich. Vielleicht ist es nicht in Ordnung, öffentlich zu äußern, dass das für mich wenig mit Kunst zu tun hat, sondern mit einem knallharten Business, in dem Menschen verheizt werden, gleichzustellen ist. Es entsteht in diesem Umfeld eine Art Zweckgemeinschaft aus Selbstdarsteller und der Industrie, an deren Anfang beide profitieren, letztendlich aber die Haltbarkeit nach einem Jahr meist überschritten ist. Der Staffelgewinner bleibt in der Regel auf der Strecke. Zwar konnte er einen kurzen Moment des Ruhms genießen, muss dann aber feststellen, dass die Tantiemen und das meiste Geld an die Manager und Produzenten überwiesen werden. Schlimmer noch: Sein größter Erfolg wird zum Stolperstein, denn ehemalige Castinggewinner und Teilnehmer sind wie gebrandmarkt und finden selten den Weg zurück ins Rampenlicht, es sei denn negativ oder im Dschungelcamp. Ich für meinen Teil hätte schon ein Problem damit, mir meinen Weg und meine Musik diktieren zu lassen. Wie gesagt, es ist unstrittig, dass das ein harter Job als Gewinner so einer Show ist, aber mit ernstzunehmendem Künstler hat das für mich nichts zu tun. Es reicht in meinen Augen nicht, nur auf eine gute Stimme zu setzen und den Rest von irgendwelchen Profis als Image zusammenzuschustern zu lassen und als Gesamtpaket zu verkaufen. Man erinnere sich nur an das von Frank Farian produzierte Pop-Duo »Milli Vanilli«, welches keine seiner Songs selber eingesungen hat.

 

Marius Ahlers:

Welches aktuelle Projekt treibt Dich an und wo meinst Du, wird die Musikbranche nach den nächsten 25 Jahren stehen? Werden wir eine Renaissance des Vinyls erleben oder ist die eigene Musiksammlung durch Streamingdienste wir Spotify oder Apple-Musik bald genauso Geschichte wie der ausgediente Walkman?

 

Christian Brauer:

Aktuell bin ich auf der neuen LP von Martin Meiwes „ Kiez Notiz“ mit einem Beat vertreten. Daneben gibt es eine CD, die noch einen Remix dazu anbietet. U. a. produziere ich für Comar und  MC Sendo aus Bielefeld und Minden.

Umgesetzte Projekte von Christian Brauer.

Auf Youtube findet man Sendos Video „ abgehoben“, welches ebenfalls mit einem Beat von mir produziert worden ist. Über Stereoboom Records haben Franz Branntwein, Martin Meiwes und ich ein Tape releast, also nostalgisch auf Kassette als Hommage, in limitierter Auflage, auf der wir abstrakten Hip-Hop präsentieren.

Im Sommer wird das neue Roberto-Bronco-Album veröffentlicht, für das ich ein paar seiner fantastischen Chillout-Beats singen durfte, was mich riesig gefreut hat. Mein erstes persönliches Album ist in Planung, welches allerdings aufgrund meiner eigenen Ansprüche erst im Frühjahr 2017 zur Veröffentlichung kommen wird.

Foto eines Live-Auftritts

Foto eines Live-Auftritts

Heutzutage macht man als unabhängiger Künstler viel in Eigenregie, mir ist wichtig, ein Label zu finden, welches wenigstens die Produktionskosten für einen Tonträger übernimmt, was auch nicht mehr selbstverständlich ist, da vieles über Downloads läuft. Ich denke, so wird’s auch in Zukunft bleiben.

Wer sich nicht verbiegt und im Strom mitschwimmt hat es schwer, von Musik leben zu können.  Mit den Verkäufen eines Tonträgers oder den Eintrittsgeldern bei Live-Auftritten lassen sich allenfalls entstandenen Ausgaben reinholen und man kann zusätzlich bestenfalls ein kleines Taschengeld verdienen. Kunst oder Kommerz – wenn du deiner Sache treu bleibst, besteht das Risiko, vielleicht nie wirklich Erfolg zu haben. Erfolg hängt  letztendlich immer vom Glück und Beziehungen ab und hat weniger mit Qualität zu tun. Für mich persönlich steht im Vordergrund meines Schaffens die Liebe zur Musik.

Hip-Hop-Brauer

Sollte das die Menschen ansprechen, umso besser!

Zum Thema Vinyl: Ich freue mich als Liebhaber dieser Scheiben, dass in den letzten Jahren die Verkäufe gestiegen sind, und anscheinend so gut, dass selbst große Ketten wie Saturn oder Media Markt, sie wieder ins Sortiment aufgenommen haben. Es ist etwas Besonderes! Auch wenn die Platte sicher mehr kostet und  auch umständlicher in der Bedienung ist: Musik nimmt für Menschen, die Vinyl kaufen, einfach einen anderen Stellenwert ein. Für viele avanciert die Platte durch ihre limitierten Auflagen auch zum Sammlerobjekt.

Ich kann nachvollziehen, dass Menschen, für die die Musik nicht im Mittelpunkt steht, eine Datenbank mit ihren Lieblingssongs oder ein Streamingdienst ausreicht. Viele Kritiker sehen darin eine Entwertung der Musik.

Darüber kann man streiten, gerade was die Bezahlung der Musiker bei den Streamingdiensten angeht. Ich für meinen Teil unterstütze den Künstler mit meinem Vinylkauf und habe mein Medium gefunden, mit dem ich glücklich bin. Wahrscheinlich hat alles seine Daseinsberechtigung und man wird sehen, was sich zukünftig durchsetzen wird. Zum Glück scheint es da draußen noch genug Gleichgesinnte zu geben, die es ähnlich sehen wie ich und Vinyl am Leben halten.

Hörproben von Christian Brauer produzierten Künstlern:

Sendo „Abgehoben“:

Sendo "Abgehoben"

Roberto Bronco „Dolphins“ (feat. Chris Brauer):

Roberto-Bronco_Chris-Brauer

Sendo fest. Janine „Ohne Euch“ AD-EP (Chris Brauer – Beat):

Sendo-feat_-Janine-ohne-euch

Franz Branntwein – Stein, Scherben & paar Bier – Beat Tape Snippet (Mixed by DJ Teal-One):
Franz-Branntwein

One thought on “Interview mit Christian Brauer

  • 6. Juni 2016 at 09:30
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    Schönes Interview, welches ich „so“ hier nicht erwartet hätte. Auch die Soundcloud-Einbindungen – coole Sache!

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