Crowdfunding in der Praxis: Interview mit Marco Breddin über seine Buch-Serie THE ATARI ST AND THE CREATIVE PEOPLE

THE ATARI ST AND THE CREATIVE PEOPLE Vol. 1 (Entwurf)

Zum Abschluss unserer Crowdfunding-Serie haben wir noch ein waschechtes Praxisbeispiel: Das Buch THE ATARI ST AND THE CREATIVE PEOPLE Vol. 1 konnte mit über 22.000 Euro von knapp 400 Unterstützern realisiert werden. Gründer Marco Breddin stellte das Projekt 2016 auf der amerikanischen Plattform Kickstarter ein und startet damit eine Designbuch-Serie über digitale Kreativität in den 80er Jahren. Daraus entstand auch sein Verlag MICROZEIT; geplant sind zwei weitere Bücher der Reihe. Design-Liebhaber können die erste Ausgabe BREAKIN´ THE BORDERS nun auf Microzeit.com vorbestellen. Wie Marco Breddins Erfahrungen mit Crowdfunding waren, lesen Sie hier im Interview:

Projekt-Initiator Marco Breddin

In welcher Phase des Projekts kam Ihnen die Idee, Ihr Buch über Crowdfunding zu finanzieren?

In der Planungsphase. Die Buchproduktion habe ich von Anfang als Crowdfunding-Projekt kalkuliert.

Warum haben Sie sich für die Plattform Kickstarter entschieden?

Kickstarter ist neben Indiegogo die wohl bekannteste international ausgerichtete Crowdfunding-Plattform. Da meine Leser aus der ganzen Welt kommen (vorzugsweise westliche Industriestaaten), bin ich gezwungen, ein englischsprachiges Produkt auszuliefern. Kickstarter bietet dazu die nötige Infrastruktur. Ein weiterer Faktor ist die große Retro-Szene, die sich auf Kickstarter gegenseitig unterstützt. Die Möglichkeiten des Cross-Marketing sind hier nicht zu unterschätzen. Im Nachhinein bin ich jedoch mit dem Interface eher unzufrieden und sehe die Alles-oder-Nichts-Mentalität von Kickstarter als unnötigen Stolperstein. So muss ein Projekt immer zu 100 Prozent finanziert werden. Indiegogo ist hier flexibler, auch bei den Zahlungsmöglichkeiten. Positiv ist jedoch die Beratung. Ich habe auf Kickstarter immer die Möglichkeit, per Video-Skype mit einem Mitarbeiter zu sprechen. Das habe ich natürlich genutzt.

Wie lief die Projekterstellung und die Fundingphase, welche Schwierigkeiten gab es?

Die Kosten richtig zu kalkulieren ist eine heikle Aufgabe, die eine sensible Beschäftigung mit allen betriebswirtschaftlichen Faktoren voraussetzt. Wer sich hier keine Zeit lässt, hat am falschen Ende gespart. Die Schwierigkeiten liegen auf der Hand. Es gibt wenig kompetente Informationsquellen zum Thema. Im Vorfeld habe ich versucht, so viel wie möglich zu recherchieren. Im Vorfeld ist ein Steuerberater wertvoll, der sich mit Fundraising beschäftigt, diese sind jedoch selten. Kalkulieren sollte man nicht nur die Produktion der Ware, auch alle Mitarbeiter, Goodies und, nicht zu vergessen, den Versand. Oft unterschätzt sind die Verpackungskosten bei weltweiter Logistik.

Ich habe zwei Anläufe benötigt. Das erste Crowdfunding auf Kickstarter ging schief. Die Berechnung habe ich zusammen mit einem deutschen Verlag gemacht. Doch waren die Kosten für solch ein Nischenprodukt im Endeffekt zu hoch kalkuliert. Ich habe mich nicht entmutigen lassen und das Projekt internationalisiert – auf finanziell gesündere Beine gestellt. Dazu sind allerdings einige Helfer nötig, die ebenso für das Thema brennen und sich anbieten.

Im nächsten Schritt habe ich einen einen Mini-Verlag gründen müssen (mein erster Eintrag ins Handelsregister!), um das Buch selbst herausbringen zu können. Aus der ersten Phase habe ich die Kalkulation mitgenommen und die höhere Marge kalkuliert. Dadurch konnte Projekt zwei auf Kickstarter mit einigen tausend Euro weniger finanziert werden. Aktuell ist das Buch noch in Produktion, weshalb ich noch nicht genau sagen kann, ob alles perfekt aufgeht. Was mir aber bisher geholfen hat, ist eine gute Pre-order-Basis. Die Vorbestellungen der Kunden helfen ein wenig, den langen Produktionsrahmen zu überbrücken. Mein Problem: Ich habe mit immer mehr Content ein sehr viel dickeres Buch geschaffen als avisiert.

Wie haben Sie so viele Unterstützer gewinnen können?

Die Unterstützer kommen hauptsächlich aus der Szene, die das Buch auch avisiert. Es sind also viele der Protagonisten unter den Käufern. Um weitere Interessenten gewinnen zu können, war eine ausgesprochen intensive Marketingphase nötig. Ich habe dazu eine Facebook-Gruppe gegründet und die Leute an der Gestaltung des Buches mitwirken lassen. Nach und nach hat sich so eine Expertengruppe gebildet, die auch per Umfragetool ansprechbar ist. Multiplikatoren halfen im Netz. Weitere Tools waren: Twitter, Google AdSens, FacebookWerbeanzeigen. Crossmedial ging es dann auf Kickstarter weiter.

Was denken Sie, welchen Einfluss die Art der Finanzierung auf das Werk selber hat?

Die Produktionskosten bei einem hochwertigen Buch sind nicht zu unterschätzen. Wenn ich mit Crowdfunding das Material, die Druckerei und Mitarbeiter (Designer, Lektorat) bezahlen kann, habe ich als Autor den Rücken für meine eigentlichen Aufgaben frei. Qualitativ kann es also nur vorangehen Jedoch darf man nicht vergessen, dass die Crowd auch eine Meinung hat und diese berücksichtigt werden will.

Haben Sie Tipps für andere Autoren, die Bücher über Crowdfunding realisieren möchten?

Die Kernzielgruppe muss klar sein. Je spitzer – je „nischiger“ –, desto besser eigentlich. Vorher sollte die Recherche erfolgen, ob das Thema beziehungsweise die Art der Bearbeitung originell genug ist. Es müssen schon einige hundert Interessenten im Fokus sein, bevor man überhaupt das Exposé schreibt. Wer Geld mit Büchern verdienen will, sollte lieber gleich einen Verlag gründen. Ansonsten bleiben einem nur die üblichen Zehn-Prozent-Verträge. Als Crowdfunder bei einem Verlag kann man aber sicher auch ganz gut fahren.

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