Geht’s auch ohne Genitiv?

Böse Zungen schmähen ihn als schwierig, veraltet und überflüssig: den Genitiv. Manche erklären ihn sogar für so gut wie tot. Aber käme man wirklich ohne ihn aus? Werfen wir einen genaueren Blick auf Regeln, Status und Probleme des umstrittenen Kasus! Totgesagte leben bekanntlich länger …  

Vorurteil 1: Der Genitiv ist besonders schwierig

Nicht nur grammatikgeplagten Schülern ist der Genitiv häufig ein Dorn im Auge. Auch so mancher Texter würde lieber auf ihn verzichten und zum Beispiel den Dativ, der ja bekanntlich sein Tod ist, als Auftragskiller vorschicken. Nicht nur wegen der berüchtigten Relativsätze, mit denen fast jeder gelegentlich kämpft (trotz deren oder trotz derer?), umschiffen einige diesen Kasus gern großräumig. In der Begründung der Regeln für die barriere- und genitivfreie Leichte Sprache wird gegen die Verwendung des Wesfalls im Umgang mit sprachlich oder geistig beeinträchtigten Personen zum Beispiel ins Feld geführt, dass er teilweise mit dem Dativ übereinstimmt und somit Anlass zu Verwechslungen geben kann. Dies trifft zu: Das Genitivobjekt und das Dativobjekt im Femininum lauten gleich, werden aber unterschiedlich verwendet.

Genitiv: Der Besuch der alten Dame (Bedeutung in Dürrenmatts Dramentitel: Die alte Dame kommt zu Besuch)

Dativ: Er stattet der alten Dame einen Besuch ab (Bedeutung: Die alte Dame erhält Besuch)

Hinzu kommt, dass der Genitiv selbst zweideutig sein kann: Mit „Der Besuch der alten Dame“ könnte auch ein Besucher (oder mehrere) gemeint sein, sodass auch hier die alte Dame in einer Lesart die Besucherin, in der anderen die Besuchte sein kann.

Zur Ermittlung der korrekten Bedeutung sind in solchen Fällen zusätzliche Kenntnisse erforderlich: Wie lautet gegebenenfalls der Rest des Satzes/des Textes oder in welchem Zusammenhang wurde die Äußerung gemacht? Was weiß man über die beschriebene Person oder Situation?

Tücken des Plurals

Aber neben Problemen der Interpretation können – vor allem bei Nichtmuttersprachlern – auch solche bei der Formulierung und beim Lernen der betreffenden Regeln auftreten. Denn während der nicht erweiterte Genitiv mit bestimmtem Artikel sowohl im Singular als auch im Plural möglich ist, existiert er mit unbestimmtem Artikel nur im Singular. Im Plural kann er nur dann stehen, wenn er mit einem Adjektiv, Partizip o. ä. erweitert ist.[i]

Singular:

Die Vorzüge eines Staubsaugers

Die Vorzüge eines modernen Staubsaugers

 

Plural:

Die Vorzüge einiger Staubsauger

Die Vorzüge moderner Staubsauger

 

Nicht möglich:

*Die Vorzüge Staubsauger

Hier muss der Umweg über eine Präpositionalphrase mit „von“ genommen werden:

Die Vorzüge von Staubsaugern

 

Dementsprechend wird in der Leichten Sprache, aber sehr häufig ebenfalls in der normalen Umgangssprache, auch im Singular statt des Genitivs eine „von“-Konstruktion mit Dativ verwendet:

Die Vorzüge von einem Staubsauger.

„Von“ als Umwegstrategie?

Diese von Chef-Sprachkritiker Bastian Sick spöttisch als „Vonitiv“ bezeichnete Struktur findet sich auch in unserer gesprochenen Sprache häufig und stört dort nicht weiter. In der Schriftsprache (Spezialtexte in Leichter Sprache ausgenommen) ist sie im Singular und bei Nomina im Plural mit bestimmtem Artikel nicht zulässig. Hier muss der Genitiv verwendet werden. Es muss also heißen:

Die Vorzüge des Staubsaugers

Die Vorzüge eines Staubsaugers

Die Vorzüge der Staubsauger

aber:

Die Vorzüge von Staubsaugern.

Es ist auch hier sehr wichtig, der Versuchung zu widerstehen, so zu schreiben, wie man spricht. Einen Satz, der so kompliziert ist, dass man ihn ohne eine „von“-Konstruktion nicht mehr verstehen würde, sollte man besser komplett umschreiben.

Dass zwei verschiedene Strukturen jeweils in gesprochener und geschriebener Sprache parallel existieren, ist eine nicht untypische Erscheinung im fortlaufenden Sprachwandel. Was dies für den Genitiv bedeutet, wird noch eine Rolle spielen.

 

Vorurteil 2: Veraltet, gestelzt, kompliziert

Ein wesentlicher Effekt des Sprachwandels ist die Steigerung der Effizienz. Botschaften sollen einfacher und schneller zu formulieren bzw. zu entschlüsseln sein. Schwierigkeiten wie die oben genannten könnten in der Tat auch unabhängig von der Einführung einer Leichten Sprache ein Grund für die immer häufigere Verwendung des „Vonitivs“ sein. Häufige Regelverstöße können langfristig zu neuen Normen führen. Die deutsche Sprache scheint analytischer zu werden – das bedeutet, dass syntaktische Relationen immer weniger durch Vor- oder Nachsilben markiert werden. Aus einem Wort werden zwei. Man sagt nicht mehr

*Sie wartet seiner

*Sie schämt sich seiner.

Stattdessen geht die Tendenz offenbar hin zu Präpositionalphrasen wie unserer „von“-Konstruktion mit Akkusativ oder Dativ; es heißt heute:

Sie wartet auf ihn

Sie schämt sich für ihn.

Gegenläufige Entwicklungen

Diese Entwicklung vollzieht sich aber längst nicht überall. Nicht nur stehen beispielsweise manche Verben der gehobenen Sprache wie gedenken oder sich annehmen und zusammengesetzte Präpositionen wie aufgrund, anstatt, infolge, anstelle, zugunsten nach wie vor mit Genitiv – stellenweise geht es sogar in die umgekehrte Richtung. Trotz und dank durften früher nur mit Dativ stehen, heute ist hier auch der Genitiv erlaubt bzw. bei trotz sogar Pflicht.

Es ist allerdings fraglich, ob der „Vonitiv“ effizienter ist, denn Effizienz kann sowohl Einfachheit und Klarheit als auch Kürze bedeuten. Meist gilt hier „entweder – oder“: Die Struktur ist in der Regel bei den „analytischen“ Formen mit Präpositionen oder anderen Funktionswörtern klarer und in vielen Fällen übersichtlicher, bei den „synthetischen“ Strukturen mit angehängten und eingeschobenen Elementen knapper.

Beides sorgt auf unterschiedliche Weise für Effizienz, daher ist nicht mit Sicherheit zu sagen, welches von beiden effizienter ist. Knapp bedeutet nicht notwendigerweise besser verständlich, und ausführlich bedeutet nicht unbedingt übersichtlich. Für den Sender sind andere Faktoren praktisch als für den Empfänger. Eine kurze Formulierung, die einem Texter ein paar Minuten Schreibzeit erspart, kostet den Leser bekanntlich nicht selten ein Vielfaches an Zeit fürs mühsame Dekodieren. Wie effizient eine sprachliche Variante ist, kann man häufig nur über längere Zeiträume hinweg feststellen. (Manchmal setzt sich in einer Sprache eine Option gegen eine andere durch und alte Strukturen werden sogar ganz abgeschafft, kommen dann aber irgendwann durch die Hintertür wieder herein, wenn sich das Neue doch nicht als so effizient erweist.)

Three brown chicken isolated on white background.

Passiv-Falle: der Alt-Bundespräsident auf Abwegen

Wenn die Effizienz zweier Strukturvarianten ungefähr gleich zu sein scheint, taucht typischerweise das oben gezeigte Phänomen auf: Eine in der Schriftsprache vorgeschriebene Form steht einer anderen, auf die gesprochene Sprache beschränkten Form gegenüber. Dass dies beim Genitiv der Fall ist, lässt vermuten, dass der „Vonitiv“ nicht ganz so effizient ist, wie man denken könnte.

In der Tat: Betrachtet man Fälle wie

Sicherheitsbeamter von Gauck beklaut (Schweriner Volkszeitung 21.11.2012, eingeschickt von Jürgen Wiechmann)

oder

Mutter von vier Kindern erschlagen (vgl. Sick 2013),

so wird deutlich, was für fatale Mehrdeutigkeiten sich selbst aus aus einem legitimen „von“ ergeben können, wenn es mit einem Verb im Passiv kombiniert wird. Denn im Passiv kann der „Täter“ gemeinerweise nicht nur mit „durch“, sondern auch mit „von“ stehen. Bei unbestimmtem Plural gerät man unweigerlich in Schwierigkeiten, wie das Beispiel

Käfighaltung von Hühnern verboten (vg. Sick 2013)

zeigt. (Was des einen Leid, ist des anderen Freud: Sprachliche Beschränkungen bieten hier revolutionäres Potenzial.) Bei Fließtext haben wir immerhin mehr Formulierungsalternativen als bei Headlines.

Es wird deutlich, dass der Genitiv im normalen Hochdeutschen nicht umsonst immer noch vorgeschrieben ist, es gibt gute Gründe dafür wie auch dagegen. Völlig barrierefrei sind ja die wenigsten Dinge im Leben.

Die Passiv-Falle droht übrigens nicht nur in den typischen verkürzten Überschriften, sondern auch in normalen Passivsätzen mit einer adverbialen Bestimmung oder einem Nebensatz (Gliedsatz) am Anfang:

In Gelsenkirchen wurde eine Mutter von vier Kindern erschlagen.

Obwohl überall Hinweise auf die Kameraüberwachung angebracht waren, wurde ein Sicherheitsbeamter von Gauck beklaut.

Vorangestellter Genitiv

Den Genitiv betrifft das nicht nur in der besprochenen nachgestellten Variante, sondern auch in seiner anderen Form, der Endung -s als Anhängsel an Eigennamen (und den ähnlich gebrauchten Verwandtschaftsbezeichnungen). Beim vorangestellten Genitiv existieren hier parallel Formen wie

Siegfrieds Telefon (Schriftsprache und gesprochene Sprache)

und

*Siegfried sein Telefon (ungrammatisch, nur gesprochen, weniger akzeptabel als der „Vonitiv“).

 

Das Telefon von Siegfried

befindet sich hier als dritte Form in einer Grauzone.

 

Schwierig wird es bei Nachnamen: Hier ist Meiers Telefon mehrdeutig und weniger genau als das Telefon der Meiers/des (Herrn) Meier, das Telefon von Meiers/Herrn Meier oder die dialektalen Varianten *Meiers ihr Telefon / *Meier sein Telefon. Im Singular wird der nachgestellte Genitiv (das Telefon Siegfrieds, das Telefon des Siegfried) bevorzugt dann noch verwendet, wenn der Eigenname z. B. durch ein Adjektiv oder Partizip näher bestimmt ist (das Telefon des unverschämten Siegfried), ansonsten fast nur bei bekannten, vor allem historischen Persönlichkeiten (der Leibarzt Hitlers; das Geschenk Cäsars).

Beim angehängten -s darf kein „Deppenapostroph“ eingefügt werden, auch wenn er noch so beliebt ist. Die Schreibweisen Siegfried’s oder Meier’s sind zwar im Englischen Pflicht, im Deutschen aber falsch. Es heißt also

Omas Pflaumenkuchen.

Das gilt auch für englische Namen in deutschem Text:

Shakespeares Dramen

Trumps Kabinett

In normalen Genitiven, wie des Staubsaugers, darf erst recht kein Apostroph stehen.

Fazit

Gerade bei all den parallel existierenden Varianten ist es wichtig, im Kopf zu behalten, was in der Schriftsprache (und damit auch in der gesprochenen Sprache) richtig ist. Fassen wir also noch einmal zusammen:

Im Singular und im Plural mit bestimmtem Artikel ist der Genitiv Pflicht. In anderen Fällen – und generell in der Leichten Sprache – sind „von“-Konstruktionen korrekt.

Bei Eigennamen ist der Genitiv (ohne Apostroph!) ebenfalls Pflicht; missverständlichen vorangestellten Genitiven ist dabei der nachgestellte Genitiv mit Artikel, im Notfall auch eine „von“-Konstruktion, vorzuziehen.

Wir halten fest: Der Genitiv ist trotz einiger Schwierigkeiten und Unkenrufe noch lange nicht tot und muss in der Standardsprache weiterhin verwendet werden. Umso besser – sonst müssten wir irgendwann womöglich schreiben:

*Wir gedenken dem Genitiv.

Einfach gruselig.

 

Quellen

Braunmüller, Kurt (1982): Syntaxtypologische Studien zum Germanischen (Tübinger Beiträge zur Linguistik 197). Tübingen: Narr

Jespersen, Otto (1994): Efficiency in Linguistic Change. Kopenhagen: Munksgaard

Maaß, Christiane (2015): Leichte Sprache. Das Regelbuch. (= Barrierefreie Kommunikation Band 1. Hrsg. Forschungsstelle Leichte Sprache Universität Hildesheim). Berlin: LIT Verlag

Sick, Bastian (2013): „Verwirrender Vonitiv“, Web: http://bastiansick.de/fotoalben/verwirrender-vonitiv-2/

Sick, Bastian (2015a): Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Sick, Bastian (2015): „Leichte Sprache für alle?“ Web: http://bastiansick.de/kolumnen/zwiebelfisch/leichte-sprache-fuer-alle/

 

[i] Ungrammatische Formulierungen sind mit einem * gekennzeichnet.

2 thoughts on “Geht’s auch ohne Genitiv?

  • 2. November 2017 at 00:30
    Permalink

    Ich bin auch eindeutig für die Rettung des Genitivs,

    Frau Lohmann – nicht für die Rettung von dem Genitiv. Der zweite Fall bereichert – mündlich wie schriftlich – die Sprache und steht für mich als Zeichen von Bildung und Seriösität. Ist es denn vorstellbar, bei wirklich wichtigen Dingen den „Vonitiv“ zu verwenden? Nein!

    Vielleicht ist demnächst von „Merkels Jamaika-Kabinett“ die Rede. Schwer denkbar, dass eine ernstzunehmende Zeitung schreibt „das Jamaika-Kabinett von Merkel“.

    Das gilt ebenso für „Trumps Amtsenthebungsverfahren nach (Robert) Mullers Ermittlungen“. Können wir uns das Ende des aktuellen US-Präsidenten denn vorstellen als „das Amtsenthebungsverfahren von Donald Trump nach den Ermittlungen von Robert Muller“? Ich kann es nicht.

    Und noch etwas liegt mir am Herzen nach der Lektüre Ihres Beitrages, Frau Lohmann. Bei allem Verständnis für die einfache Sprache zugunsten von Menschen mit Behinderungen: Es kann nicht im Ernst sein, dass dies der Maßstab für uns alle ist.

    Die Hochsprache legt die Messlatte für öffentliche Debatten – und wer diese Höhe nicht nehmen will, der lässt es eben. Andernfalls landen wir Alle in absehbarer Zeit auf dem intellektuellen Niveau von Donald Trump. Und der nächste Nobelpreisträger für Literatur heißt vielleicht Peter Maffay.

    Bei solchen geistig-sprachlichen Standards wäre dieser Text dann ein Blogbeitrag „von der Delia Ihrem Freund“.

    Da grüße ich doch lieber als Fan von Frau Lohmanns Sprachkolumnen die content.de-community.

    Peter Umlauf

  • 9. November 2017 at 21:28
    Permalink

    TOP Dienstleistungen!

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