Das Herz der Welt

Diese Kurzgeschichte wurde von der Autorin Marina Millioti eingereicht:

Eines Abends stürmte es, und Jan durfte nicht im Garten spielen. Auch das Internet fiel aus und nicht einmal das Fernsehen ging. Es war einfach total langweilig. Alle Hausaufgaben waren längst erledigt, das Lego-Raumschiff fertig gebastelt.

Es stürmte immer stärker und stärker, und schon krachte ein Ast auf das Dach, und irgendwo im Wald stürzte ein Baum um. Jan bekam Angst, denn seine Eltern waren noch nicht zu Hause. Sie arbeiteten beide in einem Krankenhaus, Mama als Krankenschwester, Papa – als Arzt, und fuhren immer nach dem Feierabend zusammen heim.

Nur die alte Großmutter war da, sie war immer krank und saß im Rollstuhl. Sie konnte sich nicht viel um Jan kümmern, dafür aber konnte sie Geschichten erzählen. Aber Jan hörte ihr selten zu, denn er fand seine Computerspiele und Chatten mit Freunden viel interessanter, als alte Geschichten.

Die Großmutter rollte in Jans Zimmer und fragte ihn: „Willst Du eine Geschichte hören?“
„Ja“, antwortete Jan, denn er hatte sowieso nichts zu tun.

„Dann erzähle ich Dir eine Geschichte vom Herzen der Welt!“
„Von welchem Herzen, Oma?“
„Vom Herzen der Welt. Hast Du nicht gewusst, dass die Welt ein Herz besitzt?“ wunderte sich die Großmutter.
„Nein, in der Schule wurde davon nicht erzählt und wahrscheinlich stimmt es auch nicht, aber erzähl‘ mal einfach weiter!“
„Gut, ich erzähle Dir diese Geschichte, aber pass auf: sie ist kein Märchen. Alles, was ich erzähle, habe ich mit meinen Augen gesehen!“
„Na, dann bin ich gespannt“, sagte Jan, guckte aber ziemlich ungläubig seine alte Großmutter an.
„Vor vielen Jahrhunderten lebte ein großer Magier auf dieser Welt“, begann die Großmutter.
„Hast Du damals auch schon gelebt?“ fragte Jan verwundert.
„Ja, mich gab es damals schon“, die alte Dame lächelte rätselhaft. „Aber ich bitte Dich, unterbrich mich nicht, ich bin ja schon sehr alt und verliere sonst den Faden.“

Jan hatte sich nicht getraut zu fragen, wo der Faden ist, den sie dann verlieren würde, und beschloss, ganz aufmerksam zuzuhören.

„Also: ein ganz großer und weiser Magier lebte hoch in den Bergen in seinem Schloss. Er lebte allein, aber das heißt nicht, dass er ein einsamer Mensch war. Nein, zu ihm kamen von überall her viele Leute, die einen Rat suchten oder krank waren, oder traurig. Er versuchte allen zu helfen.“
„Was hättest Du diesen Magier gebeten, dass er für Dich tue?“ wollte die Großmutter wissen.
„Konnte er wirklich alles?“ fragte Jan vorsichtig.
„Fast alles“.
„Dann hätte ich ihn gebeten, dass er mir hilft, tauchen zu lernen. In meiner Klasse können es nämlich alle außer mir“, meinte Jan.
„Das hätte der Magier bestimmt gerne für Dich gemacht, mein Lieber!“ sagte die Oma und zog ihr Enkelkind an sich heran und küsste es. Jan mochte zwar nicht sonderlich gerne, geküsst zu werden, doch jetzt, als er so stürmte und krachte und er Angst hatte, war der Kuss ihm willkommen.
„Es geht weiter: Es kamen sehr viele zum dem Magier, und nicht nur Menschen, sondern auch Tiere, und sein Schloss war voll, manchmal so voll, dass der Magier selbst für sich keinen Schlafplatz finden konnte. Dann legte er sich draußen schlafen, auf einen Felsvorsprung, von woher sich ein weiter Blick auf die Berge eröffnete“.

Jan versuchte sich diesen atemberaubenden Blick vor zu stellen. Er war noch nie in den Bergen gewesen, so gerne würde er Berge sehen!

„Mitten in der Nacht wurde der Magier von einem ohrenbetäubenden Knurren und Winseln geweckt. Es war ganz dunkel um ihn, und er konnte nichts sehen, er hatte auch Angst einen Schritt zu machen, denn er wusste, dass er ganz nahe am Abgrund stand.

Dann hörte er aber Rufe: „Komm bitte zu uns, wie sind hier, hilf uns!“
Er sah vier funkelnde Augen, zwei große und zwei kleine und ging auf die Augen zu. Und entdeckte zwei Bären, von diesen Riesenbären, die ganz schwarz sind: ein erwachsener Bär und ein Bärenjunges. Beide atmeten ganz schwer, und der junge Bär konnte sich kaum auf den Beinen halten.
„Großer Magier“, sprach der große Bär höflich, „ich habe Dir meinen Sohn gebracht, denn er ist in eine Falle getappt, und sein Pfötchen tut ihm schrecklich weh! Kannst Du uns helfen, bitte?“

Der Magier schaute im schwachen Mondlicht nach dem Pfötchen des kleinen Bären und entdeckte, dass sich das Fangeisen tief in das Fleisch hineingebissen hatte und dass der Jungbär viel Blut verloren hat. Das Tierchen konnte nicht mehr laufen und sank hilflos auf den Boden.

Der Magier nahm das Bärenkind auf den Arm…“

„Wie viel wiegt denn so ein junges Bärchen?“ fragte der praktische Jan.

„Ach, ich weiß es nicht, aber bestimmt war er nicht leicht. Doch der Magier war ein starker Mann, er konnte viel ertragen. Also trug er den Bären in sein Schloss, und der große Bär folgte ihm.

Alle Menschen, die im großen Saal schliefen, sprangen auf ihre Beine, und auch alle Tiere sprangen auf ihre Proften, und alle hatten Angst vor den riesigen Bären, denn Bären waren damals Könige der Tiere.

„Gibt es sie heute noch, diese Bären?“ fragte Jan.

„Es gibt sie noch, doch sie sind wenige geworden und sehr scheu“, meinte die Großmutter. „Damals waren es noch sehr viele, sie waren dreimal größer als die heutigen Braunen Bären.

Menschen und Tiere hatten Mitleid mit dem Bärenkind. Sie waren entsetzt über die Jäger, die Fangeisen aufstellen und Tieren, ihren Brüdern und Schwestern, nachstellen.

Doch ein Mensch hatte kein Mitleid, er wusste auch nicht, was Mitleid ist. Sein Herz war voll Wut auf den Magier: der Mensch hat einen langen Weg gemacht, um zum Schloss zu kommen, viele Tage war er unterwegs, und alles umsonst! Er hat den Magier darum gebeten, ihn zum reichsten Menschen seiner Stadt zu machen, aber der Magier, dieser Betrüger, er weigerte sich!“

„Und warum weigerte sich der Magier? Konnte er es nicht schaffen, diesen Wunsch zu erfüllen?“ wollte Jan wissen.

„Doch, Junge, natürlich könnte er das schaffen! Aber er sagte zu diesem Mann: „Ich will nicht, dass andere Dich beneiden, Neid ist ein schlimmes Gefühl, so viele sind schon deswegen in den Tod gegangen!“
Und noch sagte ihm der Magier: „Ich weiß, Du hast genug zum Leben und sogar mehr als das, sei damit zufrieden und sei ein glücklicher Mensch!“

Aber der Mensch konnte nicht zufrieden und glücklich sein, denn Nein und Gier haben schon sein Herz schwarz gemacht. Er kochte vor Wut, als er sah, wie der Magier den kleinen Bären heilte und ihn umarmte, und wie der Bär seinen Retter mit der blauen Zunge schleckte. Und wie der große Bär sich bei dem Magier bedankte und darum bat, ihn mit seinem Sohn hier im Schloss immer zu bewachen.

Alle waren froh, nur dieser Mensch nicht. Leise schlich er sich aus dem Schloss weg und ging bitterböse heim. Er hasste den Magier und dachte sich allerlei üble Pläne aus, um den Magier zu töten. Er fand auch nicht wenige Gleichgesinnte, deren Wünsche der Magier nicht erfüllen wollte. Und einer von denen riet ihm, den Eisdrachen zur Hilfe zu rufen“.

„Den Eisdrachen hast Du aber bestimmt erfunden, Oma! Die Drachen speien doch immer Feuer!“ sagte Jan, aber er schmiegte sich trotzdem ängstlich an seine Großmutter, denn es kam gerade eine besonders starker Böe und es schien – noch ein Windstoß, und das Dach hält nicht mehr. Die Eltern waren immer noch nicht zurück, und das Telefon schwieg.

„Leider gibt es diesen Drachen, ich weiß nicht genau, wie er aussieht, doch ich weiß, dass wenn er es schafft, aus seiner Höhle heraus zu kommen, wo er derzeit eingesperrt ist, dann wird es auf der ganzen Erde so kalt, dass kein Mensch und kein Tier überleben werden!“

„Ach, dann ist der Drache eingesperrt!“ Jan atmete tief durch. „Und wie kalt kann so ein Drache machen?“

„Ich glaube, hundert Grad minus wird schon kalt genug sein“, sagte die Großmutter.

Jan schien es, dass es schon jetzt kälter werde, und er wickelte eine warme Decke um die Schulter.

„Erzähl bitte weiter!“ bat Jan, und die Großmutter setzte fort: „Der Eisdrache lebte in einer Höhle auf einem Planeten, wo es immer kalt ist, denn bis dorthin reichen die Sonnenstrahlen nicht. Um ihn herbei zu rufen, sollte man einen Zauberspruch kennen und einen bestimmten Tag noch dazu, den einzigen in sieben Jahren, an dem der Zauberspruch den Drachenplaneten erreichen konnte. Den Zauberspruch haben die bösen Menschen einer armen Fee entlockt, die sie gefangen und in einen Kerker geworfen haben, wo keinerlei Licht eindrang, weder Sonne, noch Mond, noch Kerzen. Ein Jahr hat die Fee ausgehalten, doch ohne Licht sterben Feen nach einem Jahr und drei Monaten. Es war eine ganz junge Fee, sie wollte noch viel erleben und viel sehen – sie verriet den bösen Menschen den Spruch.
Aber das half ihr nicht: die Menschen ließen sie nicht frei, und so verwelkte sie nach drei Monaten wie eine zarte Blume“.

Jan schluchzte.

„Weine nicht, sie kam in den Feenhimmel und darf jetzt dort so viel Licht genießen, wie in ihrem ganzen Leben nicht!

Also stellten sich böse Menschen an diesem bestimmten Tag an den bestimmten Ort und riefen den Zauberspruch laut und drei Mal, und mit jedem Mal immer lauter.

Zuerst geschah gar nichts. Aber dann wehte ein Sturm – wie dieser heute und noch schlimmer, und dann wurde es fürchterlich kalt, und dann erschien ein blau-weißer Drache, er war groß wie der höchste Turm der Welt und aus seinem Rachen kamen Eis und Schnee. Er ließ sich vor den bösen Menschen nieder und sagte: „Wie kann ich euch dienen, meine Gebieter?“

Die Menschen aber antworteten: „Töte den Magier im Bergschloss, dann darfst Du wieder frei sein!“

„Das tue ich sehr gerne“, antwortete der Drache, „denn dieser Magier ist mein schlimmster Feind. Er verbreitet nämlich Liebe und Wärme in der ganzen Welt, und von diesen üblen Dingern kann ich sterben! Also los, wir stürmen das Schloss!“

„War das Schloss denn gut bewacht?“ fragte Jan.

„Ach, das Schloss wurde nur von den beiden Riesenbären bewacht, denn der Magier meinte, er tue doch niemandem war Schlimmes an, und Schätze hat er auch keine – wer soll ihm schon etwas Böses wünschen. Doch er irrte sich leider.

Der Eisdrache flog auf das Schloss hin, und überall, wo er flog, wurde es eisig kalt, und Flüsse standen still, und in den Meeren türmten sich Eisberge, und alles Lebende erfror. Der Drache flog in die Berge und landete auf dem Felsvorsprung vor dem Schloss.

Der Magier kam ihm entgegen und sprach ihn an: „Du Eisdrache, warum wünschst Du mir Übles, ich habe doch Dir nie etwas angetan!“

„Doch“, antwortete der Drache, „Du bist mir zu warm, ich werde sterben, wenn Du weiter Deine Wärme verbreitest!“

„Nein, Du wirst nicht sterben!“ sprach der Magier, „Du wirst nicht mehr so frieren, Du wirst die Wärme lieben lernen“.

„Ich will niemanden lieben, und Dich hasse ich, Magier!“ fauchte der Drache und pustete den Magier mit seinem eisigen Atem an. Der Magier streckte seine Hand aus und wehrte das Eis und den Schnee ab.

Der Drache knurrte und fauchte noch kräftiger, aber der Magier wehrte wieder ab.

Und so wäre der Magier als Sieger aus diesem Kampf heraus gekommen, doch inzwischen haben auch die bösen Menschen die steilen Berghänge erklettert, und haben den Magier umzingelt.

Die beiden Bären sind ihm zur Hilfe geeilt, aber die Menschen schossen aus ihren Bögen auf die Bären, und die Bären fielen tot um, von den Pfeilen durchbohrt.

„Nein!“ schrie Jan, „Ich will nicht, dass die Bären sterben! Bitte, Oma, sag, dass es nicht stimmt!“

„Höre weiter, mein Lieber“, sprach die Großmutter leise. Sie wirkte erschöpft, und Reden fiel ihr zunehmend schwer.

Der böseste aller Menschen schlich sich von hinten an den Magier heran und stach ein Messer in dessen Rücken, und der Magier senkte seine Arme, und verlor seine Zauberkraft, dann konnte der Drache ihn mit einem Atemzug zu einer Eisscholle machen.

Die Menschen warfen die toten Bären und den Magier in den Abgrund und gingen weg. Der Eisdrache aber breitete seine Flügel aus und sauste zu seinem eisigen Planeten, in seine Höhle.

Aber die bösen Menschen haben nicht bemerkt, dass das Herz des Magiers noch ganz leise schlug. Es schlug und schlug, und mit jedem Schlag fiel ein Bluttropfen auf die Bären, und schon bald öffneten die Bären ihre braunen Augen, und hoben ihre pelzigen Köpfe und stellen sich auf ihre stämmigen Beine.

Sie standen vor der Eisscholle, in deren Inneren ein warmes Herz schlug und weinten um ihren Herren. So verharrten sie drei Tage und drei Nächte.
Und danach schliefen die beiden Bären ein und träumten beide den gleichen Traum. Es erschien ihnen der gute Magier, er war ganz traurig und er sagte: „Es ist zu wenig Liebe in der Menschenwelt und zu viel Bosheit. Ich wollte so gerne in diese Welt ein bisschen Wärme bringen, doch ihr habt meine Wärme nicht gewollt. Daher verlasse ich diese Welt!

Aber weil ich sie immer noch liebe, lasse ich hier mein Herz. Bewacht es gut, meine treuen Bären, denn solange dieses Herz schlägt, wird eure Welt weiter bestehen. Solange mein Herz schlägt, wird sich der Eisdrache nicht aus seiner Höhle auf dem eisigen Planeten heraus trauen. Solange das Herz schlägt, wird es mehr Liebe in der Welt sein als Hass! Bewacht das Herz der Welt und lebt wohl!“

Als die Bären am nächsten Morgen aufwachten, war die Eisscholle verschwunden und an ihrer Stelle schlug ein großes blutrotes Herz.

Die Bären trugen es feierlich zurück ins Schloss und legten es in eine Schale aus Bergkristall. Sie selbst legten sich links und rechts von die Schale und seither wachen sie über das Herz der Welt“.

Endlich hörten die Großmutter und Jan ein Auto vor dem Haus parken, Jan rannte zum Fenster: seine Eltern stiegen aus dem Auto aus und winkten ihm zu.

Jan riss die Tür auf, und eine kalte Windböe warf ihn fast um, doch da kam schon sein Vater angerannt und hielt ihn fest und seine Mutter umarmte ihn.

„Ist es aber stürmisch draußen, vor unserem Auto ist ein Baum auf die Fahrbahn gestürzt, und wir mussten warten, bis die Feuerwehr ihn aufgeräumt hatte!“ sagte der Vater.
„Und weißt Du, als wir weiter gefahren sind, schien es mir, dass ein Riesenbär über die Straße lief, ein dicker brauner Bär!“ sagte die Mutter.

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