Ostern ist im Frühling

Diese Kurzgeschichte „Ostern ist im Frühling“ wurde von Autorin ponyschnecke eingereicht: 

Milla stand am Fenster. Was sie dort draußen sah, stimmte sie nicht froh. Wieder schneite es. Obwohl es dunkel war, konnte Milla die vom Himmel herab fallenden Schneeflocken gut erkennen. Seit vielen Wochen lag der Garten unter einer dicken Schneedecke. Anfangs hatte sie sich über die lustig tanzenden Schneeflocken gefreut. Als es vor mehr als drei Monaten anfing zu schneien, stand das Weihnachtsfest bevor und Milla wusste, dass der Weihnachtsmann den Schnee braucht, um alle Geschenke mit seinem Schlitten transportieren zu können. So sehr hatte sie sich über den weißen Schnee gefreut. Mit ihren Freunden hat sie einen dicken Schneemann im Garten gebaut und manchmal war Milla mit ihrem großen Bruder zum Rodelberg gegangen. Vergnügliche Nachmittage haben sie dort verbracht. Immer wieder hat Milla ihren Schlitten den Berg hinauf gezogen, um dann laut jauchzend den Abhang hinunter zu sausen. Jetzt aber sehnte sie sich nach Sonnenschein. In wenigen Stunden wurde der Osterhase erwartet und niemand wusste, ob er die bunten Eier durch den Schnee tragen konnte.

Leise klopfte es an der Tür. Milla verließ ihren Posten am Fenster und öffnete. Das kleine Mädchen rieb sich die Augen, denn sie mochte nicht glauben, wen sie dort vor ihrer Tür stehen sah. Groß, viel größer als Milla ihn sich vorgestellt hatte, stand der Osterhase vor ihr. Seine langen Ohren hingen schlaff nach unten und seine Beine zitterten. Auf dem Rücken trug er einen blauen Rucksack. Lange schaute der Hase Milla schweigend an und auch Milla brachte kein Wort hervor. Als der Osterhase zu sprechen begann, war Milla erleichtert. Seine Stimme klang freundlich: „Ich brauche deine Hilfe. Mit meinen Freunden habe ich viele, viele Eier bemalt und noch mehr Schokoladeneier haben wir sorgfältig eingepackt. Für Kinder, die besonders brav waren, haben wir sogar noch kleine Spielsachen gebastelt. Doch wie sollen wir unsere Geschenke verteilen? Unsere Füße werden im Schnee erfrieren.“ Milla winkte den Hasen herein und flüsterte: „Wir müssen den Weihnachtsmann um Hilfe bitten. Er hat einen großen Schlitten. Darauf könnt ihr die Eier packen und in den Gärten verteilen.“ Von ihrem Bruder wusste die Kleine, dass der Weihnachtsmann nach dem Christfest im Hexenwald Ferien macht. Dort musste er jetzt noch sein, denn er hatte im Dezember viele Kilometer mit seinem Schlitten zurückgelegt, war durch ach so viele Schornsteine gerutscht und hatte viele Pakete tragen müssen. Jetzt durfte er einen langen Urlaub genießen. Schließlich musste er bereits im Sommer damit anfangen neue Spielsachen zu bestellen.

„Der Hexenwald befindet sich gleich hinter dem Hügel, den du vom Garten aus sehen kannst. Lass uns schnell losgehen und den Weihnachtsmann um Hilfe bitten“. „Ist das nicht zu gefährlich für ein kleines Mädchen?“, fragte der Osterhase mit zittriger Stimme. „Im Wald wohnt die Hexe Zwirbelzopf. Schon viele Hasen sind in den Hexenwald hineingegangen. Niemals kam einer wieder heraus.“ „Ich fürchte mich nicht“, meinte Milla. Insgeheim jedoch war ihr ein wenig mulmig. Aber sie dachte an all die Kinder, die enttäuscht wären, wenn der Osterhase in diesem Jahr nicht zu ihnen käme. Schnell zog sie ihre dicke Jacke an und band einen Schal um. „Warte einen Moment!“, befahl sie dem Langohr. „Ich hole schnell etwas für dich.“ Als Milla zurückkam hatte sie
dickgefütterte Stiefel in der Hand. „Zieh die an!“ kommandierte sie. „Die Stiefel gehören meiner Mama. Sicher hat sie nichts dagegen, wenn du sie trägst.“

Leise verließen die beiden das Haus. Milla ging vorneweg. Der Hase schlurfte mit immer noch hängenden Ohren hinterdrein. Es war ungewohnt für ihn, mit Stiefeln zu laufen, aber die Fellschuhe wärmten seine Hinterläufe. Mühsam marschierten die nächtlichen Wanderer den Hügel hinauf. Oben angekommen bot sich ihnen ein fantastisches Bild. Die Baumwipfel der Hexenwaldbäume glitzerten im Mondlicht. Dazwischen huschten bunte Lichter, die den Weg durch den Wald skizzierten. Ganz am Ende des Waldes vermutete Milla den Weihnachtsmann. Der alte Mann fürchtete sich nicht vor der Hexe. Sie bekam regelmäßig ihr Weihnachtsgeschenk und ließ den Weihnachtsmann darum unbehelligt in ihrem Wald den Urlaub verbringen. Jetzt in der Nacht vor Ostern schlief der Alte selig und freute sich darauf, bald wieder ins Weihnachtsland heimzukehren. Dort erwarteten ihn bereits die Engel, die für ihn auf die Kinder achtgaben.

Milla und der Osterhase prägten sich den Verlauf der Lichter ein. Bevor sie den Hexenwald betreten konnten, mussten sie den tief verschneiten Hügel hinab gehen. Immer wieder versank Milla bis zum Bauch im Schnee. Sie fror, obwohl es anstrengend war, durch den Tiefschnee zu stapfen. Als Milla und der Hase den Waldeingang endlich erreichten, bemerkten sie ein zitterndes Fellbündel, das zähneklappernd zu ihnen hin blickte. Das Bündel entpuppte sich als winziger Hase, kaum älter als sechs Wochen. Milla bückte sich mitleidig zu dem frierenden Häschen hinunter. “Was machst du hier ganz allein im Wald?”, fragte sie. Weinend antwortete der scheue Hase: “Zwirbelzopf hat meine Mama in ihren riesigen Hasenstall gesperrt. Mit leckeren Möhren hat die Hexe meine Mami und viele andere Hasen angelockt und hält sie gefangen.” Schluchzend erzählte das Häschen, wie ihm allein die Flucht gelungen war. Es hatte sich neben der Stalltür versteckt, als die Hexe gekommen war, um die Tiere zu füttern. Mit einem gewaltigen Hoppelsprung war es an der Hexe vorbeigeprescht und in den Wald gelaufen. Nun saß der kleine Mümmelhase einsam und ohne Hoffnung seine Mutter je wiederzusehen hier am Waldrand. Milla hob den kleinen Hasen auf und setzte ihn in den mit wärmendem Ostergras gefüllten Rucksack des Osterhasen.

Zu dritt gingen sie in den Wald hinein. Milla wieder vorneweg, dahinter der Osterhase mit dem kleinen Hasen im Gepäck. Das Laufen fiel ihnen nun leicht. Schneefrei waren die Wege, denn die Schneeflocken setzten sich auf die Wipfel der hohen Bäume. Bald erreichten sie ein kleines Haus. Davor saß die Hexe Zwirbelzopf auf einer Bank und weinte bitterlich. “Stell deine Lauscher auf und horche, was Zwirbelzopf murmelt”, wandte Milla sich an den Osterhasen.

“Feinde sind Freunde und Freundschaft tut gut.
Werden sie sprechen, hab ich wieder Mut.”,

wiederholte der Osterhase die Worte der Hexe. Vorsichtig näherten die ungleichen Nachtschwärmer sich dem weinenden Geschöpf. Mutig stellte Milla sich vor die Hexe und fragte: ”Warum weinst du? Hast du nicht alles erreicht, was eine Hexe erreichen kann?” Traurig schüttelte Zwirbelzopf den Kopf: “Niemand will mich zur Freundin haben. Meine Hexenkolleginnen haben mich verstoßen, weil ich gut zu den Tieren war. Deshalb habe ich die Hasen gefangen. Ich wollte mich so gerne mit ihnen anfreunden. Aber die Mümmelmänner bleiben stumm und reden nicht mit mir.” “Freunde kann man nicht einfangen”, meinte der Osterhase. “Freundschaft kommt aus dem Herzen. Nimmst du den Hasen die Freiheit über Felder und Wiesen zu hoppeln, werden sie traurig. Nur Kinder, die Tiere lieben, verstehen ihre Sprache. Du bist schon alt, Zwirbelzopf, du kannst nicht mit Worten zu den Hasen sprechen. Die Sprache der Hasen lernst du, wenn du ihnen zusiehst. Wenn sie munter hoppeln, sind sie froh. Liegen sie mit traurigen Äuglein im Stroh, musst du mit ihnen zum Doktor gehen. Du darfst ein Häschen niemals einsperren. Wer dein Freund sein möchte, kommt freiwillig zu dir. Er schmiegt sich an dich und zeigt dir so, dass er dich mag.“ Zwirbelzopf nickte, doch eins verstand die Hexe nicht: “Wieso kann ich mit DIR reden?” “Den Osterhasen verstehen alle, die an ihn glauben. Das hat mir mein Bruder gesagt”, erklärte Milla. “Das ist richtig”, bestätigte der Osterhase. “Doch nun müssen wir weiter. Wir suchen den Weihnachtsmann”, wandte er sich wieder an Zwirbelzopf. “Hilfst du uns ihn zu finden, werden wir für immer deine Freunde sein.” Die Hexe lächelte: ”Mit meinem Hexenbesen sind wir in wenigen Minuten beim Weihnachtsmann. Steigt nur auf. Ich bringe euch zu ihm.”

Es war eng auf dem Besen. Ganz vorne saß die Hexe, die unaufhörlich rief:

”Besen, Besen reite,
wohin ich dich auch leite.
Fahr mit uns zum Weihnachtsmann.
Halt nicht an beim Osterlamm.”

Hinter Zwirbelzopf hockte Milla. Der Osterhase hielt sich an ihren Schultern fest, denn er drohte abzurutschen. Der kleine Hase hockte immer noch im blauen Rucksack. Nur die langen Ohren und die Augen schauten aus dem Ranzen heraus. Obwohl der Mond hell leuchtete, konnten sie kaum etwas sehen. Zu schnell flog der Besen durch die Luft. Alle waren froh, als die rasende Fahrt zu Ende ging und der Besen sich ganz langsam nach unten bewegte, um zu landen. Milla erspähte von oben bereits den Weihnachtsmann. Er stand ohne seinen Mantel dort, dennoch erkannte Milla ihn sofort an seinem langen grauen Bart und den freundlichen Augen. Der gute Mann stand neben seinem Rentierschlitten und starrte nach oben. Er hatte den Besen mit den nächtlichen Ausflüglern längst bemerkt und wartete gespannt darauf, dass sie ihm den Grund ihres Besuchs mitteilten.

Nach der Besenlandung direkt zu seinen Füßen betrachtete der Weihnachtsmann abwartend die kleine Gruppe, die sich vor ihm aufgebaut hatte. Rechts stand Milla. Sie schien die Anführerin zu sein. Ihr entschlossener Gesichtsausdruck verriet dem Weihnachtsmann, dass ein wichtiger Grund für den nächtlichen Besuch vorliegen musste. Neben dem Mädchen stand der Osterhase. Riesig erschien er neben dem Kind.
Seltsamerweise trug er Stiefel mit Fellbesatz an seinen Hinterbeinen. Die Ohren des Osterhasen waren jetzt steil aufgerichtet. Er schien Kummer zu haben. Seine Augen ruhten flehend auf dem Weihnachtsmann. Hinter seiner linken Schulter schaute der Kopf eines winzigen Häschens hervor. Etwas abseits stand die Hexe Zwirbelzopf. Krampfhaft hielt sie sich an ihrem Besen fest und schaute zu Boden. Der Weihnachtsmann ahnte, dass die Hexe mit dem guten Herzen sich vor ihm fürchtete. Immer wieder hatte er sie ermahnt, die Hasen freizulassen. Bisher war sie seinem Drängen nicht nachgekommen. Da sie die Tiere aber respektvoll behandelte, sie fütterte und tränkte, vertraute er darauf, dass sie eines Tages Einsicht zeigen würde.

Milla ergriff das Wort. Die Zeit verrann so schnell, sie mussten endlich handeln. “Wir brauchen deine Hilfe, Weihnachtsmann”, sagte sie. “Bald geht die Nacht zu Ende und die Kinder freuen sich auf Süßigkeiten und Eier. Der Osterhase schafft es nicht, seine Geschenke zu verteilen. Es ist unmöglich, durch den hohen Schnee zu hoppeln. Bitte leihe uns deinen Schlitten.“ Erstaunt hörte der Weihnachtsmann, dass es außerhalb des Waldes immer noch schneite. “Was ist nur in Frau Holle gefahren?”, fragte er sich. “Die alte Dame hat längst Feierabend.” Zu Milla gewandt sagte er: ”Ich helfe euch. Schnell! Steigt alle auf. Wir müssen uns beeilen, denn bald geht die Sonne auf.” In Windeseile waren die Rentiere vor den Schlitten gespannt und in wilder Fahrt jagte das Gespann mit dem Weihnachtsmann, Milla und dem Osterhasen durch die Nacht. Die Hexe jedoch sauste auf ihrem Besen zurück in ihr Hexenhaus. In ihren Armen hielt sie den kleinen Hasen, der sehnsüchtig darauf wartete, seine Mutter wiederzusehen.

Der Osterhase zitterte mehr als zuvor. Würden sie rechtzeitig nach Hasenstadt kommen? Seine Freunde warteten dort voller Sorge auf seine Rückkehr. Plötzlich sah er eine dicke Schneewolke, die geradewegs auf den Rentierschlitten zukam. Zum Glück hatte auch der Weihnachtsmann die Wolke bemerkt. “Ich muss die Zeit anhalten. Haltet euch fest!”, schrie er. Es ruckelte nur kurz, dann war die Gefahr vorbei. Bevor die Wolke den Schlitten erreichen konnte, war er schon durch sie hindurchgefahren.

Endlich erreichten sie Hasenstadt. Erstaunt sah Milla die bunt bemalten eiförmigen Häuser. Hier also lebte der Osterhase mit seinen Gehilfen. Leider blieb ihr keine Zeit sich über die ovalen Bäume und kunterbunten Blümchen zu freuen. Schnell mussten sie den Schlitten beladen. Die Gehilfen des Hasen schleppten unermüdlich mit Eiern und Schokolade gefüllte Körbchen an. Milla half tatkräftig mit und belud mit dem Weihnachtsmann den Schlitten. Als sie fertig waren, brachte die Mutter des Osterhasen ihnen warmen Kakao.

Gestärkt durch das himmlisch süße Getränk machten sie sich mit dem Schlitten auf den Weg. Milla saß vorne zwischen dem Weihnachtsmann und dem Osterhasen. Die Gehilfen standen auf den Schlittenkufen und hielten sich aneinander fest. Von Zeit zu Zeit parkte der Schlitten und einer der Gehilfen rannte mit fliegenden Ohren und einem gefüllten Korb zu einem Haus, in dem der Osterhase brave Kinder vermutete. Als sie an Millas Haus ankamen, stieg das Mädchen aus. Sie bedankte sich beim Weihnachtsmann für seine Hilfe. Dem Hasen wünschte sie viel Glück: “Wenn ihr euch beeilt,
schafft ihr es noch, bis der Mond untergeht.”

Milla stand wieder am Fenster. Es hatte aufgehört zu schneien und die ersten Sonnenstrahlen des Jahres kitzelten ihre Nase. Leises Türklopfen schreckte sie aus ihren Gedanken. Ihr Bruder kam ins Zimmer und sagte: “Stell dir vor, Milla, der Osterhase hat wahrhaftig durch den Schnee zu uns gefunden. Vor der Tür stehen zwei Körbchen mit Geschenken.” Er stellte sich neben sie ans Fenster. Auf dem Hügel vor dem Hexenwald sahen die Geschwister hunderte Hasen sitzen. Sie schienen zu winken. “Wenn die Hasen aus dem Wald kommen, wird es Frühling. Das weiss ich von Opa”, meinte der Junge. Milla lächelte nur.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.