Das kleine vierbeinige Krokodil aus dem Nil

Diese  Kurzgeschichte „Das kleine vierbeinige Krokodil aus dem Nil“ wurde verfasst von Autorin Schreiberline.

Kennst du das auch? Manchmal sagen Erwachsene: „Wir können froh sein, dass wir gesund sind.“ Denkst du da nicht manchmal: „Ja gesund, aber die neue Puppe mit den tollen Kleidern habe ich nicht. Was nutzt mir da die Gesundheit?“ Deswegen will ich die nachfolgende Geschichte erzählen. Sie handelt vom kleinen vierbeinigen Krokodil aus dem Nil.

Es hat eigentlich alles, was man gerne möchte: Im Nil, das ist ein Fluss in Afrika, und auch dort in dem ganzen Land ist es immer warm. Es gibt gutes Essen und auch nette Spielkameraden. Aber du weißt doch, wie ein Krokodil aussieht, oder? Es hat eins, zwei, drei, vier Beine. Aber unser kleines Krokodil hat bald nur noch zwei. Fragst du dich nun auch, warum?

Das kleine zweibeinige Krokodil war auch mal ein Krokodil mit vier Beinen. Und es war sehr glücklich. Es tobte mit seinen Eltern im Wasser und hatte immer genug zu essen. Es gab alles, was man sich vorstellen kann und was gut für die Familie Kroko war. Bis sie plötzlich ein paar Menschen am Ufer traf. Die Männer und Frauen und Kinder lachten und planschten miteinander, gingen an Land, schaukelten, spielten Fußball und Verstecken, aßen die herrlichsten Dinge an einem Tisch und hatten dabei einen Heidenspaß. Das kleine vierbeinige (denn es bekam erst später zwei Beine) Krokodil war fasziniert von diesen Geschöpfen und fragte den Vater, warum sie nur zwei Beine haben. Vater Kroko antwortete: „Das Land der Menschen ist ein Zauberland. Sobald du aus dem Wasser auf das Zauberland hinausgehst, darfst du dich entscheiden, ob du ein Krokodil bleiben möchtest mit vier Beinen oder ob du ein Mensch werden willst mit zwei Beinen. Wenn du bis zum Einbruch der Nacht wieder im Wasser bist, bist du ein Krokodil mit vier Beinen. Wenn du es aber nicht schaffst, dass du in der Nacht wieder im Wasser bist, wirst du ein Mensch mit zwei Beinen bleiben. Doch oftmals entstehen auch Mischwesen. Also kann es passieren, dass du ein Krokodil sein wirst mit zwei Beinen oder ein Mensch mit vier Beinen. Sei also vorsichtig. Deine Mama und ich haben uns für das Wasser entschieden. Findest du das nicht gut?“

Das kleine vierbeinige Krokodil sagte daraufhin etwas enttäuscht und traurig: „Mir gefällt das Wasser sehr gut. Aber ich würde auch gerne einmal mit den
Menschenkindern toben und Fußballspielen und sehen, wie man mit zwei Beinen gehen und laufen kann. Meinst du, ich kann das einmal ausprobieren?“ Vater Kroko blickte seinen Sohn sehr nachdenklich an: „Wenn du es ausprobieren willst, dann darfst du das tun. Aber du musst dir meinen Rat merken.“

Und so kam es, dass das kleine vierbeinige Krokodil an Land ging. Es winkte noch mit seinem Schwanz den Eltern, welche sich sagten: „Er wird sicher bald wieder gesund und munter zu uns ins Wasser zurückkehren. Denn Gesundheit ist das Wichtigste!“

Das kleine vierbeinige Krokodil schaute sich auf dem Land um. Wie herrlich es sich doch anfühlte, ganz ohne Wasser zu leben. Der Boden war schön weich und sandig, sodass sich das der Kleine zuerst einmal wie eine Kugel in den wohlig-angenehmen Boden grub.

„Gähhnnnnn, bin ich jetzt plötzlich müde!“, dachte sich das kleine vierbeinige Krokodil. Kurz darauf schlief es ein, denn der Tag war schon reichlich lang gewesen mit dem vielen Schwimmen. Und es merkte nur noch, wie es sich verwandelte. Es bekam zwei Beine und auch die Haut und der gesamte Körper veränderte sich. Nun war es also ein Mensch.
Endlich konnte das Krokodil, welches jetzt ein Mensch war, auf zwei Beinen stehen. Auch auf zwei Beinen flink laufen und auch mal auf nur einem Bein hüpfen. „Mmhh… Alle Menschen haben einen Namen. Als Krokodil bekomme ich erst später einen Namen, weil Mama und Papa sich noch nicht entscheiden konnten. Ich nenne mich als Mensch Robin. Das klingt für mich sehr schön!“

So war das kleine vierbeinige Krokodil also ein Mensch mit dem Namen Robin. Robin lief nun also erst einmal los, um die Landschaft zu erkunden. Er lief immer tiefer in den Wald hinein und traf auf bunte Vögel, große und kleine, dicke und dünne, die einen großen Spaß hatten, sich gegenseitig zu necken und anzusingen. Es war ein schöner Singsang. Doch Robin wollte zu den Menschen und seine nun zwei Beine austesten. Wie lange die Beine sind! Damit kann man richtig viel erleben!

Als er fast aus dem Wald hinausgekommen war, sah er etwas Leuchtendes. Da er bis jetzt nur Menschen, Krokodile und Vögel kannte, wusste er nicht, was es war. Er erkannte nur, beim Näherkommen, dass es sich um ein kleines weißes Etwas
handelte. Es hatte zwei schöne, durchsichtige Flügel auf ihrem Rücken, wunderschöne, lange blonde Haare mit unendlich vielen Locken darin. Zudem leuchtete es, wie sonst nur die Sonne strahlt. Auf ihrem Kopf trug es eine silberblitzende Krone mit vielen Brillanten und Diamanten und ihr Kleidchen war ebenso übervoll mit allen Kostbarkeiten, die Robin noch nie vorher erblickt hatte. In der Hand trug das Wesen einen Zauberstab. Dieser funkelte wie die vielen tausend Sterne, die Robin sonst nur am wolkenlosen Himmel sah.

Das kleine weiße Wesen sprach mit einer zarten, zerbrechlichen Stimme: „Ich bin Ava, die Waldfee. Ich erfülle jedem mit zwei Beinen einen Wunsch, denn das haben diese Wesen verdient. Und wie ich sehe, hast du zwei Beine. Also frage ich nun auch dich, was würdest du dir gerne wünschen? Überlege genau, denn du hast nur einen Wunsch frei. Und ich sage dir: Was du dir einmal gewünscht hast, das wird für dein ganzes Leben lang so sein und du kannst es nicht mehr ändern.“ Robin schaute Ava an und erinnert sich an den Spruch seines Vater: „Gesundheit ist das wichtigste!“ „Aber warum soll ich mir nun Gesundheit wünschen? Ich bin doch topfit, so fit wie niemals zuvor. Vielleicht hat sich Papa geirrt.“ Und so wünschte sich Robin, dass er für immer zwei Beine haben will. Er dachte in diesem Moment nicht an seine Eltern, die ja im Wasser lebten und dass man da vier Beine brauchte. Er war einfach nur glücklich. Ava sprach: „Dein Wunsch soll sogleich in Erfüllung gehen.“ Und „PLOPP“, er hatte zwei Beine und Ava war verschwunden. „Vielen Dank, ich freue mich, danke Waldfee!“, rief Robin in den Wald.

Er ging also weiter und bekam plötzlich großen Hunger, denn laufen ist ziemlich anstrengend. Er aß von einem Baum kleine Würmer und Bambussprossen, fand auf dem Boden Eiern liegen und verspeiste diese mit einer großen Wonne. Als Robin keinen Hunger mehr hatte, erkundete er weiter die Gegend.

Auf einer nahegelegenen Lichtung traf er auf eine Gruppe von Kindern. Sie spielten „Brumm brumm brumm“. Das heißt, die Kinder spielten Autofahren, denn natürlich gab es hier im Wald kein Auto. Die Kinder machten nur die Geräusche nach. Der Fahrer sagte immer „brumm brumm brumm“ und alle anderen Kindern gingen ihm hinterher, wie eben in einem richtigen Auto auch. Robin wollte hier unbedingt mitmachen und fragte die Kinder: „Habt ihr noch einen Platz in euerm Auto frei?“ Die Kinder antworteten: „Ja klar, das haben wir, komm, steig einfach ein!“ Robin war sehr glücklich und spielte mit den Kindern eine halbe Ewigkeit dieses tolle Spiel. Jeder durfte einmal Fahrer sein, die Kinder wechselten sich immer wieder ab. Der Fahrer durfte bestimmen, wo die Gruppe hinfährt. Alle hatten eine große Freude dabei. Aber, vielleicht kennst du das auch, plötzlich bekam unser Robin unglaublich starke Bauchschmerzen. Er wusste nicht, woher diese kamen und war sehr verwundert.

Er sagte zu den Kindern, dass es sich ein bisschen hinsetzen müsste, weil ihm der Bauch so schmerzte. Die Kinder waren besorgt und sagten: „Dann fahren wir die nächste Runde einfach langsam!“

Doch Robin konnte schon kaum mehr sprechen. Ihm war gar nicht gut zumute. War etwas mit dem Essen nicht in Ordnung, welches er im Wald gegessen hatte. Oder hatte er sich beim Laufen übernommen?

Als Robin so hin- und herüberlegte, woher denn nun diese anhaltenden Bauchschmerzen kamen, bemerkte er, dass sich die Kinder zurückzogen. Sie liefen sogar ziemlich schnell weg auf ihren Beinchen. „Hallo, stopp, lasst mich doch hier nicht einfach liegen! Wir sind doch Freunde!“, rief Robin ganz verzweifelt. Aber die Menschenkinder waren bereits verschwunden.

Robin bemerkte nun, wie sich der schöne, blaue Himmel langsam zuzog. Es türmten sich große, dunkle Wolken am Himmel auf, sie wurden immer dichter und dichter. Noch dazu kam ein Wind, der so stürmisch war, wie es Robin noch nie erlebt hatte. Es dachte an seine Eltern und den Spruch seines Vater: „Gesundheit ist das Wichtigste!“ Wie schön wäre es, wenn ich doch mit Mama und Papa im Nil schwimmen könnte. Sie könnten mir sicher auch helfen, dass mir bald nicht mehr so übel ist. Aber natürlich waren die Eltern weit und breit nicht zu sehen. Papa hatte also doch recht. Wenn man krank ist, wollen sehr wenige Menschen mit einem etwas unternehmen. Eigentlich traurig, denn Robin dachte wirklich, er hätte hier Freunde gefunden. Und ihm hat das Landleben auch sehr gut gefallen. Aber jetzt nicht mehr, denn jetzt fühlte er sich krank. Und bewegen könnte er sich auch nicht.

Kurz darauf prasselte heftiger Regen aus den vielen tausend Wolken über ihm. Zudem schnellten eifrig helle Blitze vom Himmel, die mit einem bedrohlichen Donnergrollen immer näher zu kommen schienen. „Was mache ich denn nun?“, rief Robin, „was soll ich denn nun tun?“ Auf einmal hörte er Stimmen. Menschliche Stimmen. Aber keine freundlich-lachenden Kinderstimmen, sondern Erwachsenenstimmen. Es waren ungefähr fünfzig in etwa. Robin sah sie langsam auf sich zukommen. Was ihn sehr erschreckte war, dass sie lange Stäbe in den Händen trugen. „Aber das sind doch auch meine Freunde, oder?“, dachte er panisch bei sich. Die Menschen schlichen sich an ihn heran. Es hörte nur: „Das Krokodil ist verletzt“, „Aber wir können es trotzdem mitnehmen“, „Ja, das machen wir auf jeden Fall“. Krokodil? Aber Robin dachte die ganze Zeit, er wäre ein Mensch! Oh Schreck, er erinnert sich an den Spruch des Vaters: Es war ja mit Sicherheit schon Abend! Was hatte sein Vater noch gemeint: „Sei zurück, bevor die Nacht einbricht, sonst wirst du für immer ein Mensch bleiben!“ Und: „Es kann Mischwesen geben.“ War Robin also nun ein Krokodil mit zwei Beinen?

Er konnte nicht länger nachdenken, denn mit einem Ruck wurde er gepackt und auf die Schultern der Männer gehoben. Er wusste nicht, was nun passieren sollte. Eigentlich wollte er nur gesund sein, vier Beine haben und im Nil plantschen. Wenn er doch nur fit wäre ohne Bauchschmerzen und mit vier Beinen!

Die Männer trugen das schwache Krokodil immer weiter in den Wald hinein. Sie kamen zu einer Feuerstelle. Auf dieser war bereits ein Kessel angebracht, in welchem Wasser kochte und spritzte. Robin erkannte die Gefahr und schrie und schrie mit letzter Kraft und wandte sich und und und und plötzlich…?

„Hallo mein Schatz, na los aufwachen du Faulpelz! Sieh dir das an Gregor, er liegt hier im warmen Sand, während wir Essen holen müssen.“ „Na lass doch Ilse, er ist ja auch noch ein Kind und vielleicht hat es gerade schlecht geträumt.“

Das kleine vierbeinige Krokodil machte die Augen auf und sah in die Gesichter von Papa Gregor Kroko und Mama Ilse Kroko. „Mama, Papa, wo sind die bösen Männer? Ich möchte wieder vier Beine haben und mit euch schwimmen und jagen und Spaß haben. Und ich schwöre, ich gehe nie nie nie wieder weg!“ Die Eltern schauten sich verständnislos an und lächelten dann milde. „Na, dann komm, steh auf. Wir wollen jetzt noch ein bisschen die Sonnenstrahlen genießen, wobei du dich lieber etwas in den Schatten setzt. Ich werde dir eine Kokosnuss bringen, damit du den Saft trinken kannst, den magst du doch so gerne!“ „Oh ja!“, rief das vierbeinige Krokodil, obwohl es immer noch nicht recht wusste, wo es war und was überhaupt passiert ist.

Viele Jahre später, als das kleine Krokodil groß war, wusste es: Es hatte an jenem Tag geträumt, dass es ein Mensch sein wollen würde. Auch die Waldfee und die Kinder waren nur ein Traum. Und zum Glück auch die Männer!

Wenn er nun jemals wieder einen Wunsch frei haben wird, dann würde es sich Gesundheit wünschen. Denn wenn man gesund ist, kann man sich schnell bewegen und jeder Gefahr entgehen. Und man fühlt sich auch fit, um mit anderen zu toben und zu spielen. Und das kleine vierbeinige Krokodil hieß nun tatsächlich Robin, diesen Namen haben seine Eltern für ihn ausgesucht. Das erinnert ihn immer an seinen Traum und somit auch an seine Gesundheit. Aber er war Robin, das Krokodil mit vier Beinen!

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