Die deutsche Sprache im Wandel: Verfall oder Relaunch?

„Wehe unserer Sprache, wenn Fremdwörter ein Muster des Geschmacks würden.“

Was Johann Gottfried Herder offenbar bereits im 18. Jahrhundert befürchtet hat, scheint für Sprachpur-isten heute bittere Realität zu sein: Seit Jahrzehnten halten immer mehr Fremdwörter Einzug in die deutsche Sprache. In Deutschland stehen dabei einge-deutschte Begriffe aus dem Englischen deutlich im Vordergrund. Während diese Entwicklung wohl so schnell nicht abbrechen wird, stören sich viele Menschen an dem scheinbar unschönen gemischt-sprachigen Kauderwelsch, den sie verursacht.

Herder spricht in diesem Zusammenhang von „Geschmack“ – und darüber lässt sich bekanntlich streiten: Während der deutschen Sprache im Ausland häufig der Ruf einer besonders rauen und harten Sprache anhaftet, wissen zumindest deutsche Muttersprachler, dass Deutsch auch sehr elegant und schön sein kann – und dass ein Overload englischer Begriffe den Flow eines Textes beträchtlich stören kann. So verwundert es auch nicht weiter, dass in vielen Briefings hier bei content.de explizit gefordert wird, unnötige Fremdwörter unbedingt zu vermeiden.

Inzwischen scheint es allerdings so, als wäre die zunehmende Verbreitung von Anglizismen keine bloße Geschmacks- oder Stilfrage, sondern reine Pragmatik. Zumindest dürften praktische Gründe eine große Rolle dabei spielen, dass wir unsere E-Mails auf unserem Smartphone checken und nicht unsere elektronische Post auf unserem modernen Mobiltelefon überprüfen. Englische Fremdwörter finden vor allem dann einen Zugang in den deutschen Wortschatz, wenn sie für neumodische Konzepte oder Produkte im englischsprachigen Ausland bereits etabliert sind. In der Regel ist eine Übernahme dieser Begriffe praktischer, als neue deutsche Begriffe zu erfinden oder auf umständliche Umschreibungen zurückzugreifen.

Übrigens: Ganz anders läuft das interessanterweise in Island. Nachdem sich im isländischen Wortschatz seit den 1950ern ebenfalls Anglizismen verbreitet haben, wurde 1964 ein Komitee gegründet, das allein dafür zuständig ist, für neumodische Begriffe isländische Wörter festzulegen. Ein schönes Beispiel ist zum Beispiel das Wort „tölva“ für „Computer“, das sich aus „tala“ („Zahl“) und „völva“ („Seherin“) zusammensetzt und sich frei als „Rechenhexe“ übersetzen lässt. (Hier finden Sie einen kurzen wie kurzweiligen Tagesschau-Artikel zu diesem Thema.)

Bei der Diskussion über die Ausbreitung von Anglizismen im Deutschen scheint es vor allem zwei Lager zu geben: Die einen empfinden den Gebrauch von englischen Begriffen im Deutschen als störend oder sogar gefährlich, während die anderen diese Angelegenheit eher als unproblematisch empfinden oder sogar begrüßen. (Sicherlich gibt es auch noch ein drittes Lager derer, die sich keinem der beiden anderen Lager anschließen möchten…) Es stellt sich daher die Frage: Ist die Verwendung (oder Vermeidung) von Anglizismen nun reine Geschmackssache oder kann das Ganze doch tiefgreifende Konsequenzen für unsere Sprache haben?

Da die Balance zwischen sprachlicher Prägnanz und Eleganz im Texterhandwerk (und ganz besonders im Online-Bereich) eine wichtige Rolle spielt, möchten wir diese Frage in diesem Blogartikel aus beiden Perspektiven betrachten. Natürlich sind Sie herzlich dazu eingeladen, in den Kommentaren fleißig mitzudiskutieren und Argumente zu liefern, die in diesem Artikel fehlen!

Los geht’s:

Anglizismen führen zum Verfall der deutschen Sprache!

Die Schönheit der deutschen Sprache ist ein zentraler Aspekt der Kritik an der Verwendung von Anglizismen. Die Liebe zum Deutschen ist nicht Neues – so fragte beispielsweise Ludwig Börne im frühen 19. Jahrhundert:

„Welche Sprache darf sich mit der deutschen messen, welche andere ist so reich und mächtig, so mutig und anmutig, so schön und mild als unsere?“

Eingestreute Anglizismen stören allerdings nicht nur die Eleganz der Sprache, sondern verspielen auch ihr reiches Potenzial für kreative Wortneuschöpfungen. Die deutsche Sprache kam doch immerhin auch sehr lange ohne Anglizismen aus – wieso sollten wir also neumodische englische Begriffe verwenden, wenn wir uns auch ausschließlich mit deutschen Wörtern ausdrücken können?

Andererseits drängt sich die Frage auf, ob sich dieses Argument auch auf Fremdwörter anderer Sprachen bezieht. Wie sieht es nämlich zum Beispiel mit Französisch oder Italienisch aus? Klingt ein „Stelldichein“ für deutsche Ohren romantischer als ein „Rendezvous“? Und schätzen wir ein gemütliches „Umfeld“ mehr als ein gemütliches „Ambiente“? Wenn man an „Rendezvous“ und Konsorten keinen Anstoß nimmt, an Anglizismen aber schon, dann lautet die Prämisse des Arguments nicht mehr: „Die deutsche Sprache ist zu schön, als dass man sie mit Fremdwörtern verschandeln dürfte“, sondern: „Die englische Sprache ist zu unschön, als dass man mit ihr die deutsche verschandeln dürfte“. Ein kleiner, aber feiner Unterschied!

Es herrscht vielerorts die Auffassung, dass Anglizismen nicht nur störend oder unnötig sind, sondern dass sie sogar das Ausdrucksvermögen der deutschen Sprache beschädigen können. Wer schwarzmalen möchte, behauptet sogar, dass die deutsche Sprache verkommt – und ist damit nicht allein, wie dieser Artikel aus dem Hamburger Abendblatt zeigt. Die weite Verbreitung dieser Befürchtungen macht aus einer bloßen Geschmacksfrage eine ernste sprachpolitische Angelegenheit.

Übrigens: Die „Gefährdung“ der Sprache, die sich durch die Verbreitung von Anglizismen ergeben können soll, ist nicht nur in Deutschland ein Thema. Tatsächlich wird darüber in anderen Teilen der Welt noch viel heißer diskutiert: Da sich die englische Sprache – bedingt durch die Globalisierung – scheinbar „aggressiv“ ausbreitet und indigene Sprachen verdrängt oder sogar zum „Aussterben“ bringt, wird sie von Sprachaktivisten mitunter als „killer language“ bezeichnet. Nicht unüblich ist dies beispielsweise in Regionen, in denen Englisch sich zunächst als lingua franca einbürgert und mit der Zeit zur Muttersprache neuer Generationen wird. Die Rede ist in diesem Zusammenhang häufig von „linguistischem Imperialismus“. Eine Diskussion dieser These sprengt wohl den Rahmen dieses Blogartikels (da sie auch in unmittelbareren Kontexten nicht unumstritten ist) – für Sprachinteressierte ist sie aber trotzdem spannende Gedanken-Nahrung.

Ein letztes Argument gegen die Verwendung von Anglizismen basiert auf eher praktischen Bedenken: Nicht jeder Mensch in Deutschland ist der englischen Sprache mächtig. Es kann daher nicht davon ausgegangen werden, dass ein neuer Anglizismus ohne vorherige Erklärung (auf deutsch) überall verstanden wird. Wer beim Schreiben sicherstellen möchte, dass jeder Leser auch wirklich jedes Wort versteht, verzichtet auf Fremdwörter und setzt stattdessen auf möglichst prägnante Be- oder Umschreibungen.

Zusammenfassung: Wer sich an Anglizismen im Deutschen stört, deutet diese vor allem als Ausdruck schlechten Stils oder als Zeichen eines mangelnden Ausdrucksvermögens. Denn die deutsche Sprache bietet eigentlich genügend kreativen Spielraum, um unzählige neue Begriffe frei zu erfinden. Und tatsächlich finden sich Anglizismen vor allem in informativen Texten oder in der Umgangssprache (dazu später mehr) und vergleichsweise selten in Textarten, in denen die Form der Sprache eine wichtige Rolle spielt – beispielsweise in der Poesie oder Belletristik. Es liegt daher nahe, anzunehmen, dass diese Ansicht von vielen Menschen geteilt wird.

Anglizismen sind eine praktische Erweiterung der deutschen Sprache!

Es wurde zu Beginn schon erwähnt, dass die Verbreitung von Anglizismen vor allem praktische Gründe haben dürfte. So ist es in der Regel einfacher und schneller, für neue Konzepte bestehende Wörter aus dem Englischen zu übernehmen (Internet, Boxershorts, Fast Food) und gegebenenfalls einzudeutschen (chillen, updaten, downloaden), als neue deutsche Wörter zu erfinden. Da das Aufkommen neumodischer Konzepte in einigen Branchen üblicher ist als in anderen, ist auch die Verbreitung englischer Fremdwörter von Branche zu Branche unterschiedlich. „Betroffen“ sind natürlich gerade neue Märkte wie der Online-Marketingbereich, in denen sich ständig neue Trends, Produkte und Buzzwords ergeben. Auch wir von content.de können uns da nicht rausnehmen – immerhin befindet sich dieser Blog nicht auf inhalt.de.

Übrigens: In Deutschland gibt es viele sog. „Scheinanglizismen“, die zwar englisch klingen, für englische Muttersprachler aber eine ganz andere (oder keine) Bedeutung haben. Ein naheliegender Klassiker ist hier das „Handy“, das Briten eher als „mobile phone“ und Amerikaner eher als „cell phone“ bezeichnen würden. Vielzitiert ist auch das etwas düstere Beispiel „Public Viewing“. In den USA bezeichnet dieser Begriff nämlich nicht das, was wir auch „Rudelgucken“ nennen, sondern die öffentliche Aufbahrung von Verstorbenen. Vuvuzelas und Feierlaune sind hier wohl eher fehl am Platz… Weitere Perlen des „Denglischen“ finden Sie hier.

Das Beispiel „Rudelgucken“ vs. „Public Viewing“ zeigt, dass sich für recht neue Phänomene leicht Begriffe aus beiden Sprachen bilden lassen, die sich nahtlos in den deutschen Sprachgebrauch einfügen. Die Auswahl der verfügbaren Ausdrücke im Deutschen wird so nicht eingeengt, sondern erweitert. Das Ganze lässt sich also auch aus einer positiven Perspektive betrachten: Anglizismen verdrängen keine deutschen Wörter, sondern bereichern den Wortschatz um neue Ausdrucksmöglichkeiten.

Ein letzter kurzer Einwurf: Im internationalen Vergleich ist eine Einsprachigkeit wie die der Deutschen übrigens eher die Ausnahme als die Regel. Sprachwissenschaftler schätzen, dass in Europa nur rund drei bis vier Prozent aller Sprachen der Welt gesprochen werden – und das sind (je nach Definition) 2500 bis 8000! Vor allem auf dem afrikanischen Kontinent ist es üblich, gleich mit mehreren Sprachen aufzuwachsen. Die „Sprachvermischung“, die wir in Deutschland beobachten, ist also international betrachtet eigentlich eine Kleinigkeit.

Zusammenfassung: Wer sich an Anglizismen nicht stört oder diese sogar mit Vorliebe verwendet, tut dies in der Regel aus praktischen Gründen. Deswegen finden sich englische Fremdwörter vor allem in Texten, deren Funktion wichtiger ist als ihre Form: Das gilt zum Beispiel für wissenschaftliche Texte (v.a. in naturwissenschaftlichen oder technischen Disziplinen) oder für Webtexte, da diese möglichst viele Informationen möglichst schnell, unmittelbar und prägnant vermitteln sollen.

Können wir uns nicht auf einen Kompromiss einigen?

Nicht wirklich. Denn es wird bei einem Vergleich dieser Positionen recht schnell klar, warum sich keine abschließende Antwort finden lässt, die den Streit zwischen Anglizismen-Fans und -Feinden ein für alle Mal schlichtet: Kritische Bedenken entspringen häufig einer stilistischen Perspektive, während die Argumente gegen diese Kritik aus einer eher pragmatischen Warte kommen. Solange es Menschen gibt, die bei Texten stilistischen Aspekten den Vorrang geben, und solche, die die praktischen Aspekte für wichtiger erachten, wird also auch diese Diskussion nicht abbrechen. Ein Ende der Verbreitung von Anglizismen im Deutschen ist so bald ebenfalls nicht zu erwarten – vermutlich nicht einmal, wenn wir ein Fremdwörter-Komitee nach isländischem Beispiel gründeten.

 

Wir interessieren uns für Ihre Meinung zu diesem Thema: Wo würden Sie Ihre Position in dieser Diskussion verorten? Stören Anglizismen Ihr ästhetisches Empfinden oder schätzen Sie als Texterin oder Texter ihre Dynamik und praktischen Vorzüge? Wir freuen uns auf Ihre Beiträge in den Kommentaren!

 

4 thoughts on “Die deutsche Sprache im Wandel: Verfall oder Relaunch?

  • 12. September 2014 at 20:29
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    Guten Abend!

    Noch zum Wochenausklang trotz der Messe einen Artikel zu lesen, der sich mit Anglizismen, die so sehr zu polarisieren scheinen, beschäftigt, macht eindeutig Spaß.

    Mich stören allerdings die importierten, wenn auch wie erwähnt manchmal falschen (Handy) Begriffe sehr viel weniger als die schlecht bzw. Wort für Wort übersetzten, vielfach wohl dem „Es muss den Lippenbewegungen der Schauspieler entsprechen“ Gedanken entspringenden Synchronübersetzungen, die Einzug in unseren Sprachgebrauch halten. Ein Beispiel wäre das leider auch hier erscheinende relativ neue „nicht wirklich“, das sich munter mit solch Absurditäten wie „meine Mama…“ aus dem Mund gestandener 27 Jähriger paart. Besonders scheußlich finde ich die wichtigtuerische Übertragung „Das Ding ist…“ The thing is, nun ja, aber das Ding ist? Hmm, fehlt da nicht was? Ich könnte noch x Beispiele finden, mache ich aber nicht. Möge jeder so sprechen oder schreiben, wie er will, oder wie es ihm (und seinem Fernsehkonsum) entspricht.“

    Gruß, Bea

  • 14. September 2014 at 12:29
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    Sprache ist etwas Lebendiges, das sich laufend ändert. Das merkt man zum Beispiel dann, wenn man sich einmal mit der deutschen Sprache auseinandersetzen muss, wie sie vor einigen hundert Jahren war.
    Ich erinnere mich noch genau an die Phase meines Abiturs, als wir Walther von der Vogelweide oder den Parzival durchgenommen haben und wir oft regelrecht raten mussten, was die Dichter von damals denn haben sagen wollen.
    Das ist in anderen Sprachen nicht anders.
    In einem Schüler-Lehrer-Eltern Chor war ich einmal dabei, den Messias von Händel und die Carmina Burana mitzusingen, auch in den Ursprungssprachen, die darin vorkommen. Man glaubt zuweilen, es sei Latein, aber das ist es nicht, es klingt nur so ähnlich.
    Schon immer haben auch Einflüsse aus anderen Ländern unsere eigene Sprache verändert. Manches wurde übernommen, anderes nicht.
    Woran es liegt, was übernommen oder eher abgelehnt wird, hat sicherlich viele Gründe.
    Ich persönlich orientiere mich am Text, den ich zu schreiben habe, wenn ich entscheide, ob ich dort Anglizismen oder Begriffe aus anderen Sprachen verwende. Da ich in der letzten Zeit unendlich viele Texte über Möbel verfasst habe, habe ich das Wort Ambiente oder Begriffe wie spartanisch nicht selten benutzt, weil sie einfach dazu passten.
    Spartanisch klingt gut, auch wenn mein Eindruck von so manch einem Möbelstück in Wirklichkeit der war: „Himmel wie grausam, wer stellt sich sowas in seine Wohnung?“ Es war eben nicht mein persönlicher Geschmack, weil ich Dinge ohne Schnick-Schnack und Schnörkel nicht mag. Jemand anders könnte es lieben. Also sucht man als Texter nach einem Ausdruck, der gut klingt. Das muss dann doch nicht unbedingt einer sein, der deutsche Wurzeln hat.
    Mag sein, dass ich einer Generation entstamme, die kurz nach Kriegsende nicht unbedingt gelernt hat, stolz auf unser Heimatland zu sein. Es fällt mir noch immer schwer, selbst bei einer Sportveranstaltung begeistert auf der Seite unserer Spieler zu sein. Die Angst, rassistisch zu sein, steckt Menschen meines Alters schon von der Erziehung her, sich dafür zu schämen, als Deutsche auf die Welt gekommen zu sein, dazu zu tief in den Knochen.
    Vielleicht ist das der Grund, warum ich nicht zu den Leuten gehöre, die Anglizismen ablehnen.
    Falls jemand hier Martin Heidegger gelesen haben sollte, über den ich während meines Studiums einen Schein habe machen müssen, kann ich Euch versichern, dass Deutsch pur ziemlich grausam klingen kann. Heidegger ist nämlich darür bekannt, alles erbarmunslos einzudeutschen.

    LG
    Renate

  • 16. September 2014 at 16:48
    Permalink

    „Kritische Bedenken entspringen häufig einer stilistischen Perspektive, während die Argumente gegen diese Kritik aus einer eher pragmatischen Warte kommen.“

    Nicht, wenn die Form dem Inhalt/der inhaltlichen Absicht folgt. So ist es jedenfalls bei gutem Design. Ergo: Gute Texte sind auch dann stilistisch ein Genuss, wenn sie Anglizismen gekonnt einsetzen :-)!

    LG! Birgit Brüggehofe

  • 17. September 2014 at 10:10
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    Erst einmal danke für den höchst lesenswerten Artikel. Ich denke, wir müssen bei der Beurteilung dieses Phänomens sprachideologische Verbohrtheit vermeiden.

    Seitdem es denkende, sprechende und in neue Lebensräume vorstoßende Menschen gib, vermischen sich Sprachen. Das ist gut so, weil damit auch andere Weltanschauungen, die gut für die Entwicklung der Menschheit sind, Verbreitung finden. Dieses Phänomen hat sich in einer Welt, die wirtschaftlich und nachrichtentechnisch heute ein globales Dorf ist, natürlich beschleunigt. Mag sein, dass eingedeutschte Englischwörter, die englische Muttersprachler gar nicht oder falsch verstehen, irgendwie komisch sind – aber entscheidend ist doch: Dort, wo sie gesprochen werden, versteht sie jeder richtig. Public viewing ist in Deutschland eben Rudelgucken und nicht öffentliche Leichaufbahrung.

    Problematisch wird diese Entwicklung, wenn es sich tatsächlich um einen Sprachimperialismus handelt, der aus den USA kommend über den IT-Bereich einen menschenfressenden Kapitalismus verbreitet und die Sprachen ausbluten lässt. Im Deutschen sind damit zum Beispiel die Umlaute ä,ü,ö gefährdet, weil es die Gewinnmargen amerikanischer Computerhersteller reduziert, die auf ihren Tastaturen diese Zeichen einfach nicht mehr vorsehen. Das ist natürlich nicht akzeptabel, weil jede Sprache, jedes Zeichensystem die Welt bereichert. Das Bildsymbol-Alphabet der fernöstlichen Sprachen transportiert zum Beispiel ein völlig anderes Welt- und Menschenbild als das dem deutschen zugrundeliegende lateinische Alphabet, das mit einer begrenzten Anzahl von Zeichen seriell eine beliebige Menge von Wörtern erschafft. Ideengeschichtlich betrachtet ist es deswegen zum Beispiel kein Zufall, das Industrialisierung und Kapitalismus in Europa entstanden und nicht in China. „Die Welt ist eine Funktion der Sprache“: Dieser ungefähr 250 Jahre alte Satz des Wilhelm von Humboldt war, ist und bleibt richtig.

    Ansonsten rate ich zu Gelassenheit: Solange es Vereine zur Sprachpflege gibt mit geselligen Aspekten wie das plattdeutsche „Quaterstübchen“, solange in der Schweiz die rätoromanische Sprache vom Staat mit Gesetzen und finanzieller Förderung in erheblicher Größenordnung geschützt wird, solange wir die Sprachen aussterbender, indogener Völker archivieren, demonstriert der Mensch noch Interesse an der Sprachenvielfalt. Dagegen hat die von Gewinnerwartungen gesteuerte Anglifizierung der Weltsprachen keine Chance. Die Diskusssion darüber, wie wir sie gerade im content-blog führen, zeigt ja auch schon, das wir diesen Trend nicht unwidersprochen und unreflektiert hinnehmen. Und dort, wo herausragende deutsche Gegenwartsphilosophen, Peter Sloterdijk zum Beispiel, das Englische benutzen, bereichert es Sprache und Geist.

    Und im übrigen wollen wir eines nicht vergessen: Die weltweite Dominanz der englischen Sprache in Verbindung mit dem Internet sorgt dafür, dass kein Diktator auf dem Globus mehr sein Volk einsperren und belügen kann. Der weltweite Informationsaustausch ist nicht zu stoppen und führt zu Befreiungsbewegungen, mit den die Menschen ihre Lebensverhältnisse zu verbessern versuchen. Angesichts solcher Entwicklungen kann ich mit den Nachteilen des Anglizismus gut leben.
    Das meint und grüßt
    Peter Umlauf

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