Tücken des Dativs unter der Lupe

Tücken des Dativs unter der Lupe

„Einmal kapiert ihm jedem, dem Dativ …“ – so einheitlich geregelt wäre manches mit diesem Kasus leichter. Doch die deutsche Grammatik ist nicht immer logisch und gleichförmig. Fehler im Gebrauch des Dativs ergeben sich aber offenbar nicht nur aus der Annahme, sie sei logischer, als sie ist, sondern auch aus der gegenteiligen Vermutung. Die Dativendungen sind in der Tat verwirrend, wenn man dazu keine Regel im Kopf hat. Manche Artikel (der, das, ein), Adjektive (schön) und Partizipien (begeisternd, vollendet) können mal die eine, mal die andere Form annehmen. Mal bekommt ein Adjektiv oder Partizip ein -em, mal ein -en angehängt. Aber wann denn nun was? Englisch ist doch irgendwie einfacher, warum nicht auch das Deutsche?

Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass bei allen erweiterten Dativen im Maskulinum oder Neutrum ein Wort auf -m enden muss, alle weiteren Wörter funktionieren verschieden. Bei den Artikeln im Dativ ist die Einhaltung dieser Regel selbstverständlich.

dem Gesang

Folgt dem Artikel ein Adjektiv oder Partizip, so bekommt es – im Unterschied zum Jiddischen – kein -em, sondern ein -en als Endung (das uns verwirrenderweise auch beim Akkusativ begegnet, aber diesen Umstand sollten wir jetzt ignorieren).

dem schönen Gesang

dem begeisternden Gesang

einem schönen Gesang

 

Dies gilt auch nach Zusammenziehungen aus Präpositionen und Artikeln:

vom schönen Gesang

 

Ist kein Artikel vorhanden, muss die Endung -em trotzdem vorkommen, daher übernimmt das Adjektiv oder Partizip dieses Anhängsel:

mit schönem Gesang

mit begeisterndem Gesang

 

Folgen ein weitere Adjektive oder Partizipien, so bekommen diese dieselbe Endung wie das vorangegangene:

 

dem/einem schönen, ausdrucksvollen Gesang

mit schönem, ausdrucksvollem Gesang

 

Dies gilt auch dann, wenn zwischen den Adjektiven bzw. Partizipien noch andere Wörter stehen:

Mit schönem, auch lautere Orchesterpassagen überstrahlendem Gesang

 

Tücken des Dativs unter der Lupe

Eine im Grunde einfache Regel, die aber häufig nicht eingehalten wird. Teilweise könnte dies daran liegen, dass früher auch „mit schönem, ausdrucksvollen Gesang“ richtig war. Wer noch diese alte Regel gelernt hat, tut sich vielleicht schwerer mit dem doppelten -em. Auch ein Dialekt, der keine formalen Unterschiede zwischen Dativ und Akkusativ aufweist, kann manchen bei den Endungen im Hochdeutschen einen Streich spielen. Wer gar mit Jiddisch aufgewachsen ist, hat erst recht zu kämpfen.

Deshalb tut man gut daran, sich die oben beschriebene Regel zu merken und zur Übung ein paarmal anzuwenden. Fassen wir noch einmal zusammen:

Ein -m muss im Dativ immer vorhanden sein; mehrere aufeinanderfolgende Adjektive oder Partizipien im Dativ erhalten alle dieselbe Endung: bei erweiterten Dativen mit Artikel ein -n, bei solchen ohne Artikel ein -m. 

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3 thoughts on “Tücken des Dativs unter der Lupe

  • 17. Januar 2018 at 20:46
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    „Teilweise könnte dies daran liegen, dass früher auch „mit schönem, ausdrucksvollen Gesang“ richtig war.“ Glauben Sie das wirklich? Da wäre ich auf ein Beispiel gespannt :-)!

  • 18. Januar 2018 at 11:19
    Permalink

    Liebe Frau Brüggehofe,

    ja, ich glaube es wirklich. Bastian Sick zitiert hierzu aus dem Duden:

    Im Duden-Band 9 über „Richtiges und gutes Deutsch“ findet man unter der Überschrift „Besonderheiten der Adjektivdeklination“ den Hinweis:

    „Die frühere Regel, dass in diesen Fällen beim Dativ Singular das zweite Adjektiv schwach gebeut werden müsse (bei dunklem bayerischen Bier), gilt nicht mehr.“

    (Ob der Rechtschreibfehler hier vom Duden oder von Sick stammt, habe ich jetzt nicht geprüft.)

    Weitere Beispiele führt er im Artikel an. Siehe:
    http://bastiansick.de/kolumnen/fragen-an-den-zwiebelfisch/nach-gutem-alten-brauch-oder-nach-gutem-altem-brauch/

  • 19. Januar 2018 at 10:12
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    Hallo Frau Lohmann und vielen Dank,

    als Thomas-Mann-Verehrerin (den Sick auf jener Seite ja auch zitiert) sollte ich eigentlich wissen, dass dies möglich ist. Aber ich habe noch eine andere, für mich interessantere Entdeckung gemacht: Irgendwo in meinem Gehirn ging eine Tür aus der Sexta auf, die mich daran erinnerte, dass ich eben diese Regel vor Urzeiten selbst gelernt und benutzt habe ;-).
    Diese Tür habe ich schnell wieder zugemacht – klingt heute einfach nur noch gruselig :-)!

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