Ein Pfeil und ein M

Eine weitere Kindergeschichte für unsere Osteraktion. Diesmal von Autorin Eule1:

Alle nannten mich Rostbirne wegen meiner roten Haare. In England bezeichnen sie Leute wie mich als „ginger people“. Das klingt irgendwie netter, finde ich. Eigentlich heiße ich Sandra und mein echter Name stört mich kein bisschen.

In meiner alten Klasse ging ich noch gern zur Schule. Das änderte sich jedoch schlagartig, als ich in die 6a hochgestuft wurde, weil man mir nachsagte, dass ich zu schlau für die fünfte Klasse sei. (Den Schulstoff für das gesamte Jahr hatte ich mir schon kurz nach den Sommerferien aus den Schulbüchern angelesen.)

Alles fing mit einer gehässigen Bemerkung meines neuen Klassenlehrers an. Ich reckte meinen Arm in die drückende Mittagshitze, um eine Frage zu seinem langatmigen Vortrag über die alten Germanen zu stellen. Erst ignorierte er meine Meldung minutenlang, dann öffnete er seine Arme theatralisch und sagte mit einem gekünstelten Unterton in die müden Gesichter meiner Klassenkameraden: „Fräulein Rotschopf weiß es natürlich wieder besser. Was hast du uns nun wieder Inhaltsreiches mitzuteilen?“ Er zog dabei eine Augenbraue bis über den graumetallischen Brillenrand hoch, so dass sich eine achtungsvolle Differenz zwischen Auge und Braue ergab. „Du brauchst doch nicht gleich rot anzulaufen.“, tönte er weiter. „Die Klasse möchte sicher liebend gern von deinen neuen hochwissenschaftlichen Erkenntnissen über unsere Urahnen erfahren, stimmt’s?“ Er warf sich triumphierend in den Rücken und erntete schallendes Gelächter.

Muss ich erwähnen, dass ich sofort anfing zu weinen?

In der Pause stieß mich Viktor auf dem Schulhof unsanft in die Schulter und schrie: „Heulboje! Soll ich dir einen Eimer holen, Rostbirne, damit die Nordsee nicht überläuft?“ Paul, Niels und Leon bekamen einen Lachanfall. Ich kämpfte damit, die Tränen aufzuhalten. Leider vergeblich. Paul krümmte sich bereits am Boden und haute sich mit der flachen Hand auf die Schenkel. Viktor rieb sich mit den Fäusten demonstrativ die Augen und äffte unseren Geschichtslehrer nach. „Was hast du uns nun wieder Inhaltsreiches mitzuteilen?“ Die Jungs kugelten sich in ihre dicken Bäuche hinein und prusteten sich gegenseitig zu.

„Hör auf zu heulen, Rostbirne, es tut schon weh.“, schrie Paul.

Wenigstens bereitete es ihnen Bauchschmerzen, dass sie mich auslachten, dachte ich. Aber es war nur ein schwacher Trost.

Britta aus meiner Parallelklasse schob sich neben mich und zog mich am T-Shirt beiseite.

„Das sind doch Würste!“, rief sie Viktor und Kumpanen entgegen und legte mir einen Arm auf die Schulter. „Aber ich kann dich verstehen.“, flüsterte sie in mein Ohr. „Es ist bestimmt nicht leicht,  viel zu wissen und so sensibel zu sein.“

Ich sah sie traurig an. Wir entfernten uns von den Anderen, um ungestört zu reden.

Unter dem Kirschbaum war unser Lieblingsplatz, den wir immer aufsuchten, wenn einer von uns etwas Wichtiges zu besprechen hatte. Die dichten Zweige neigten sich bis kurz über den Boden herab, so dass sie eine Art Schutzglocke um die dahinter stehenden Personen errichteten. Mir kam es manchmal so vor, als könnte der Baum von Außenstehenden nicht betreten werden, wenn ich mit Britta Neuigkeiten austauschte. Aber das war wahrscheinlich eine von meinen vielen Einbildungen, die ich zuhauf mit mir herumtrug.

Mit ihren halblangen braunen Haaren und ihrer selbstbewussten Art, in der sie mit Viktor und seiner Gefolgschaft umging, zog Britta keinerlei Gelächter auf sich.

Ich starrte wie so oft auf die Pflastersteine, die den Boden in einem Mosaik um den Kirschbaum zierten. Die meisten Steine waren ziemlich hell. Einige dagegen hoben sich in einem blassen Rotton von den umgebenden Klötzen ab, wenn man etwas genauer hinsah.

„Was geht eigentlich immer in dir vor, wenn du auf den Boden siehst?“, wollte Britta wissen.

„Ach nichts.“, erwiderte ich achselzuckend. „Es ist nur…“, begann ich zögerlich. „Ist dir schon mal aufgefallen, dass die Steine in der Mitte eine Rune bilden?“ – „Eine was?“, fragte Britta kopfschüttelnd. Sie wusste also nicht, wovon ich sprach.

„Runen sind bedeutsame altgermanische Schriftzeichen.“, erklärte ich ihr. „Aber bestimmt interessiert es dich nicht.“

„Doch, erzähl mir mehr davon. Was weißt du über diese Rune hier?“

Der Pfeil aus roten Steinen vor uns ist das Zeichen Teiwaz. Es steht für Mut, Tapferkeit und so weiter.“

„Schau mal hier.“, sagte Britta plötzlich und wies mit der Hand in die Richtung, in die der Pfeil zeigte.

„Unglaublich, eine zweite Rune!“, staunte ich. Ein großes M erschien kaum erkennbar vor meinen Augen.

„Was hat das zu bedeuten?“ fragte Britta und strich sich sorgsam eine Strähne aus ihrem Gesicht.

„Ich weiß es nicht.“, antwortete ich ehrlich. „Aber vielleicht ist das Zeichen in meinem Geschichtsbuch abgebildet.“ Ich zückte meine Schultasche und zog das zerfledderte Büchlein hervor, das seine Seiten nur noch spärlich zusammen hielt. Viktor hatte immer wieder einzelne Seiten herausgezogen bis es mehr einer Zettelsammlung als einem Buch glich. Ich hatte mir noch keine Ausrede überlegt, warum das Buch in diesem Zustand war, wenn ich es wieder abgeben musste.

Einige Kirschblüten landeten auf dem schwarzbedruckten Papier und übersäten es mit einem zarten Rosaton, der mir sehr gefiel. Ein frischer Kirschduft entfleuchte der Pastellfarbe. Ich blätterte weiter, bis ich auf die Seite mit der Runentabelle stieß. Mein Zeigefinger suchte nach dem M-Symbol. Ich spürte die zarten Erhebungen der Druckerschwärze unter meiner Fingerkuppe wie winzige Balken, die aus dem Papier hervortraten. Dann hielt ich an. Eine hochgestellte Neunzehn verwies mich bei der rätselhaften Prägung auf den Index.

Ich las vor. „Ehwaz. – „Zwei Bedeutungen. Die Erste: Verbindung zwischen Ross und Reiter. Die Zweite: Kann die Beziehung zwischen zwei Menschen voraussagen. – Klingt interessant. Oder, Britta?!“

Ich blickte auf. Britta war wie vom Erdboden verschluckt. Ich sah umher und trat kurz hinter dem Kirschbaum hervor, aber auch dort war sie nicht zu finden. Ich musste sie wohl doch zutiefst gelangweilt haben. Traurig ließ ich mich auf den Pflastersteinen nieder und begann über unsere Freundschaft nachzudenken. War sie wirklich meine Freundin oder bildete ich mir das nur ein? Vielleicht redete sie hinter meinem Rücken schlecht über mich, so wie die anderen Mädchen. Ich stützte die Ellenbogen auf den Knien ab und nahm den Kopf in die Hände. Wäre ich doch auch so wie sie. Dann könnte mir das Gelaber der Anderen egal sein. Erneut liefen Tränen aus meinem Gesicht und tropften auf die roten Steine.

Plötzlich gab der Boden nach. Ich meine, ich sank ein Stück ab. War das möglich? Ich bemerkte, dass ich auf dem Pfeil-Symbol saß. Ich stand auf und die Steine hoben sich wieder ebenerdig an. Bestimmt halluzinierte ich jetzt auch noch. Das hatte ich nun von meiner tollen Entdeckung auf dem Schulhof. Ihr bescheuerten Runen, lasst mich doch in Ruhe, dachte ich.

Mit einem lauten Plopp verschwand die gewohnte Umgebung wie in einem Sogstrudel. Ängstlich kniff ich die Augen zusammen. Als ich sie langsam wieder öffnete, war vom Schulhof weit und breit nichts zu sehen. Auch Viktor und seine Gang waren außer Sichtweite. Das mächtige Schulgebäude war wie vom Erdboden verschluckt. Nur der Kirschbaum stand inmitten einer endlosen Steppe da, als hätte die Veränderung um ihn herum niemals stattgefunden. Er ließ die Kirschblüten wie eh und je von sich herabsegeln und streckte seinen Wurzeln zwischen den Pflastersteinen aus. Die geheimnisvollen Runen waren verschwunden. Nun, das war wirklich ein schlechter Scherz von Viktor und den Anderen. Was hatten sie sich nun wieder ausgedacht, um mich hereinzulegen?

Die Augusthitze hatte sich in einen kühlen Steppenwind verflogen. Ich fröstelte. Wo waren nur alle? Ich traute mich nicht, dies laut auszusprechen. Bestimmt lachten mich dann alle aus, wenn sie mich jetzt sehen konnten. Ich musste mir einen guten Plan überlegen, um herauszubekommen, was mit mir passiert war, ohne dass es irgendwer mitbekam.

Die umliegende Grasebene wirkte unfassbar weit in ihrer Ausdehnung. Als hätte sie keinen Anfang und kein Ende. Einzig am Horizont regte sich ein kleiner brauner Punkt. Ich erschrak, als ich feststellte, dass der Punkt immer größer wurde, was daran lag, dass er sich auf mich zu bewegte. Mein schlimmster Albtraum sollte also Wirklichkeit werden. Die ganze Klasse schaute mich in diesem Moment vermutlich an, während ich ängstlich den Horizont beobachtete. Sollte es mit mir zu Ende sein? War das alles, wozu mich meine Hirngespinste gebracht hatten? Hatte mein letztes Stündlein jetzt geschlagen? Nie zuvor hatte ich mich so einsam wie in diesem Augenblick gefühlt.

Der Punkt donnerte unaufhörlich auf mich zu. Ferne Schritte wurden immer lauter und schneller. Sie schienen zu galoppieren, als gäbe es kein Morgen mehr. Etwas sagte mir, dass es sich wohl um ein Pferd handeln musste.

Erleichtert sah ich ich den langen dunkelbraunen Schweif, der hinter dem rostbraunen Pferdekörper hin und her schwang. Als das Tier mich erblickte, wechselte es in einen Trab über und schritt dann gemächlich auf mich zu.

„Steig auf.“, schien das Pferd zu sagen und senkte seinen imposanten Rücken herab. Ohne darüber nachzudenken nahm ich das Angebot an und kletterte hinauf. Das Ross kam mir unheimlich vertraut vor. Als hätte ich es schon einmal irgendwo gesehen. Das Pferd schüttelte hingebungsvoll seine braune Mähne.

„Wohin gehen wir?“, flüsterte ich und erstaunte über meine direkte Frage.

„Wohin du willst, antwortete das Pferd, als wäre es das Normalste von der Welt, von seinem Reiter gefragt zu werden, wohin er wollte.

„Mir egal.“, sagte ich, doch dann besann ich mich eines Besseren: „Ich will frei sein.“, rief ich plötzlich und vergaß Viktors Grinsen. Das Pferd warf sich in einen beachtlichen Galopp und wir zischten über die Wiesen.

Meine roten Haare wehten mit dem braunen Pferdepony um die Wette. Mein wiehernder Begleiter sprang in kraftvollen Sätzen über tiefe Gräben und meterhohe Erdhügel als wären sie kleine Unebenheiten des Bodens. Ich lachte immer noch, als die einsame Steppe sich plötzlich verwandelte. Das satte grüne Gras verkümmerte und verhärtete sich zu blassgrauen Pflastersteinen. Die Pferdehufe klackerten über den Asphalt. Der Kirschbaum hob seine Zweige und ließ uns unter seine rosafarbene Schutzschicht eintreten. Dann hielt mein Pferd an und ließ mich abspringen. Ich sah mich um. Das Schulgebäude ragte wieder hinter den Zweigen in die Höhe.

Ich wollte mich gerade bei meinem treuen Begleiter bedanken und ihn sanft abklopfen, als der lange Pferdekörper seitlich zusammenstauchte und merklich schrumpfte. Das Pferdegesicht verformte sich zu Brittas Antlitz. Sie lächelte mich verschwörerisch an.

„Na, zeigen wir’s denen?“ fragte sie mich und lachte über Viktor und seine Kumpel, die sich in den Kirschzweigen verheddert hatten. Da wusste ich, dass ich eine echte Freundin gefunden hatte und schlug in ihre erhobene Hand ein.

 

2 thoughts on “Ein Pfeil und ein M

  • 19. April 2013 at 10:58
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    Wunderschön und geheimnisvoll. Prima erzählt.

  • 20. April 2013 at 09:44
    Permalink

    Vielen Dank für Ihr Lob!

    Autorin eule1

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