Journalistisches Genre: die Kritik

Zeitung - Kultur

Die zahlreichen Buchrezensionen, Filmbesprechungen, Konzert- und Theaterkritiken, die wir täglich in Zeitungen, Magazinen und auf Online-Bewertungsportalen lesen können, werden längst nicht mehr nur von ausgebildeten Journalisten geschrieben.

Ihre Meinung ist im World Wide Web heute gefragter denn je – umso wichtiger ist es, sich bei deren Äußerung an ein paar Regeln zu halten. In dieser Woche stellen wir Ihnen im Rahmen unserer Reihe „Journalistische Genres“ die Kritik vor.

Ein Synonym für die meist schriftlich geäußerte Kritik eines kulturellen Werkes lautet „Rezension“ (Musterung, Besprechung).

Definition

Die Kritik gehört zu den meinungsäußernden Darstellungsformen und unterscheidet sich damit klar von der Meldung.

Ihr Betrachtungsgegenstand ist traditionell ein Werk der Literatur bzw. der bildenden oder darstellenden Kunst. Hinzugekommen sind in den letzten Jahrzehnten neue Medien wie Computerspiele und Anwendungen wie Apps. Die kritische Bewertung eines Produktes (Testbericht) wird ebenfalls als Rezension bezeichnet und hat als wesentlicher Faktor bei der Kaufentscheidung an Bedeutung gewonnen.

 

Kritische Kulturberichterstattung: der richtige Mix aus Information und Meinung

Bei der Kritik handelt sich um eine funktionale Mischform. Es fließen verschiedene Elemente anderer journalistischer Darstellungsformen in die Kritik ein, so z. B. des Berichts, der Reportage und des Kommentars. Sie verbindet Information und Meinung bzw. Interpretation.

Oft gerät im täglichen Sprachgebrauch in Vergessenheit, dass Kritik nicht per se eine negative Meinungsäußerung ist, sondern allgemein „die Beurteilung eines Gegenstandes oder einer Handlung anhand von Maßstäben“ (wikipedia.de) bezeichnet. Diese Maßstäbe sind im Rahmen der Kritik (engl. Review) offenzulegen; auch dies gehört zum Wesen der Kritik.

Als Teil des Feuilletons, also des Kulturteils einer Zeitung (manchmal einfach mit „Kultur“ überschrieben), erscheinen Rezensionen/Kritiken in der Regel kurz vor oder nach der Veröffentlichung bzw. Aufführung des kritisierten Werkes. Daher wird der Begriff „Feuilleton“ zuweilen selbst mit dem der „Kritik“ gleichgesetzt. In diesem Ressort finden sich jedoch Beiträge verschiedener journalistischer Genres wieder. Oft wurde das klassische Feuilleton schon für bedeutungslos oder gar tot erklärt – doch Totgesagte leben ja bekanntlich länger. Darüber hinaus ermöglicht das Web 2.0 zahlreiche neue Formen der Meinungsäußerung.

 

Ein Genre, viele Sparten

Die kulturelle Kritik im engeren Sinne kann unterteilt werden in folgende Spezialbereiche:

  • Literaturkritik
  • Theaterkritik
  • Filmkritik
  • Konzertkritik
  • Musikkritik
  • Veranstaltungskritik
  • Kunstkritik
  • Spielkritik

Der formale Aufbau einer Kritik hängt stark von der jeweiligen Kategorie ab.

Bei einer Buchrezension sind beispielsweise zu Beginn Autor, Titel und Verlag samt Erscheinungsjahr zu nennen, bei einem Theaterstück erfolgt am Ende der Kritik in der Regel ein Hinweis auf die nächsten Aufführungstermine und -orte, den Kartenvorverkauf und/oder es wird auf die Homepage des Ensembles bzw. der Spielstätte verwiesen.

Anders als bei der Meldung sind Sie beim Verfassen der Überschrift recht frei. Sie können ein Zitat aufgreifen oder eine Headline wählen, die sich erst beim Lesen des Artikels erschließt. Sie darf ruhig ein bisschen geheimnisvoll klingen, um die Neugier des Lesers zu wecken.

Aufbau und Umfang hängen unter anderem auch von den Vorgaben des Print-Mediums oder Online-Portals ab, in dem eine Kritik veröffentlicht wird.

 

Was muss eine Kritik leisten?

Die Kritik erfüllt im Rahmen des Kulturjournalismus mehrere Aufgaben. Sie liefert einen Bericht über ein kulturelles Geschehnis, das gleichzeitig kommentiert wird. Das Ereignis wird vom Kritiker beschrieben und bewertet. Meist ist eine knappe Inhaltsangabe Bestandteil der Kritik. Außerdem müssen Sie als Verfasser dem Leser Handlung und Figuren erläutern bzw. Infos zum Autor oder Künstler liefern. Eine professionelle Kritik erfordert eine umfassende Recherche. Vor dem Hintergrund der ermittelten Fakten erfolgt die Einordnung, Interpretation und persönliche Wertung des Gesehenen und/oder Gehörten. Die Kritik soll den Leser in die Lage versetzen, sich ein Bild vom besprochenen Gegenstand zu machen, ohne diesen selbst zu kennen.

Eine Kritik muss immer authentisch und aus erster Hand sein.

Selbst eine Theateraufführung ist nur bedingt wiederholbar und daher einzigartig. Über die Atmosphäre und die Stimmung des Publikums bei der konkreten Darbietung kann nur jemand schreiben, der dabei gewesen ist – ebenso wie über das Wetter bei Open-Air-Events. Verlässt der Kritiker das Theater oder Konzert vorzeitig, bekommt er das Entscheidende der Vorstellung eventuell gar nicht mit.

 

Entscheidungshilfe von Experten

Eine Kritik ist immer auch eine Serviceleistung für den Leser. Dieser erhält im Idealfall eine verlässliche Hilfestellung bei der Entscheidung für oder gegen das Lesen eines Buches, Anschauen eines Filmes bzw. Bühnenstücks, Anhören eines Albums, das Spielen eines PC-Games oder den Besuch eines Konzertes. Die Kritik unterstützt das Filtern kultureller Angebote.

Dass eine Kritik immer subjektiv ist und niemals absolute Gültigkeit besitzt oder beansprucht, ist dem kompetenten Adressaten klar. Er schätzt die Kritik, weil sie ihm hilft, sich zu orientieren im Dschungel der Informationen – abseits von Werbung, unabhängig und frei von Interessen Dritter, so der Ehrenkodex. Das oberste Gebot lautet: Bleiben Sie fair. Egal, wie schlecht ein Werk oder eine Darbietung Ihres Erachtens ist. Begründen Sie kritische Aussagen immer, damit der Leser nachvollziehen kann, wie Sie zu Ihrer Einschätzung kommen. Machen Sie Ihre Bewertungskriterien transparent.

 

Meinungsbetont und zielgruppengerecht formuliert

So viele Formen es gibt, so vieler Sprachstile bedienen sich die Kritiker/Rezensenten.

Die Sprache einer Kritik muss an den Fachjargon der jeweiligen Zielgruppe angepasst sein. Für eine wissenschaftliche Literaturrezension gelten andere (sprachliche) Regeln als für einen Platten-Review, der in einem Heavy-Metal-Magazin veröffentlicht wird. Theaterkenner und Kunstbegeisterte haben wiederum ihre eigenen Begriffe, genauso wie passionierte Gamer. Eine Kritik über das Konzert eines hauptsächlich bei Teenies angesagten Popstars unterscheidet sich stilistisch von einem Text über eine Kunstausstellung.

Der Kritiker muss als Insider die Sprache der fachlich versierten Fans sprechen, wendet sich aber trotzdem auch an interessierte Laien.

 

Meckern kann jeder, Kritisieren will geübt sein

Wie viel Expertise ist nötig für das Schreiben einer Rezension, was qualifiziert einen Autor als Kritiker?

Wer kulturelle Kritiken verfasst, muss nicht nur gut schreiben können, sondern sich auch in der Kulturlandschaft auskennen. Man muss kein studierter Kultur-/Theater-/Musikwissenschaftler sein, um kulturelle Kritiken zu schreiben – obwohl es natürlich hilft, sich mit theoretischen Grundlagen befasst zu haben. Um Vergleiche ziehen zu können, sollten Sie wissen, was läuft und lief, über die aktuellen Entwicklungen auf dem Markt Bescheid wissen und diese einschätzen können, sich mit dem Gegenstand Ihrer Kritik ausgiebig befassen.

Neben einer motivierenden Leidenschaft für das Lesen, die Bühne oder das Kino, brauchen Sie als Kritiker Genrekenntnisse. Für professionelle Rezensionen wissenschaftlicher Publikationen ist außerdem eine eigene Expertise im entsprechenden Fachgebiet unabdingbar. Durch das Verfassen von Rezensionen können Studenten ihre Schreibfertigkeiten trainieren und ihre Publikationsliste erweitern.

Generell gilt: Eine Rezension darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden, um sich in der Fachwelt nicht zu blamieren.

Es versteht sich fast von selbst, sei an dieser Stelle aber dennoch erwähnt: Bei einer Filmkritik oder der Rezension eines Romans sollte man dem Leser nicht das Ende verraten. Schließlich wollen die Leser selbst noch das Kino aufsuchen oder das Buch lesen. Der Leser oder die Leserin möchte vom Kritiker in diesen Fällen nur richtungsweisende Einschätzungen bezüglich der Qualität und Schlüssigkeit der Handlung sowie der Leistung der Schauspieler oder des Autors erhalten.

Des Weiteren ist zu beachten: Niemals beleidigend werden und auch bei einer negativen Bewertung so fair wie möglich bleiben.

 

Kritik üben leicht gemacht

Online-Rezensionen haben das Genre der (kulturellen) Kritik revolutioniert und demokratisiert. Dank sozialer Medien hat im Internet jeder die Möglichkeit, seine Meinung kundzutun und Rezensionen zu veröffentlichen, Filme, Bücher, Ausstellungen und Künstler zu bewerten.

Die frühere Beschränkung der Kritik auf bestimmte Teilbereiche der Hochkultur ist mittlerweile obsolet geworden.

Wichtig:

Schreiben Sie nur über Themen und Produkte, mit denen Sie sich wirklich auskennen. Legen Sie Ihre Sichtweise detailliert dar und begründen Ihren Standpunkt! Texte auf Rezensionsforen wie literaturkritik.de oder livekritik.de zu verfassen, ist eine gute Übung. Diverse Online-Bewertungsportale erleichtern Ihnen die ersten Schritte dadurch, dass eigene Anleitungen als Leitfaden für die Bewertung zur Verfügung gestellt werden. 

Seien Sie mutig und urteilen Sie selbst!

Für weitere Anregungen lesen Sie unser Experten-Interview.

 

Was müssen Sie als Verfasser kultureller Kritiken beachten?

Wir haben jemanden gefragt, der sich mit der Thematik auskennt.

Im Interview: Michael Welling

Michael verfasst als freier Mitarbeiter regelmäßig Veranstaltungskritiken für den lokalen Kulturteil des Westfälischen Volksblattes Paderborn. Er beschäftigt sich haupt- und nebenberuflich mit Kultur, war früher selbst in der Paderborner Amateurtheater- und Kleinkunstszene aktiv und kennt sich mit Veranstaltungs- und Bühnentechnik aus – beides kommt ihm bei seinem Job als Kritiker zugute.

 

content.de: Welche Kriterien entscheiden darüber, wie Du eine Kulturveranstaltung beurteilst?

W.: Die Maßstäbe, die ich bei der Bewertung anlege, hängen von der Art der Veranstaltung und meiner Erwartungshaltung ab. Bei künstlerischen Darbietungen von Amateuren (z. B. Kirchenchöre, Schultheater) bin ich natürlich nicht so streng wie bei professionellen künstlerischen Acts, die durch entsprechende Werbung angepriesen werden (z. B. Musicalshows, Tourneetheater, Comedy- und Kabarett-Stars).

Unter anderem berücksichtige ich das Preis-Leistungs-Verhältnis. Ich schaue mir an, ob die Bühnenshow und die Effekte stimmen. Wenn ein Künstler oder eine Gruppe z. B. 50 Euro Eintritt verlangt und die musikalische Begleitung aus der Konserve kommt, weil am Orchester gespart wird, sind die Erwartungen ganz klar nicht erfüllt.

Mein Gesamturteil richtet sich nach dem selbstformulierten Anspruch der Künstler, der Qualität der Performance und den Publikumsreaktionen.

 

content.de: Was ist einfacher zu schreiben, eine gute Kritik oder ein Verriss?

W.: Natürlich schreibt sich eine (berechtigte) wohlwollende Kritik in der Regel leichter. Ein Verriss ist immer problematisch. Da fragt man sich noch einmal mehr, ob man richtig liegt mit seiner Einschätzung, schließlich hat man eine gewisse Verantwortung und macht sich angreifbar. Es bleibt letztendlich immer ein subjektiver Eindruck, den man in Worte fassen muss – bis auf Fakten wie gute oder schlechte Besucherzahlen etc.

Als Besonderheit für den Raum Paderborn/Bielefeld muss erwähnt werden, dass es hier zwei Zeitungen gibt, während es in den meisten Städten im Ruhrgebiet beispielsweise nur eine Lokalzeitung gibt. Man ist, wenn man in Ostwestfalen eine Kritik veröffentlicht, also nicht allein meinungsbildend, hat keine Monopolstellung; die Leser können sich auch bei der Konkurrenz informieren und vergleichen.

Abgesehen von Kritiken, die sich auf Theaterpremieren beziehen, habe ich in der Regel keinen großen Einfluss darauf, ob Leute sich Karten für eine Veranstaltung kaufen oder nicht. Meist handelt es sich um einmalige Events (Konzerte, Comedy-Veranstaltungen), über die ich berichte. Man schreibt für Leute, die das kulturelle Geschehen in der Region verfolgen. Manche sagen sich dann: „Da habe ich wohl was verpasst“ oder „Gut, dass ich nicht da war“. Wenn weitere Vorstellungen folgen, kann ich eine mehr oder weniger direkte Empfehlung abgeben, nach dem Motto: Lohnt sich bzw. lohnt sich nicht, hinzugehen.

 

content.de: Kann man Kulturkritik lernen? Welche Tipps hast Du für Anfänger, die ihre ersten Kritiken schreiben?

W.: Aufmerksam beobachten und fair berichten, sich vorher schlau machen und über den Tellerrand hinausschauen, Entwicklungen verfolgen – das heißt auch: selbst viel lesen.

Bis in die 1990er Jahre war es üblich, Standardwerke wie Reclams Schauspiel-, Musik- und Musicalführer zu Rate zu ziehen. Heute hat man es etwas einfacher: Vieles lässt sich mit ein paar Klicks im Internet recherchieren, so z. B. die Handlung eines Theaterstücks oder Namen von Produzenten. Wer eine Veranstaltungskritik schreibt, sollte sich unbedingt persönliche Notizen machen und auch in der Pause die Ohren aufhalten, die Stimmung aufnehmen.

Hintergrundwissen und Szenekenntnis sind – zumindest, wenn man für die Zeitung arbeiten will – natürlich von Vorteil und gern gesehen, ebenso wie ein souveräner Umgang mit der Fotokamera. Es ist wichtig, sich eine vernünftige Ausrüstung zuzulegen; mit dem Handy zu fotografieren, reicht nicht. „Learning by doing“ ist durchaus möglich, wenn man gerne schreibt und ein Grundinteresse für Kultur bzw. spezielle kulturelle Themenbereiche hat.

Das gilt für Online-Kritiken wohl ebenso wie für den Printbereich: Spaß an der Sache, Zeit in die Vor- und Nachbereitung zu investieren, die Bereitschaft, sich ernsthaft mit dem Gegenstand seiner Kritik auseinanderzusetzen und eine gewisse Sachkenntnis sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass das Verfassen guter, ehrlicher Kritiken gelingt, die einen Mehrwert für den Leser haben. Gerade zu Anfang ist es wichtig, Feedback von Freunden und Bekannten einzuholen und an seinem Stil zu feilen.

 

content.de: Wie ist ein typischer Artikel dieser Sparte aufgebaut – wie viel Berichterstattung und wie viel Meinung ist üblich bzw. erlaubt?

W.:Das variiert. Beschreibung, Inhaltsangabe und Wertung wechseln sich ab bzw. gehen ineinander über. Wo es sich anbietet, kann man mit wörtlichen Zitaten von Künstlern arbeiten. Indem man diese einbindet, lässt sich gut ein Bezug zur Stadt und den individuellen, nicht austauschbaren Details des Auftritts herstellen.

Die Textlänge hängt davon ab, wie viele Zeilen die Redaktion wünscht. Was die Gewichtung von Berichterstattung und Meinungsäußerung betrifft: in etwa 80 zu 20 bzw. 70 zu 30 Prozent, würde ich sagen – je nachdem, was das Stück oder die Show hergibt. Wenn alles rund läuft, die Darbietung aber auch nicht herausragend ist, gibt es weniger zu sagen als bei offensichtlichen Pannen oder Glanzleistungen. Im „Sommerloch“ bzw. wenn kulturell sonst nichts los ist, muss man ggf. mehr „drumherum schreiben“, statt nur knappe, pointierte Kritiken zu verfassen.

Abgesehen von solchen Sachzwängen fungiert die Redaktion natürlich auch als Korrektiv in puncto Meinungsäußerung – falls ich mal überkritisch bin, kommt ggf. eine Nachfrage, ob es wirklich so schlecht war. Generell habe ich da als Autor aber freie Hand und stehe mit meinem Namen dafür ein, was ich schreibe.

 

content.de: Schaust Du auch, was andere schreiben und beeinflusst dies ggf. Deine eigene Meinung?

W.: Ich informiere mich vorher – klar, gehe mit einer bestimmten Erwartungshaltung heran, versuche aber, mich nicht zu sehr vom bereits Gelesenen beeinflussen zu lassen. Das geht bei vielem auch gar nicht, gerade bei rein lokalen Terminen.

Bekannte Künstler kennt man schon aus dem Fernsehen und hat eventuell vorher eine Meinung, ob man den oder die persönlich witzig findet bzw. die Musik mag. Aber das spielt keine Rolle, es zählt immer der konkrete Auftritt.

Natürlich bietet es sich an, seine Begleitperson (sofern vorhanden) nach ihren Eindrücken zu fragen, um ggf. eine andere Meinung einzuholen. Mit der Zeit entwickelt man jedoch unabhängig davon ein Gespür dafür, wie eine kulturelle Darbietung beim Publikum ankommt. Letztendlich bleibt eine kulturelle Kritik aber immer subjektiv, sie zu verfassen, ist ein Balanceakt. Man muss abwägen: Die eigene Kritik und die Meinung des zahlenden Publikums müssen bestenfalls in einer ausgewogenen Darstellung zusammengeführt werden.

 

content.de: Wer austeilt, muss auch einstecken können. Wie gehst Du mit Kritik, z. B. Reaktionen in Form von Leserbriefen, um?

W.: Soviel vorweg: Das kommt nicht sehr oft vor, meist nur ein- oder zweimal im Jahr bei ca. 50 Artikeln, die ich in diesem Zeitraum schreibe. Aber natürlich wird man selbst auch hinterfragt und muss damit rechnen, für starke Meinungsäußerungen, besonders negative, kritisiert zu werden.

Wenn das passiert, setze ich mich damit auseinander. Meist kommt die Kritik aus dem Umfeld der Akteure (Management/Verwandte etc.); das muss man aushalten können und verstehen, ggf. nochmal das persönliche Gespräch suchen.

Missverständnisse können z. B. auch durch notwendige Kürzungen bei der redaktionellen Nachbearbeitung entstehen, durch die der Text dann einen anderen Sinn ergibt oder eine etwas andere Gewichtung bekommt als ursprünglich beabsichtigt. Darauf habe ich kaum Einfluss, kann mich aber darauf verlassen, dass die Redaktion im Zweifelsfall hinter mir steht.

 

Vielen Dank an Michael Welling & allen passionierten Kritikern viel Spaß beim Schreiben!

 

Auszüge aus Kritiken von M. W. (Westfälisches Volksblatt PB)

„Fast volles Haus am Freitagabend auf der Freilichtbühne Schloß Neuhaus: Musste man wettermäßig bis zuletzt bangen, erlebte das diesjährige Abendstück „Das Haus in Montevideo“ seine Premiere bei herrlichstem Sommerwetter und die zahlreichen Akteure waren heiß darauf, „endlich nicht mehr vor leeren Rängen zu agieren, wie bei den Proben“. Auf den ersten Blick wirkt der Inhalt des Stückes etwas angestaubt, die schon zweimal verfilmte Vorlage von Curt Goetz ist immerhin schon fast 70 Jahre alt. Doch die Freilichtbühnentruppe um Regisseur Willy Hövelborn ist frisch ans Werk gegangen, hat zeitgenössische Musik und Texte eingebaut und insgesamt für zwei spritzige Stunden Unterhaltung mit so manchem Lacher gesorgt. […]“

 

„Auf eine turbulente Showreise zurück in die Musik der 80er Jahre hatten sich wohl viele der dreihundert Besucher in der Paderhalle gefreut, doch was sie zu sehen bekamen hatte mit dem versprochenen „unvergesslichen Ausflug in die Welt der 80er Jahre“ leider nur wenig zu tun. […]

Die Songtitel sollten die Handlung führen, passten aber oftmals nicht und wirkten zusammengewürfelt. Die vier tanzenden Sängerinnen und die drei singenden Tänzer bemühten sich nach Kräften, stießen bei den vielen unterschiedlichen und ständig wechselnden Songs stimmlich aber schnell an ihre Grenzen. Begleitet wurden sie von einer Band, was für solch eine Tournee-Produktion erstaunlich ist. Aber leider dominierten hier Bass und Schlagzeug dermaßen, dass der insgesamt ziemlich matschige Sound nur noch verstärkt wurde. […]“

10 thoughts on “Journalistisches Genre: die Kritik

  • 28. August 2015 at 12:51
    Permalink

    …ach, dürften wir hier doch öfter einmal eine Kritik schreiben – umso leichter würde das Bejubeln von Boxershorts, Esstischen aus Sonoma Eiche Nachbildung und innovativen Nudelmaschinen fallen. Gebt dem Texterhirn öfter mal etwas zum Kritisieren, liebe Auftraggeber – wir können das nämlich…

    Gruß, Bea

  • 31. August 2015 at 17:34
    Permalink

    Hallo in die Runde,

    bis jetzt bin ich (23 Jahre Lokaltageszeitungsredakteur) mit allen Artikeln zu journalistischen Textsorten einverstanden. Gut auch die Idee, von den bisherigen Strukturen abzuweichen und einmal einen Kulturredakteur im Interview zu Wort kommen zu lassen.
    @Bea: Tja, Bea, ich bedaure gewiss genauso wie Sie, dass es nur wenige Texte mit journalistischem Anspruch für die Content-Autoren gibt. Aber das ist wohl unvermeidlich in dieser Branche, dass wir überwiegend Gebrauchstexte über Sachthemen schreiben.
    Dennoch meine Frage an die Content-Chefetage: Zeitungen sourcen doch alles nur Erdenkliche aus – deswegen erwischte es ja auch mich für fünf Jahren. Dieser Trend kostete wie vielen Anderen vor und nach mir auch mich meinen festen Job mit Tarifgehalt. Aber ist das nicht ein neues Feld, Herr Sigge und Co, auf dem Content Aufträge akquirieren könnte?
    Ich tauge mit meiner Bildungs- und Berufsbiographie für (fast) Alles in diesem Bereich: Bundesliga-Handball oder Kreisklasse-Fußball, Kino, Theater, Kleinkunst, Kabarett, Buch- oder Musikrezension, Amateurtheater, Ballett, wissenschaftliche Vorträge im Umfeld von Universitäten und und und …
    Gespannt auf eine mögliche Erweiterung des Auftragsspektrums ist und grüßt
    Peter Umlauf.

  • 1. September 2015 at 13:14
    Permalink

    @PETER UMLAUF

    Ja, lieber Peter Umlauf,

    ich denke, wie Sie haben wie viele der hier Tätigen auch mal etwas gemacht, das sie erfüllt hat und ihnen Sicherheit und einen angemessenen Lohn brachte. Aber wie heißt es heute so „schön“ :Jeder ist ersetzbar? Ich bin, ehrlich gesagt, froh, das Texten erst seit wenigen Jahren zu betreiben, nicht an eigener Haut erlebt zu haben, wie sich die Branche gewandelt hat. Ich kenne aber jemanden, der hat früher allein mit dem Kreieren EINES Slogans in dem ja auch sehr viel Zeit und Kreativität steckt) so viel Geld verdient, wie wir heute bei strammem Durcharbeiten in einer Woche. Aber die Zeiten sind vorbei, ein Slogan wird heute eben auch pro Wort bezahlt – habe selbst mal so etwas geliefert.

    Was tun, privat den schönen Künsten frönen – oder sehen Sie eine andere Lösung?

    Gruß, Bea

  • 1. September 2015 at 15:15
    Permalink

    Lieber Herr Umlauf,

    auch ich kenne die Zeitungsbranche ganz gut. Der Trend geht beim Outsourcen ehr dahin, Bereiche wie Reise/Motor/Kultur von andere Zeitungen zuzukaufen, bzw. gemeinsam zu produzieren. Auch sonst werden Volontäre nach Abschluss der Ausbildung gerne in die Selbstständigkeit entlassen und leisten Ihre Arbeit als „feste Freie“. Hier und da agieren wir schon als Zulieferer, aber dieser Markt ist tatsächlich schwer zu erreichen, da es trotz aller Outsourcing-Bestrebungen immer noch Berührungsängste gibt.

  • 2. September 2015 at 10:55
    Permalink

    Hallo, Bea, guten Tag, Herr Sigge,

    ja, wie soll ich auf Ihre Beiträge antworten? Vielleicht mit dem Liedermacher Konstantin Wecker: „Alle liegen sie richtig, alle haben sie Recht. Jeder hat’s erfunden, jeder liebt Bert Brecht. Jeder liebt auch Heine und wie schon betont: Alle liegen sie richtig, keiner wird verschont.“

    @Bea: Ja, ich genieße die schönen Künste privat, bin immer noch ein Bücherfresser, als Zeitungsleser allerdings mittlerweile fast nur noch online unterwegs. Dabei schätze ich vor allem die „Nachdenkseiten“ im Netz, die ein deutlich anderes Bild von der Welt zeichnen als die etablierten Medien. Ich meine: ein besseres, differenzierteres und ehrlicheres – auch wenn sie mir manchmal etwas sehr starrköpfig-esoterisch daherkommen. Ansonsten bin ich froh, in einem Ort zu leben, der vom öffentlich subventionierten Theater bis zur experiementierfreudigen freien Szene alles bietet: vom Jazzkonzert in der Kellerkneipe bis zum Symphoniekonzert mit 60-köpfigem Orchester. Und alles genieße ich.

    @Herr Sigge: Volle Zustimmung zu Ihren Sätzen, das Alles habe ich ja in meinen letzten Redakteursjahren selbst miterlebt. Bei Serviceseiten zu Reise- und Autothemen geht es ja schon längst weiter in eine verhängnisvolle Richtung: Die Presseabteilungen von Tourismus- und KFZ-Wirtschaft liefern inzwischen nicht nur Texte und Bilder, sondern fertige Seiten, die sich mit ein paar Mausklicks auf jedes Zeitungslayout umformen lassen. Sie erscheinen dann in den Zeitungen wohlgemerkt ohne den Hinweis, dass es sich hier nicht um eigenständige journalistische Arbeit handelt sondern um Pressematerial.

    Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, greifen Redaktionen bei immer knapper werdendem Personal auch zu folgender Herangehensweise: Immer häufiger besuchen sie in der Kommunalpolitik inzwischen keine Sitzungen von Stadt- und Gemeinderäten mehr, sondern telefonieren am nächsten Tag nur noch mit dem Protokollanten der Verwaltung und den Fraktionsvorsitzenden. Auch das steht dann in der Zeitung ohne den Hinweis, dass der Berichterstatter selbst gar nicht anwesend war bei der Sitzung. Dass immer mehr interessierte Menschen das kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen, wenn Sie diesen Unfug lesen und die Zeitung abbestellen, ist nicht verwunderlich.

    Ich glaube, Herr Sigge, die Verlage sind unverändert gezwungen, sich nach neuen Möglichkeiten umzuschauen – egal ob für den Print- oder Onlineauftritt. Ich habe für Content schon redaktionelle Beiträge geschrieben, die auf den Anzeigenseiten für den Stellenmarkt erschienen. Ist das nicht ein Einstiegsfenster für neue Aufgabenfelder? Content-Autoren können Artikel liefern, die in früheren Zeiten mit der Formulierung umschrieben wurden: „Wir schaffen das geeignete redaktionelle Umfeld für Ihre Anzeigen“.

    Dass ich über Content eher weniger Aufträge als Kulturkritiker oder Buchrezensent bekomme, ist mir klar. Aber selbst das sollten wir als möglichen Markt im Auge behalten: Die Zeitungsleser sind es leid, dass sie als Literaturkritik nur den abgeschriebenen Buchklappentext bekommen – und sie merken das auch und sind „sauer“ darüber. Sie haben Autoren auf Ihrer Honorarliste, Herr Sigge, die auch auf diesem Feld „unique content“ liefern können – ich bin da gewiss nicht der einzige. Vielleicht lohnt es sich, dafür offensiv zu werben – bei den Medien genauso wie bei den Kulturproduzenten.

    Das meint und grüßt
    Peter Umlauf

  • 3. September 2015 at 11:51
    Permalink

    Ich noch mal …

    Danke für den interessanten Blick hinter die Kulissen der Journaille. Ich kann nicht anders, mein Hirn beschäftigt sich nun verstärkt mit dem, was wir hier machen, und in wie weit wir auch zur Abflachung der Qualität von Texten jeglicher Art beitragen. Da hier Zeit Geld ist, ist für eine umfangreiche Recherche gar kein Platz (sonst würde das Honorar ins Bodenlose stürzen), also gibt man sich doch oft mit dem Produzieren leichter Kost zufrieden, die aber scheint´s gerne von den Lesern genommen wird. Der Kreislauf ist deutlich: Texte ohne Tiefgang wirken sich auch auf das allgemeine Denken aus. Mal kurz ein Thema scannen, passt schon, weiß Bescheid, kann mitreden. Wohin soll das noch führen?

    Ein wenig pessimistisch grüßt Bea und freut sich über Literatur, der man anmerkt, dass ordentlich Zeit investiert wurde. Ich denke da zum Beispiel an Margaret Atwoods Romane …

  • 5. September 2015 at 10:58
    Permalink

    Hallo Bea,

    dann bleiben wir doch mal im Gespräch und ich weise auf unterschiedliche Textsorten und ihre Anforderungen hin.

    Im Journalismus war es in meinen letzten Jahren tatsächlich bei zunehmender Personalknappheit so, dass man Themen nicht mehr nach der Bedeutung aussuchte sondern nach dem Zeitaufwand für die Recherche. Im Journalismus ist das schlimm, bei Content gewiss nicht. Ein Journalist trägt zur gesellschaftlichen Bewusstseinsbildung bei, ein Content-Autor zur Verkaufsförderung. Das ist völlig in Ordnung und ich habe dabei auch keine Gewissensbisse oder moralische Skrupel, solange hier keine Aufträge von kolumbianischen Drogenbossen oder syrischen Menschenschleppern auftauchen. Ich bin aber ganz sicher, Herr Sigge, dass Sie so etwas nicht annehmen würden – mal ganz abgesehen davon, dass dann auch Post vom Staatsanwalt ins Haus käme.

    Im übrigen tragen auch Gebrauchstexte zur Bewusstseinsbildung bei und sind sogar Teil der Deutsch-Lehrpläne an Schulen. Bei meinem kurzen Beruf-Intermezzo als Lehramtsanwärter habe ich eine Unterrichtsreihe zur Werbung mit dem Internet-Auftritt von Greenpeace abgeschlossen. Die Schülerinnen und Schüler lernten dabei, dass auch Werbung für Weltanschauungen – in diesem Fall einer Umweltschutzorganisation – den gleichen Prinzipien folgt wie die für Zahnpasta zum Beispiel.

    Es kommt leider viel zu selten vor, aber ich habe für content auch schon über Deutsch-Unterrichtsreihen, Probleme an Grundschulen vor dem zunehmenden Migrations-Hintergrund der Kinder und Jugendlichen sowie über Umweltschutz-Organisationen in China geschrieben. Meinen Kopf und meine Seele füllt dieser Job hier aus – ganz abgesehen davon, dass der Arbeitsmarkt mir etwas Anderes ja auch nicht mehr anbietet.

    Liebe Grüße von
    Peter Umlauf – der in diesem Jahr noch seinen 61. Geburtstag erleidet 🙂

  • 7. September 2015 at 12:26
    Permalink

    @Peter Umlauf

    Keine Panik, lieber Peter Umlauf, 61 zu werden, tut gar nicht weh, und da wir doch durch diese Arbeit geistig in Schwung bleiben, kann von „alt“ sowieso nicht die Rede sein!

    Wenn Ihre Seele angesprochen wird: Glückwunsch! Ist doch wunderbar.

    Es grüßt Bea

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