Von Wörtern und Unwörtern

Texter jonglieren täglich mit ihnen. Seit 1977 ermittelt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) das Wort eines jeden Jahres. Grundlage für diese Wortfindung ist die Auswertung der Medien des jeweiligen Jahres. Dabei handelt es sich um ein für das betreffende Jahr besonders charakteristisches Wort.

Als Gegenspieler hierzu wurde erstmals im Jahr 1991 mit dem Begriff »ausländerfrei« das Unwort des Jahres gekürt. Hierbei handelt es sich um einen mahnenden Zeigefinger, der Fehlgriffe bei der Wortwahl in der öffentlichen Kommunikation – da sachlich überzogen oder gar die Menschenwürde verletzend – tadelt.

Die Übersicht der Begriffe finden Sie in der nachfolgenden Tabelle:

11 thoughts on “Von Wörtern und Unwörtern

  • 20. September 2018 at 12:44
    Permalink

    Warum posten Sie nahezu kommentarlos eine Liste, die in gleicher Form an -zig anderen Stellen einzusehen ist? Wo bleibt hier für die Leser der vielgerühmte Mehrwert?

  • 20. September 2018 at 13:53
    Permalink

    Vielen Dank für Ihren Kommentar.
    Im ersten Schritt wollten wir diese Liste nochmals ins Gedächtnis rufen, da diese nicht permanent präsent ist.
    Gerne nehmen wir Ihren Vorschlag auf und machen uns Gedanken, wie wir dem Ganzen noch etwas Mehrwert geben können.

  • 25. September 2018 at 13:07
    Permalink

    Ich fange mal an mit etwas Mehrwert, Herr Ahlers, also:
    die Liste der Wörter und Unwörter dokumentiert das Zeitgeschehen jener Jahre. „Konspirative Wohnung“ (1978) gehörte zur Terrorismus-Epoche in Deutschland und Westeuropa. Die Rote Armee Fraktion (RAF) ermordete damals gezielt Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft und Justiz. Es war die von den Sicherheitsbehörden so bezeichnete „zweite Generation“ der RAF nach den Gründern Andreas Baader und Ulrike Meinhof, der diese Taten zuzuschreiben sind. Dazu gehörte unter anderem Peter Jürgen Boock, 1977 einer der Hauptverantwortlichen bei der Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Diese Ereignisse gehören zum „Deutschen Herbst 1977“: ein Begriff, der es erstaunlicherweise nicht zum Wort des Jahres schaffte. Dabei wäre er wesentlich aussagekräftiger gewesen als „Szene“, für die sich Jury 1977 entschied.
    Einige Begriffe wie „Tschernobyl“ (1986) erklären sich von selbst: Atomunfall in der Ukraine, Super-GAU nach Kernschmelze. Das gilt auch für das Begriffspaar „Aids / Kondom“ (1987): Damals rückte diese nach wie vor unheilbare Krankheit ins Bewusstsein der Menschen.
    Andere Worte wie „Superwahljahr“ (1994) muss selbst ein politisch interessierter, informierter und engagierter Mensch wie ich googlen: Tatsächlich fanden in diesem Jahr in Deutschland insgesamt 20 (!) Urnengänge statt. Natürlich mussten nicht immer alle wahlberechtigten Deutschen ihre Entscheidungen treffen: Das war nur bei den Voten zum Bundestag und zum Europaparlament nötig. Die Vielzahl an Landtags- und Kommunalwahlen dieses Jahres bringt Deutschland 1994 auf die erstaunliche Zahl von 20 Urnengängen. Die Bundesbürger zeigten dabei übrigens großes Interesse an diesem wichtigsten Handwerkszeug der Demokratie: Die Wahlbeteiligungen waren durchweg gut – deutlich höher als heute.
    Erstaunlich erscheint im Rückblick, dass es ein Begriff wie „Rot-Grün“ 1998 zum Wort des Jahres schaffte. Heute sind oder waren in Bund, Ländern und Kommunen die Grünen als Teil der Regierungsmehrheiten oder der Ratsmehrheiten in Gemeinde-, Stadt- oder Kreistagen selbstverständlich. Anlass für die Wahl zum Wort des Jahres war, das 1998 zum ersten Mal eine Rot-Grüne Bundesregierung antrat mit Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und Außenminister Joschka Fischer (Bündnis 90/Die Grünen).
    Die Unwörter des Jahres wie „betriebsratsverseucht“ (2009) zeigen den immer noch herrschenden Zeitgeist: Wir leben in der Epoche des Casino-Kapitalismus, dem es nur noch um Gewinne geht – nicht mehr um das Schicksal des einzelnen Menschen, der Gesellschaft oder der globalen Gerechtigkeit.
    Soviel von mir – wer liefert noch?

    Gruß an die content.de-community von
    Peter Umlauf

  • 25. September 2018 at 14:02
    Permalink

    Hallo Herr Umlauf,

    vielen Dank für Ihren Beitrag, der den von Ihnen ausgewählten Begriffen jeweils eine kleine Story gewährt.

    Ich denke jeder unserer Leser hat seine ganz eigenen Erinnerungen an den einen oder anderen Begriff. Und nicht alle Begriffe sind für den Einzelnen mit Erinnerungen verbunden. Was jedoch aus der Liste auch deutlich nachzulesen ist, ist der gesellschaftliche Wandel, der permanent stattfindet und immer auch einen Einfluss in unsere Sprache findet.

    Insofern ist es in Tat sehr spannend zu erfahren, wer mit welchem Begriff auf seine ganz persönliche Art und Weise verbunden ist.

    Mit besten Grüßen an alle Leser
    Marius Ahlers

  • 28. September 2018 at 14:33
    Permalink

    Okay, ich revidiere: Durch eine intensive Recherche für den „Arbeitskreis Aufarbeitung der Hexenverfolgung in Sachsen“ waren mir die Herkunft, der allmähliche Bedeutungswandel und die späte(re) Etablierung des Begriffs „Holocaust“ bekannt – dass er zum fraglichen Zeitpunkt sogar „Wort des Jahres“ geworden ist, überraschte mich nun aber doch. Insofern: Danke für den Mehrwert. 😉

  • 30. September 2018 at 00:51
    Permalink

    Hallo, Frau Kollegin, guten Tag in die Runde,

    dass „Holocaust“ zum Wort des Jahres 1979 wurde, ist keineswegs überraschend: Dafür gibt es einen ganz banalen Hintergrund. Es ist die vierteilige Fernsehserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“. Gedreht für das amerikanische Fernsehen und in den USA ein großer Erfolg, lief sie im Januar 1979 auch im Deutschen Fernsehen – verteilt auf fünf Tage. Sie erzielte gewaltige Einschaltquoten zwischen zehn und fünfzehn Millionen Zuschauern pro Folge. Im Anschluss an die vier Sendetermine gab es Open-End-Diskussionen, bei denen sich das Fernsehpublikum zu Wort melden konnte. Über 20.000 (!) Zuschauer kontaktierten die Redaktionen: Die Ausstrahlung fand in den „Dritten Programmen“ der ARD statt, die man dafür zusammenschaltete.

    Diese Fernsehserie gilt als „erinnerungs- und mediengeschichtliche Zäsur“ in der Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland. Sie führte unter anderem dazu, dass der Bundestag 1979 die Verjährungsfrist für die Holocaust-Mörder aufhob. Das ist der Grund dafür, warum heute noch über 90-Jährige vor Gericht stehen, die zu den Kommandeuren oder Handlangern des Holocausts gehörten. Für den Politologen Peter Reichel setzte die Fernsehserie einen Meilenstein in der Mentalitätsgeschichte der BRD: Erst danach war die breite Masse der Deutschen bereit, sich mit den Verbrechen das Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.

    Soviel mit Gruß an die content.de-community von
    Peter Umlauf

  • 1. Oktober 2018 at 16:02
    Permalink

    Hallo, Frau Kollegin, guten Tag in die Runde,

    dass „Holocaust“ zum Wort des Jahres 1979 wurde, ist keineswegs überraschend: Dafür gibt es einen ganz banalen Hintergrund. Es ist die vierteilige Fernsehserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“. Gedreht für das amerikanische Fernsehen und in den USA ein großer Erfolg, lief sie im Januar 1979 auch im Deutschen Fernsehen – verteilt auf fünf Tage. Sie erzielte gewaltige Einschaltquoten zwischen zehn und fünfzehn Millionen Zuschauern pro Folge. Im Anschluss an die fünf Sendetermine gab es Open-End-Diskussionen, bei denen sich das Fernsehpublikum zu Wort melden konnte. Über 20.000 (!) Zuschauer kontaktierten die Redaktionen: Die Ausstrahlung fand in den „Dritten Programmen“ der ARD statt, die man dafür zusammenschaltete.

    Diese Fernsehserie gilt als „erinnerungs- und mediengeschichtliche Zäsur“ in der Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland. Sie führte unter anderem dazu, dass der Bundestag 1979 die Verjährungsfrist für die Holocaust-Mörder aufhob. Das ist der Grund dafür, warum heute noch über 90-Jährige vor Gericht stehen, die zu den Kommandeuren oder Handlangern des Holocausts gehörten. Für den Politologen Peter Reichel setzte die Fernsehserie einen Meilenstein in der Mentalitätsgeschichte der BRD: Erst danach war die breite Masse der Deutschen bereit, sich mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.

    Soviel mit Gruß an die content.de-community von
    Peter Umlauf

  • 2. Oktober 2018 at 10:08
    Permalink

    Texterin Bea schrieb:

    Lieber Peter,

    dieser Rückblick ist interessant und richtig/wichtig, mir kam aber schon damals und seitdem noch sehr oft (jüdische Menschen, die ich kenne, sprechen eher von der „Shoah“) der Gedanke, dass der Begriff Holocaust etwas „von sehr weit weg“ ist, dadurch aber auch griffiger, emotional weich gespült, sozusagen. Holocaust, so nennen es die Amerikaner, und wir jetzt auch, (so wie wir viele Begriffe aus dem Amerikanischen übernommen haben). Der massenhafte Mord an den Juden (und natürlich anderen Gruppen) klingt eben sehr sperrig – aber auch drastisch genug, um die Wahrheit abzubilden. Holocaust ist ein Wort, das mich immer noch zum Nachdenken bringt. Gruß, Bea

  • 2. Oktober 2018 at 19:56
    Permalink

    Liebe Bea,
    das Wort stammt keinesfalls aus Amerika. Es ist seit der Antike bekannt und war seither durch alle Epochen hindurch gebräuchlich. Ursprünglich bezeichnete es ein rituelles Brandopfer (z.B. zu Ehren der Götter); später durch Katastrophen verunglückte Menschen. In Zusammenhang mit gezielten Massentötungen ist es seit 1919 etabliert; auf Juden bezogen es die Juden selbst: Zum Jahrestag der Kristallnacht prägten sie den Begriff Synagogenholocaust.

  • 2. Oktober 2018 at 23:18
    Permalink

    Danke für deine Rückmeldung, Bea,

    damit sind wir bei einer wichtigen sprachlichen und politischen Erkenntnis: Wer die Begriffe besetzt, definiert ihre Bedeutung. Ich akzeptiere beide, da sie in der Ursprungsbedeutung das Schreckliche sehr genau wiedergeben. „Holocaust“ bedeutet in der altgriechischen Herkunft „vollständig verbrannt“. „Shoa“ kommt aus dem Hebräischen und heißt „großes Unglück“.

    „Shoa“ fand sechs Jahre nach der Holocaust-Fernsehserie Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch. Grund dafür war erneut ein Film: 1985 erschien die Dokumentation von Claude Lanzmann mit dem Titel „Shoa“.

    In offenen Gesellschaften wie denen der westlichen Welt, Bea – und andere akzeptiere ich nicht – brauchen wir griffige Parolen, um das gesellschaftliche Bewusstsein zu ändern. Dazu zähle ich auch die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Vergangenheit. Wenn du gewaltlosen Fortschritt willst – und alles andere hat bislang in der Menschheitsgeschichte nicht funktioniert – muss du die Masse der Menschen von deiner Begrifflichkeit überzeugen. Das funktioniert im Bösen mit Worten wie „Nationalsozialismus“ und im Aufklärerischen mit Worten wie „Holocaust“ oder „Shoa“.

    Das meint mit Gruß an die content.de-community
    Peter Umlauf

  • 25. Oktober 2018 at 08:09
    Permalink

    Die Liste ist hilfreich, für mich.
    Und: „Weniger ist mehr“, gewinnt hier, im Kommentarfeld, sicher an Bedeutung.

    Beste Grüße

    guenter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.