Digital-Gipfel 2019 und Digitale Woche in Dortmund

Bundesminister Hubertus Heil im Gespräch mit content.de Autorin Irina Kretschmer. Foto: BMWi/BILDKRAFTWERK/Peter-Paul Weiler

Digital-Gipfel in Dortmund

Unfreiwillige Medienaufmerksamkeit erlangte der diesjährige Digital-Gipfel der Bundesregierung durch den Sturz unseres Wirtschaftsministers Peter Altmaier von der Bühne. Zu Unrecht war der Gipfel daher primär aus diesem Grund in den Nachrichten vertreten. Dabei hätte das zentrale Thema des Dortmunder Gipfels auch berichtenswert sein können. Es ging um die immer relevanter werdende Plattformökonomie, zu der auch content.de zu rechnen ist.

Sinn und Zweck des Digital-Gipfels ist es in jedem Jahr, den Stand von Forschung und Wissenschaft zum Thema Digitalisierung und das Engagement der Bundesregierung und der Wirtschaft, vertreten durch den Branchenverband bitkom, zu präsentieren. Daher setzen sich die geladenen Besucher auch primär aus Vertretern von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung zusammen.

Paneldiskussion mit dem Bundesminister für Arbeit und Soziales

Das Podium v. l.: Lars Gaede (Moderator), Andreja Schneider-Dörr (Doktorandin Universität Bremen), Dr. Arne-Christian Sigge (Vorstand content.de AG), Hubertus Heil (Bundesminister für Arbeit und Soziales), Irina Kretschmer (Autorin bei content.de), Six Silberman (IG Metall) und Geraldine de Bastion (Moderatorin). Foto: BMWi/BILDKRAFTWERK/Peter-Paul Weiler

Nachdem der Vorstand von content.de im Sommer bereits mit zwei Autorinnen an einem viertägigen Workshop der Denkfabrik des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zum Thema Plattformarbeit teilgenommen hatte, wurden wir eingeladen, an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Gute Arbeit in der Plattformökonomie“ zusammen mit dem Bundesminister Hubertus Heil teilzunehmen. Neben unserer Autorin Irina Kretschmer, Dr. Arne-Christian Sigge aus dem Vorstand der content.de AG und Six Silbermann von der IG Metall nahm noch Andreja Schneider-Dörr von der Uni Hamburg an der Podiumsdiskussion teil. Im Kern ging es dabei um folgende drei Fragen:

  • Was ist aus Ihrer Sicht gute Plattformarbeit, was macht den Reiz aus?
  • Wo sehen Sie Herausforderungen?
  • Was braucht es, um Machtverhältnisse zwischen Plattformbetreibern, Kunden und Plattformbeschäftigten fair zu gestalten?

Alle Panelteilnehmer hatten Gelegenheit, sich zu diesen Fragestellungen zu äußern. Anschließend gab es jeweils eine kurze Stellungnahme des Ministers.

Einig waren sich alle Panelteilnehmer, dass nur durch Transparenz und fairen Umgang miteinander gute Plattformarbeit möglich ist. Gute Plattformarbeit definierte Irina Kretschmer wie folgt: „Wenn alle Beteiligten Vorteile generieren, also die Plattform als Geschäftsmodell tragfähig ist – sowohl in qualitativer Hinsicht als auch in puncto Wirtschaftlichkeit, die Plattformarbeiter ihrerseits annehmbare Arbeitsbedingungen und die Chance geboten bekommen, zu ihren Ansprüchen passende Aufträge und damit Einkommen zu generieren.

Tatsächlich waren sich die Panelteilnehmer in vielen Punkten einig, auch darüber, dass der Status der Solo-Selbstständigen in der modernen Arbeitswelt mit teilweise hybriden Beschäftigungsverhältnissen durchaus Sinn macht. Bezeichnend, dass ein ver.di-Vertreter unsere Runde im Anschluss beim Kaffee ansprach und gegen diese „unmöglichen Verhältnisse im Crowdworking“ wetterte. Da war wohl jemand nicht im Thema oder einfach nur sauer, dass er nicht eingeladen war.

Ein Mittschnitt der Podiumsdiskussion inklusive aller Aussagen ist unter folgendem Link ab etwa 2:18:00 zu finden:

https://www.de.digital/DIGITAL/Navigation/DE/Service/Livestream-Digital-Gipfel-29-10-Forum-B/videostream.html

Buzzword-Bingo und die Kanzlerin

Ansonsten gab es viele interessante Gespräche und Vorträge auf dem Gipfel. So erfuhren wir, welchen Cyber-Bedrohungen ein börsennotierter Fußballverein ausgesetzt ist und dass es dabei nicht hilfreich ist, dass jeder 2. Mitarbeiter vor Jahren noch das Passwort 1909 verwendet hat. Der geneigte Fußballfan möge anhand des Standard-Passwortes und des Austragungsortes herausfinden, welcher Verein gemeint sein könnte.

Heiße Luft gab es nur selten auf der Bühne, dann aber gleich in der Scirocco-Version. Wenn Buzzword-Bingo zum Thema KI gespielt wurde, waren meist Marketingmenschen von Unternehmen aus dem Smart-Home/-Living Bereich auf der Bühne, die Sätze sagten wie „Wir setzen KI ein, um unsere KI-Plattform zu nutzen“. Glücklicherweise waren viele Menschen vor Ort, die wesentlich fundierter mit diesem Modebegriff umgehen konnten, wie beispielsweise die Mitglieder der Datenethik-Kommission, die ihre Arbeit zum Abschluss des ersten Abends vorstellten.

Den Abschluss des Gipfels bildete die Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ziemlich deutlich mahnte sie Optimismus in der Branche an und zeigte auf, in welchen Bereichen Deutschland digital nicht da steht, wo man gerne stehen würde. Gründe sah sie auch in der mangelnden Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure.

Beruhigend, dass die Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaft, Plattformbetreibern, Plattformbeschäftigten und dem Arbeitsministerium schon ganz gut angelaufen ist.

Ihr Abgang von der Bühne erfolgte unspektakulär. Zwischenzeitlich hatte der Messebauer im hinteren Bereich der Bühne einen zusätzlichen Treppen-Abgang mit Handlauf installiert.

Auftakt zur Digitalen Woche Dortmund im Fußballmuseum

Eine Woche später machen wir uns auf zur Auftaktveranstaltung der Digitalen Woche in Dortmund. Kurz vor dem Ziel wird die Fahrt des ICEs durch einen in die Oberleitung geworfenen E-Roller ausgebremst. Auch die Rückfahrt wird später durch einen Gleisbruch verzögert. Schon in der Vorwoche gab es Probleme bei An- und Abreise zum Digital-Gipfel durch ausgefallene Züge. Immerhin ermöglichte es die DB-App, schnell Alternativen zu finden.

Eingeladen hatte die Wirtschaftsförderung Dortmund zur Auftaktveranstaltung ins Fußballmuseum Dortmund. Arnd Zeigler moderierte die Veranstaltung, in der es auch um Themen wie „Zukunft der Arbeit“ gehen sollte. Da nimmt man sich doch gerne Zeit für einen weiteren Tag in Dortmund. Die Veranstaltung fand in der Multifunktionsarena statt. Im Laufe des Vormittags war es noch möglich, mit dem Fahrstuhl in die oberen Etagen zu fahren und so die menschenleere Ausstellung zu besuchen. Mittags bemerkte man dies und stellte die Aufzüge ab. Da hatten wir unseren privaten Rundgang zum Glück schon hinter uns.

Mutterseelenallein in der DFB-Schatzkammer

Etwas Unterhaltung musste sein, denn die Vorträge büßten erwartungsgemäß gegenüber dem Digital-Gipfel deutlich an Qualität ein. Statt über die Zukunft der Arbeit wurde man über die Zukunft der Firma Wilo oder den Einführungsprozess von Microsoft Teams bei Microsoft informiert.

Zurück nach Macau mit mehr Followern

So war das Highlight des Tages neben dem Besuch der Ausstellung der Vortrag der Formel-3-Fahrerin Sophia Flörsch, die über „Female Empowerment in einem männerdominierten Sport“ sprach.  Bekanntheit erlangte die 18-Jährige im letzten Jahr durch einen spektakulären Unfall beim traditionsreichen Rennen in Macau, dem sie eine Titanplatte in der Wirbelsäule verdankt.

Inzwischen hat sie auch über 280.000 Follower auf Instagram und kennt sich mit digitalem Marketing aus. Das Rennen in Macau gilt als die Krönung im Formel-3-Rennkalender. Das Rennen, das sie im letzten Jahr nicht beenden konnte, fährt sie in diesem Jahr erneut. Am Samstag steigt sie in den Flieger nach China.

2 thoughts on “Digital-Gipfel 2019 und Digitale Woche in Dortmund

  • 12. November 2019 at 13:42
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    Erst einmal Danke, Herr Sigge,

    für diesen Blick auf die beiden Veranstaltungen in Dortmund. Wie gewohnt legen Sie in wohlgesetzten Worten, die zum Schmunzeln reizen, den Finger auf die Schwachpunkte solcher Veranstaltungen und einige ihrer Referent*innen.

    Für mich ergibt sich im Rückblick auf fast sechs Jahre regelmäßige Tätigkeit für content.de auf jeden Fall eine positive Bilanz. Inzwischen gut versorgter Rentner, buche ich gerne die gelegentlich noch eintreffenden direct orders. Unsere Plattform war auf der letzten Etappe zum Altersruhestand ein wesentlicher Baustein meiner Existenzsicherung. Aber ein „wunder“ Punkt bleibt: Die Bezahlung für diese wirklich anspruchsvolle Arbeit ist zu gering – deutlich zu gering. Wie viele Menschen kommen für diese Tätigkeit in Frage? Sie fordert einen hohen formalen Bildungsabschluss, allgemeines Interesse an der Welt und schnelles, konzentriertes, effizientes Arbeiten – wenn jemand davon leben will. Vielleicht zwei bis drei von zehn Menschen bringen diese Voraussetzungen mit – mehr mit Sicherheit nicht.
    Das ist jetzt kein Vorwurf an content.de oder generell an die Arbeitgeberseite beziehungsweise die Arbeitnehmer-Vertretungen. Nein: Hier ist eindeutig der Staat gefordert. Das crowdworking ist ja okay – auch unter Klima- und Verkehrsgesichtspunkten. Wer zu Hause arbeitet, fährt nicht zur Arbeit: Er oder Sie benötigen kein Auto, keinen Platz in öffentlichen Verkehrsmitteln, keine Fahrradwege. Sie schonen somit die Infrastruktur, benötigen keine Energie und verursachen keinen Schadstoff-Ausstoß. Auch das home office trägt dazu bei. Bei uns im Haus wohnt ein Vollzeit-Beschäftigter, der bei fünf Arbeitstagen pro Woche nur noch zwei bis drei Präsenz-Tage in der Firma hat: Alles andere macht er von zu Hause aus beziehungsweise in Verkaufsgesprächen vor Ort beim Kunden.
    Das ist übrigens kein Thema, das mit dem von Menschen gemachten Klimawandel und friday for future zusammenhängt. Schon vor etwa 35 Jahren hat ein großes Versicherungsunternehmen in meiner Heimatstadt entschieden, nicht in großem Umfang neue Büroflächen zu bauen. Stattdessen wurde die Arbeitszeit flexibilisiert und die Möglichkeit, am späten Nachmittag bis weit in den Abend hinein zu arbeiten, kam bei vielen Beschäftigten hervorragend an. Ein Schreibtisch für zwei Beschäftigte hieß das Prinzip – und es wurde auch Arbeit vom Firmensitz ins home office ausgelagert: Alles unter Beteiligung des Betriebsrates und mit ausdrücklicher Zustimmung der Belegschaft.
    Und damit bin ich wieder bei den Arbeitsbedingungen der crowdworker: Es wird auch hier Systeme der sozialen Absicherung geben müssen: Ich habe diese Möglichkeit über die Künstlersozialkasse (KSK) genutzt, also Anfänge davon existieren bereits. Und es wird auch so etwas wie einen Mindestlohn geben müssen – was sich in unserem Arbeitsfeld gewiss viel komplizierter gestaltet als in Branchen mit Stundenlohn. Und wenn es keine Betriebsversammlungen mehr gibt von Angesicht zu Angesicht, müssen für den Austausch der crowdworker eben virtuelle Konferenzräume im Internet aufgebaut werden. Übrigens: Ich bin selbstverständlich auch als content.de-Texter Gewerkschaftsmitglied geblieben!

    Soviel erst einmal vom Rentner, der gerade seine nächste Fernreise plant: entweder zum Polarkreis oder nach Schwarzafrika.

    Gruß
    Peter Umlauf

  • 13. November 2019 at 10:27
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    Lieber Peter,

    schön, mal wieder von Dir zu lesen – noch nicht ganz aus dem Betrieb zurück gezogen?

    Der Hinweis auf die niedrigen, seit Jahren stagnierenden OO Tarife ist sicher berechtigt, aber wir Alle, die für Plattformen arbeiten, tragen zum Erhalt dieser Situation bei und können uns nicht mal groß zu Maßnahmen dagegen verabreden (Fridays for Faulsein, heute bleibt der PC aus …)

    „Die Politik“ kann an solchen komplexen Verhältnissen wenig ändern, Marktplatz ist Marktplatz, und Du schreibst ganz richtig: Einen Stundenlohn haben wir nicht – also auch nicht einzuklagen.

    Ich habe mir über die Kundschaft neulich ausführliche Gedanken gemacht, und mir ist klar geworden, dass vielen AGs nicht bewusst ist, dass die Open Order Preise die pure Phantasie sind. Als „Einstiegsdroge“ taugen sie aber gut: super, so billig habe ich einen Text geschossen, und der Schritt dahin, einen Autor, der zuvor für Krümel geschrieben hat, plötzlich mit dem Dreifachen, also einem drei Krümel Salär zu bedenken, wird oft vehement verweigert. (Hatte gerade so einen Fall). Was ist ein Wort wert? Keine Ahnung.

    Den Trend zu solchen Verhältnissen werden wir nicht aufhalten können, und man kann durchaus in dem System existieren, aber große Sprünge gibt es nicht.

    Bon voyage – wohin sie auch immer führt! Bea

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