Floskeln – in Maßen erlaubt oder absolut tabu?

Floskeln – in Maßen erlaubt oder absolut tabu?

Jaja, frohe Weihnachten … bla, bla, bla – her mit den Geschenken!“ Dieser Spruch, 2016 zu lesen auf der vorletzten Postkarte eines bekannten Wochenkalenders http://harenberg-kalender.de/der-fette-vogel-bricht-den-ast-2017, bringt – ganz unkonventionell – auf den Punkt, was sich viele von Ihnen in diesen Tagen insgeheim auch denken mögen: „Alle Jahre wieder die gleichen abgedroschenen Phrasen – lasst uns zum ‚Wesentlichen‘ übergehen.“ Aber mal ehrlich, wären Sie nicht auch beleidigt, wenn man Sie nicht wenigstens mit ein paar vorweihnachtlichen Floskeln und den typischen Neujahrsgrüßen bedenken würde? Klar, mehr geht immer, aber manchmal tun es doch gängige Phrasen und wohlbekannte Verse, oder nicht?

À la carte statt Einheitsbrei: Standardfloskeln ade

Das Jahr neigt sich rapide dem Ende zu – der Jahreswechsel, und damit die Zeit der großen politischen Ansprachen, naht. Vorher müssen aber noch schnell die letzten Weihnachtsgrüße geschrieben werden. Und dabei geht es uns oft nicht anders als den Politikern: Die Floskeln häufen sich, gerade unter Zeitdruck. Man will zeigen, dass man an den Adressaten gedacht hat, und verfällt unbewusst ins Floskelhafte. Doch es ist es gar nicht so schwer, seinen Grüßen eine originelle Note zu verleihen. Schon mit kleinen Variationen können Sie charakteristische persönliche Akzente setzen.

Viele Floskeln werden aus Faulheit, aus Höflichkeit oder aufgrund von Konventionen verwendet. Andere sind auf kreative Blockaden zurückzuführen. Der Einfachheit halber greift man gerne auf vermeintlich Bewährtes zurück – egal, ob man seine Grüße per Karte, E-Mail, Brief oder Kurznachricht übermittelt. Auch auf Urlaubs- und Glückwunschkarten, in Bewerbungsanschreiben und weiteren Zusammenhängen, wie dem täglichen Smalltalk in der Kantine oder im Büro, tauchen sie immer wieder auf: Floskeln. Sie sind ein bisschen wie die kleinen, harmlosen Schwestern von Vorurteilen, denn sie sorgen dafür, dass wir eine Sache nicht immer wieder aufs Neue überdenken und ausformulieren müssen. Schublade auf, einfach hineingreifen, ein Register ziehen und schon haben wir die passende Phrase, die zu einem bestimmten Anlass, Sachverhalt oder Stichwort passt. Deshalb sind diese vorformulierten Textbausteine aber auch nur das schreibtechnische Fast Food: schnell abrufbar, kurzfristig zweckerfüllend, doch wenig gehaltvoll. Es fehlt der Nähr- bzw. Mehrwert und hinterher meldet sich das schlechte Gewissen. Liebevoll serviert und originell geht anders. Von der Floskel bleibt in der Regel nichts hängen – man überliest sie rasch. Verstanden wird sie allerdings sofort und deshalb auch so gern wiederholt.

Konkret und persönlich vs. 08/15

Unser Tipp: Lassen Sie, wo immer dies möglich ist, etwas Persönliches in Ihre Grußtexte einfließen. Werden Sie konkret und schildern individuelle Begebenheiten, beispielsweise wichtige Ereignisse aus dem Familienleben oder ein Projekt, das Sie während des Jahres sehr beschäftigt hat. Dadurch hinterlassen Sie einen bleibenden Eindruck und sorgen dafür, dass ein detailliertes Bild vor den Augen des Lesers steht, an das er sich erinnern wird.

Haben Sie Mut und beweisen Sie Kreativität. Wählen Sie bei Briefen einen ungewöhnlichen Einstieg statt des üblichen „Ich hoffe, es geht Dir gut“ (gähn). Ein individuell formulierter Kartentext oder ein Brief vermittelt: Schön, da hat jemand an mich gedacht und möchte mich an seinen Gedanken teilhaben lassen.

Gerade, wenn man sich lange nicht bei jemandem gemeldet hat, ist man vielleicht verlegen und muss sich erst „warmschreiben“. Statt langer Erklärungen und Entschuldigungen können Sie alternativ beispielsweise die Höhe- und Tiefpunkte Ihres Jahres anhand von Stichworten schildern. Freunde oder gute Bekannte holen Sie so unmittelbar wieder in Ihr Leben und bieten Ihnen einen neuen Anknüpfungspunkt für die zukünftige Kommunikation. Das klappt zum Beispiel auch, indem Sie Ihre Wünsche mit einer Einladung verbinden.

Ein anderer Grund für die Verwendung von Floskeln ist, dass man den Adressaten nicht gut kennt, den neuen Geschäftspartner etwa noch nicht so recht einschätzen kann und sich daher erstmal bedeckt hält, bevor man weiß, wie er oder sie tickt. Man möchte sich nicht im Ton vergreifen, indem man zu vertraut wird, und lieber auf Nummer sicher gehen. Auch bei geschäftlichen Weihnachtsgrüßen bietet es sich jedoch oft an, auf ein konkretes Ereignis des Geschäftsjahres oder ein Meeting bzw. ein Messetreffen zu referieren, um die Grüße persönlicher zu gestalten.

Mit Floskeln gespickt: Bewerbung nach Schema F?

Viele Bewerbungen starten mit „Sehr geehrte(r) Frau/Herr […], hiermit bewerbe ich mich auf …“. Das erklärt sich meist von selbst und ist bereits der Betreffzeile des Schreibens zu entnehmen. Diese Eingangsfloskel reißt sicherlich keinen Personaler vom Hocker, sie hat sich aber etabliert. Meist wird sie sofort überlesen. Sie kann, muss aber nicht negativ bewertet werden. Hier gilt es zu unterscheiden: In traditionsbewussten Unternehmen, in Banken oder bei Ämtern wird Förmlichkeit erwartet, in kreativen Branchen sind solche Allerweltsfloskeln hingegen teilweise ein No-Go. Gerade als Autorin oder Texter sind Sie bei einer Bewerbung auf eine Stelle oder für die Mitarbeit bei einem Projekt natürlich besonders gefragt, Ihre Textkompetenz schon im Anschreiben zu beweisen. Es muss aber nicht immer „total abgefahren“ sein. Generell kommt es auf die Stelle, den Umfang der Berufserfahrung und das eigene Standing an, ob man es sich erlauben kann oder sollte, texttechnisch aus der Reihe zu fallen und damit Aufmerksamkeit zu erregen. Ein Bewerbungsschreiben für eine Azubi-Stelle in einer Behörde sollte etwas zurückhaltender ausfallen als das für einen Posten als Creative Director in einer Werbeagentur.

Die Floskelitits beginnt natürlich schon bei der Ausschreibung. Denn auch in Ausschreibungstexten wiederholen sich bestimmte Phrasen und Allgemeinplätze wie „Selbstverständlich erwarten wir […]“, „Darüber hinaus sollten Sie teamfähig sein“ etc. Der Stil der Stellenausschreibung lässt in der Regel bereits erste Rückschlüsse auf die Unternehmenskultur zu und dient der sprachlichen Orientierung. Übernehmen Sie aber keinesfalls alle Begriffe wortgetreu, sondern formulieren Sie in Ihren eigenen Worten.

Wer eine Floskel an die andere reiht, darf sich – unabhängig vom potenziellen Arbeitgeber – nicht wundern, wenn seine Bewerbung als langweilig abgestempelt und aussortiert wird. Auch bei Bewerbungsschreiben gilt: So konkret wie möglich werden und individuelle Bezüge herstellen. Begründen Sie überzeugend, warum gerade Sie der/die Richtige für den Job sind und für diesen Arbeitgeber tätig werden möchten. Punkten Sie mit Fakten statt mit leeren Phrasen!

Website-Klassiker und Business-Floskeln

Immer wieder in der Diskussion und nach wie vor weit verbreitet ist die Online-Begrüßungsfloskel „Herzlich willkommen auf unserer Website“. Als das Internet noch virtuelles Neuland war, war das der übliche Einstiegstext für eine Startseite und brachte den Stolz der Internetpioniere auf die erste eigene Website zum Ausdruck. Diese Begrüßung wird heute von vielen als überholt angesehen und nur noch übertroffen von „Schön, dass Sie uns gefunden haben“ – 90er-Jahre-Charme pur. Kreative Köpfe bevorzugen originellere Startseitentexte und empfehlen Betreibern von Online-Shops sowie anderen Dienstleistern vielfach, direkt im ersten Satz mit einem Alleinstellungsmerkmal aufzutrumpfen und der Zielgruppe damit klar zu kommunizieren, mit wem Sie es zu tun haben – ohne den Websitebesucher lange mit Floskeln aufzuhalten. Beispiel: „Ich bin Ihr Experte für Dienstleistung XY“/“Wir stellen Spezialprodukt XY her.“

So manche Floskeln, mit denen wir es täglich zu tun haben, erweisen sich bei näherem Hinsehen als (vermeintlich) absurd oder überflüssig. Beispiel: „Falls Sie noch irgendwelche Rückfragen haben, können Sie sich jederzeit an mich wenden.“ Das stimmt sicher nicht, denn selbst bei Unternehmen mit 24-Stunden-Hotlines müssen die Mitarbeiter ab und zu schlafen. Besser ist daher etwa die alternative Formulierung: „Wenn ich Ihnen bezüglich XY weiterhelfen kann, kontaktieren Sie mich gern unter […].“ Davon, dass man für Rückfragen zur Verfügung steht, kann der Adressat ohnehin ausgehen, weil das selbstverständlich ist. Diese Floskel hat somit zwar eigentlich keine inhaltliche Bedeutung, sorgt aber dafür, dass der Adressat sich willkommen fühlt, und lässt auf eine angenehme Kommunikation hoffen. Oft wird bewusst oder unbewusst so übertrieben formuliert wie im o. g. Beispiel, um guten Service zu kommunizieren. Auch umständliche Phrasen wie „[…] möchte ich mir erlauben, den Betrag XY in Rechnung zu stellen“ sind heute nicht mehr nötig und wirken etwas verstaubt. „Bitte überweisen Sie …“ ist ebenso höflich und bringt das Anliegen auf den Punkt.

Tipp: Nehmen Sie Floskeln unter die Lupe, dekodieren die Bedeutung und formulieren sie ggf. so um, wie Sie selbst gern angesprochen werden möchten. Sagen Sie es mit Ihren eigenen Worten und frischen antiquierte Redewendungen auf, sodass sie zu Ihnen und Ihrem Unternehmen passen. Wichtig: Sie müssen sich selbst damit identifizieren können.

Achten Sie außerdem darauf, möglichst unique zu formulieren, wenn Sie angebotene Produkte und Services bewerben, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Floskeln wie „Bei uns wird Qualität großgeschrieben“, „Wir sind Ihr kompetenter Ansprechpartner“, „Kundenzufriedenheit steht bei uns an erster Stelle“, „Hier ist der Kunde König“ etc. sind austauschbar und sollten aufgrund ihrer Beliebigkeit gemieden werden. Zumindest sollten sie konkretisiert und in einen individuellen Kontext gestellt werden.

Rituale und Smalltalk: Floskeln nicht überdosieren

Begrüßungs- und Verabschiedungsfloskeln sind als Rituale unentbehrlich für das kommunikative Miteinander. „Na, wie geht‘s?“ – „Muss ja!“- Selbst solche banalen Fragen und floskelhaften Antworten haben ihr Gutes: Sie funktionieren auch im Stand-by-Modus und ermöglichen energiesparendes Kommunizieren im Vorbeigehen – Kontaktpflege in der Light-Version sozusagen. Man will sich ja auch nicht immer ausführlich erklären müssen (z. B. dass es einem gerade schlecht geht).

Gäste verabschiedet man normalerweise mit „Schön, dass Ihr da wart“, „Hoffentlich sehen wir uns bald wieder“ etc. Auch diese Phrasen dienen der Beziehungspflege.

Vorsicht ist jedoch beim Smalltalk geboten, wenn man sich betont witzig geben möchte. Mit „Herzlichen Glühstrumpf“ oder „Auf Wiederschneen“ hinterlassen Sie höchstens im negativen Sinne einen bleibenden Eindruck. Was nach dem vierten Glühwein auf der Weihnachtsfeier noch lustig sein mag, ist ohne entsprechenden Pegel einfach nur peinlich, ringt Ihren Kollegen oder neuen Bekannten im besten Fall ein müdes Lächeln ab – im schlechtesten Fall sorgt so ein Spruch für akutes Fremdschämen. Also aufpassen und Floskeln sparsam verwenden, sonst heißt es ganz schnell: „Fünf Euro ins Phrasenschwein!

Exkurs: die Geburtsstunde des Phrasenschweins

Apropos Phrasenschwein – hier noch ein super Smalltalk-Thema für die nächste Feier. Das vielzitierte Phrasenschwein entstammt einem Kontext, in dem Floskeln nahezu zum Kult geworden sind und das Dreschen immer neuer Phrasen selbst schon zum sportlichen Wettkampf geworden ist. Das possierliche Tierchen wurde zuerst in der ab 1995 ausgestrahlten Sportsendung Doppelpass gesichtet, die jedem passionierten Fußballfan ein Begriff sein dürfte. Die Bundesliga-Sportberichterstattung und anschließende Spielanalysen sind ohne Floskeln wie „Der Drops ist gelutscht“ im Grunde undenkbar und so wurde das mittlerweile sprichwörtliche Phrasenschwein erfunden. Es handelt sich um ein Sparschwein, in welches in der als Fußball-Stammtisch konzipierten TV-Sendung jeder einzahlen muss, der Phrasen drischt, statt Klartext zu reden. Fans verstehen den speziellen Jargon natürlich trotzdem und die Floskeln tun hier keinem weh – sie sind fester Bestandteil des Redens über Fußballspiele.

Ein paar Klassiker des Genres finden Sie hier:

Aktives-Abseits.de

Wortreiche Weihnachten

Für alle unsere Texter, auf deren Wunschzettel seit Langem insgeheim eine Phrasendreschmaschine steht, statt vieler Worte noch ein heißer Tipp zu Weihnachten:

Testen Sie doch mal diesen Floskel-Automaten, wenn Sie zwischen „Oh Tannenbaum“ und „Dinner for One“ das dringende Bedürfnis nach neuen Texten verspüren, aber gerade nicht selbst kreativ tätig werden möchten:

http://orthografietrainer.net/service/phrasendreschmaschine.php

Als geeignetes Last-minute-Geschenk für andere Wortjongleure ist die Phrasendreschmaschine im praktischen Taschenformat zu empfehlen: http://www.metermorphosen.de/gifts/phrasen_dreschmaschine/dt/phrasen_dreschmaschine.html#

Wer sich über den aktuellen medialen Floskeltrend informieren möchte, schaut hier: https://floskelwolke.de/

In diesem Sinne: Lassen Sie die Tasten ruhig mal etwas abkühlen und gönnen sich ein wenig kurzweilige Unterhaltung mit unserem Weihnachtsfloskel-Bingo (s. u.) – zum Bleistift!

Erholsame Weihnachten und bis 2017 in alter Frische 😉

 

Hier geht‘s zum Weihnachtsfloskel-Bingo: content.de-Weihnachtsfloskel-Bingo

Mehr über Floskeln und Phrasen gibt‘s hier nachzulesen:

Tipps zum Schreiben – Teil 3: Mit sattem Inhalt überzeugen – weniger Floskeln, mehr Mehrwert!

Füllwörter erkennen und vermeiden

One thought on “Floskeln – in Maßen erlaubt oder absolut tabu?

  • 24. Dezember 2016 at 18:06
    Permalink

    So weit, so gut, Frau Klein,

    um gleich mit einer Floskel zu beginnen. Ich mache jetzt einmal den „Advokat des Teufels“ und singe das hohe Lied der Floskel. Ja, sie können schnell langweilig, eingefahren und gesprächstötend wirken – besitzen aber Vorteile.

    Floskeln sind ein sicheres Kommunikationsmuster, um ein Gespräch erst einmal in Gang zu bringen, um „warm“ zu werden miteinander- das sprachen Sie ja selbst schon an. Das ist sehr wichtig, wenn berufliche oder private Kommunikation an einem Punkt abbrach, an dem keiner mehr Lust hatte, keine Aussicht auf Lösung bestand oder es richtig kontrovers „knallte“. Es muss aber weitergehen danach, denn das Problem existiert unverändert – ob in der Familie oder im Büro. Da wird die Floskel zur Konvention, die einen sicheren Wiedereinstieg ermöglicht und auf die sich erst einmal jeder einlässt.

    Klar, mit dem persönlichen Akzent ist das schon richtig – aber mit einem Risiko behaftet. Das kann auch brutal missverstanden werden und jede weitere Verständigung oder die Wiederaufnahme des Kontakts noch schwieriger machen, als sie ohnehin schon war. Ich nehme mal Ihr Beispiel mit dem Menschen, der lange nichts hat von sich hören lassen und dann dem Bekannten oder Geschäftspartner von den Höhen und Tiefen des vergangenen Jahres berichtet. Das kann auch dazu führen, dass der Angesprochene denkt und fühlt: „Wie, das war ihr alles wichtiger als ich (unsere Geschäftsbeziehung, unser Projekt)? Jetzt fühle ich mich erst recht zurückgesetzt“.

    Was den Einstieg in schriftliche Kommunikation angeht, egal ob brieflich oder emailig, hat sich schon seit Jahren unter der Betreffzeile sowie Ort und Datum die Konvention aus dem Mündlichen eingebürgert: „Guten Tag“ oder dort, wo es privat oder auch beruflich etwas lockerer sein darf, weil man sich schon länger und gut kennt: „Hallo und guten Tag“. Damit bin ich noch nie unangenehm aufgefallen – oder reingefallen.

    Gruß an die content.de-community von
    Peter Umlauf

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